Festo verlagert die komplette Spritzgussfertigung in die Türkei und streicht in Deutschland rund 1.300 Stellen. Der Automatisierer, der anderen Betrieben Effizienz verkauft, zieht damit die eigene Basisfertigung ab. Für Entscheider im Maschinenbau steckt darin mehr als eine reine Standortfrage.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFesto gehört zu den Aushängeschildern der deutschen Automatisierungstechnik, und ausgerechnet dieses Familienunternehmen dünnt seine Produktion daheim aus. Bis 2030 wandert die Spritzgussfertigung aus dem saarländischen Werk Hassel in das globale Produktionsnetz in der Türkei. Dahinter steht ein globales Transformationsprogramm mit harten Zahlen.
Das Wichtigste in Kürze
- Festo verschiebt die gesamte Spritzgussfertigung aus dem Werk Hassel bis 2030 in sein türkisches Produktionsnetz.
- In Deutschland fallen rund 1.300 Stellen weg, bei etwa 8.200 Beschäftigten gut jede sechste Position hierzulande.
- Werksschließungen in Deutschland schließt Vorstandschef Thomas Böck aus; Hassel wird Kompetenzzentrum für Linearachsen.
- Weltweit will Festo jährlich 200 Mio. € einsparen, nach drei Jahren mit sinkendem Umsatz.
Was verlagert Festo genau in die Türkei?

Betroffen ist zuerst das Werk Hassel im Saarland. Die dortige Spritzgussfertigung für Kunststoffbauteile geht bis 2030 vollständig in das türkische Produktionsnetz über. Im Gegenzug baut Festo Hassel zum Kompetenzzentrum für Linearachsen um und zieht die Antriebstechnik aus dem nahen Rohrbach dorthin.
Der Umbau kostet Stellen. Rund 1.300 Arbeitsplätze streicht Festo in Deutschland[1], bei zuletzt etwa 8.200 Beschäftigten hierzulande gut jede sechste Position. Weltweit soll das Sparprogramm 200 Mio. € pro Jahr bringen.
Der Druck kommt aus der Bilanz. Der Umsatz ist 2025 auf 3,33 Mrd. € gefallen, ein Minus von 3,7 % und das dritte Jahr in Folge nach unten; 2022 hatte Festo noch 3,81 Mrd. € erlöst. Als Gründe nennt Festo Marktveränderungen, den schärferen Wettbewerb aus Asien und geopolitische Krisen.
Warum trifft es ausgerechnet den Spritzguss?
Die Antwort liegt in der Fertigungstiefe. Spritzguss ist energie- und lohnintensiv, wirft aber wenig Wertschöpfung ab, während Linearachsen und Kugelgewindetriebe zur margenstarken Kernkompetenz zählen. Festo behält also die hochwertige Fertigung in Deutschland und schiebt die kostensensible Basis ins Ausland.
In Hassel schließt deshalb kein Werk, wohl aber verschwindet dessen Fundament. Die Produktionsleistung am Standort soll sich bis 2030 sogar mehr als verdoppeln, getragen von der Antriebstechnik statt vom Kunststoff. Den Ausschlag geben die hohen deutschen Energiepreise, die energieintensive Grundprozesse zuerst treffen.
Festo folgt damit einem Muster. Der Heiztechnikkonzern Viessmann hat gerade sein türkisches Werk neu geordnet, Mercedes lässt die elektrische C-Klasse aus Ungarn kommen. In beiden Fällen bleibt die Marke deutsch, die Fertigung nicht.
Festo verkauft die Technik, mit der Fabriken effizienter werden, und lagert die eigene Basisfertigung trotzdem aus. Der Standort Deutschland verteidigt sich nur noch an der Spitze der Wertschöpfung, nicht mehr in der Breite.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Drittes Jahr mit sinkendem Umsatz
Einzelfall oder Muster?
Der Fall Festo reiht sich in eine Kette ein. Volkswagen ringt um zehntausende Stellen, Intel verlagert Investitionen von Magdeburg nach Irland, und thyssenkrupp drosselt wegen des Rhein-Niedrigwassers die Stahlproduktion. Quer durch die Industrie verschiebt sich Wertschöpfung aus Deutschland heraus.
Für den Mittelstand taugt das als Frühwarnsignal. Bei der Planung von Lieferanten oder eigener Fertigung gehören Energiekosten, Fertigungstiefe und der Standort der Vorprodukte in eine gemeinsame Rechnung. Was der Standort Deutschland noch trägt, entscheidet sich zunehmend an den Grundprozessen, nicht an den Endprodukten.
Konkret heißt das: Prüfen Sie, welche Ihrer Vorprodukte an energieintensiven Schritten hängen, und sichern Sie diese Lieferketten früh ab. Festo zeigt, dass selbst ein Weltmarktführer diese Rechnung nicht mehr zugunsten des Inlands auflöst.
Quelle
[1] WirtschaftsWoche: „Festo will rund 1.300 Stellen in Deutschland streichen“ ↩
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