Mit dem größten Zukauf seiner Geschichte hat Nemetschek eine Lücke geschlossen, die dem Münchner Bausoftware-Konzern seit Jahren gefehlt hat. Rund 2,1 Milliarden Euro kostet der Griff nach der texanischen Softwarefirma HCSS. Dafür bekommt Nemetschek die Baustelle selbst, nicht nur den Schreibtisch davor.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZum 1. Juli 2026 hat Nemetschek die Übernahme von HCSS abgeschlossen[1], einem Anbieter von Software für den nordamerikanischen Tief- und Infrastrukturbau. Der Kaufpreis von rund 2,1 Milliarden Euro (2,4 Milliarden US-Dollar) macht den Deal zum teuersten der Firmengeschichte[2]. Verkäufer ist die US-Beteiligungsgesellschaft Thoma Bravo.
Das Wichtigste in Kürze
- Nemetschek hat den US-Anbieter HCSS zum 1. Juli 2026 für rund 2,1 Milliarden Euro übernommen, den größten Zukauf der Firmengeschichte.
- HCSS liefert Software für den nordamerikanischen Tief- und Infrastrukturbau und bringt mehr als 4.000 Kunden sowie rund 187 Millionen Euro Umsatz (2025) mit.
- Der Zukauf füllt die letzte Portfolio-Lücke: von der Planung über das Büro bis auf die Baustelle.
- Zur Finanzierung ist die Nettoverschuldung um rund 450 Millionen Euro gestiegen, Thoma Bravo bleibt mit etwa 28 Prozent am Segment beteiligt.
Warum kauft Nemetschek eine texanische Softwarefirma?

Nemetschek ist stark in Planung und Bürokoordination, aber schwach dort, wo tatsächlich gebaut wird. HCSS deckt genau diesen blinden Fleck ab: die Kalkulation und die Kolonnen im Tief- und Straßenbau. Damit reicht das Portfolio erstmals über den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts.
HCSS aus dem texanischen Sugar Land hat 2025 mehr als 4.000 Baufirmen betreut und dabei rund 187 Millionen Euro umgesetzt. Mit der Software planen Baufirmen ihre Abläufe und erfassen Arbeitszeiten und Maschinenstunden direkt auf der Baustelle.
Für Nemetschek zählt vor allem das Vollsortiment. Konzernchef Yves Padrines will „Kunden über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks bedienen, Innovation beschleunigen und die großen KI-Chancen nutzen“. Ein Anbieter, der Planung und Baustelle aus einer Hand liefert, verkauft das nächste Modul deutlich leichter dazu.
Was macht HCSS so wertvoll?
Nicht die Kundenzahl, sondern die Qualität der Einnahmen. HCSS verdient rund 40 Prozent operative Marge und wächst bei den wiederkehrenden Erlösen um etwa 21 Prozent im Jahr. Diese planbaren Abo-Umsätze sind der eigentliche Grund für den hohen Preis.
HCSS zieht in Nemetscheks Segment Build & Construct ein, zu dem bereits Bluebeam, GoCanvas und Nevaris gehören. Dort sitzen die Werkzeuge für Büro und Baustelle, die HCSS nun um den schweren Tiefbau ergänzt.
Bezahlt hat Nemetschek den Zukauf zum guten Teil mit Schulden. Die Nettoverschuldung ist um rund 450 Millionen Euro gestiegen, und Thoma Bravo bleibt mit etwa 28 Prozent am Segment beteiligt, also am weiteren Wachstum dran. Ganz ähnlich hat zuletzt Constellation den Startup-Liebling TouchBistro eingesammelt, um planbare Software-Umsätze zu bündeln.
Nemetschek bisher
Planung, Entwurf und Bürokoordination mit Marken wie Allplan, Bluebeam und Nevaris. Stark am Schreibtisch, schwach auf der Baustelle.
HCSS ergänzt
Kalkulation, Maschinenflotten und Arbeitszeiten im schweren Tief- und Straßenbau. Bringt die Baustelle selbst auf die Plattform.
Was bedeutet das für deutsche Entscheider?
Der Bau bleibt eine der am wenigsten digitalisierten Branchen, und die Werkzeuge dafür kommen künftig aus immer weniger Händen. Für Bauherren und IT-Verantwortliche heißt das: mehr Funktion aus einer Hand, aber auch mehr Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter.
Der Zusammenschluss beschleunigt vor allem die KI im Bau. HCSS bringt jahrzehntelange Baustellendaten mit, aus denen sich Kalkulation, Terminplanung, Angebotsprüfung und Risikobewertung automatisieren lassen. In sicherheitskritischen Gewerken greift dabei der EU AI Act, der für solche Systeme Nachvollziehbarkeit und menschliche Kontrolle verlangt.
Rückenwind gibt das Timing. Während Deutschland sein 500-Milliarden-Infrastrukturpaket verplant und die USA massiv in Straßen und Netze investieren, wächst der Markt für Tiefbau-Software. Bis 2028 taxiert Nemetschek ihn auf rund 10 Milliarden Euro.
Die eigentliche Nachricht steckt nicht im Preis, sondern in der Richtung. Bausoftware wächst vom einzelnen Werkzeug zur Plattform, die ein Projekt von der ersten Planung bis zum letzten Bagger kennt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Bau- und IT-Verantwortliche sollten ihre Software-Landschaft jetzt auf Klumpenrisiken prüfen: Wo hängt ein Prozess an einem einzigen Anbieter, und wie teuer wäre ein Wechsel? Ein wachsendes Vollsortiment spart Schnittstellen, erhöht aber den Preis der Abhängigkeit, ähnlich wie bei der von der EU erzwungenen Wahlfreiheit im SAP-Wartungsmarkt.
Quellen
[1] Nemetschek Group: „Nemetschek Group Successfully Completes Acquisition of HCSS“ ↩
[2] Nemetschek Group: „Nemetschek Group to Acquire HCSS; Creates Next Global Construction Technology Leader“ ↩
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