Der Restaurant-Software-Anbieter TouchBistro wechselt für rund 64 Millionen Euro den Besitzer. Für den kanadischen Pensionsfonds OMERS bleibt von einem Investment über 90 Millionen Euro fast nichts. Der Fall zeigt, wie schnell hohe Bewertungen zerfallen, sobald billiges Kapital verschwindet.

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Rund 90 Millionen Euro hat ein Pensionsfonds in den Restaurant-Software-Anbieter TouchBistro gesteckt, zurück kommen davon etwa 1,3 Millionen. Das kanadische Vorzeige-Startup, einst mit über einer Milliarde bewertet, gehört seit dem 7. Juli 2026 zu Constellation Software. Hinter dem nüchternen Deal steckt eine Lektion über den Unterschied zwischen Geld einsammeln und Wert schaffen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Constellation-Tochter Harris Computer übernimmt TouchBistro für rund 100 Millionen kanadische Dollar, etwa 64 Millionen Euro.
  • Der Pensionsfonds OMERS hat rund 140 Millionen kanadische Dollar investiert, umgerechnet etwa 90 Millionen Euro, und erhält davon nur rund 2 Millionen zurück.
  • TouchBistro hat mehr als 270 Millionen kanadische Dollar Wagniskapital eingesammelt, betreibt aber weiter über 16.000 Restaurants in mehr als 100 Ländern.
  • Der Verkauf reiht sich in eine Serie kanadischer Einhörner, deren Bewertung aus der Niedrigzinsphase 2020 bis 2022 nicht gehalten hat.

Was steckt hinter dem Verkauf?

Langer, gedruckter Kassenbon-Rollrest auf weißem Grund mit Gesamtsummen und „Rest.“-Sticker
Harris Computer und TouchBistro geben Übernahme am 7. Juli 2026 bekannt. Harris stärkt damit seine Position in der Restaurant-Technologie

Die Übernahme haben Harris Computer, eine Betriebsgruppe des Software-Konzerns Constellation Software, und TouchBistro am 7. Juli 2026 gemeinsam bekanntgegeben.[1] „Diese Übernahme stärkt die Position von Harris im Markt für Restaurant-Technologie und erweitert ein bereits vielfältiges Portfolio“, sagt Jean-Pascal Gagnon, Portfolio Leader bei Harris. Die offiziellen Finanzdetails bleiben unter Verschluss, die Zeitung The Globe and Mail beziffert den Preis auf rund 100 Millionen kanadische Dollar, etwa 64 Millionen Euro zum Kurs von rund 0,64 Euro je kanadischem Dollar Mitte Juli 2026.

Vorausgegangen war eine Rekapitalisierung, bei der der US-Finanzierer Francisco Partners eine Wandelanleihe über rund 150 Millionen Dollar in Vorzugsaktien getauscht und damit die Kontrolle übernommen hat. Die früheren Anteilseigner, allen voran OMERS, sind dadurch in der Rangfolge der Auszahlung nach hinten gerutscht.

Warum kauft ein Software-Sammler ein Startup mit Verlust?

Constellation Software kauft seit Jahren vertikale Nischensoftware auf und trennt sich praktisch nie wieder davon. Statt auf schnelles Wachstum setzt der Konzern auf Profitabilität und dauerhaften Cashflow. Zukäufe gehören in der Branche zum Alltag, wie zuletzt auch Adobe beim Kauf von Topaz Labs gezeigt hat.

Mit rund 70 Millionen kanadische Dollar Jahresumsatz ist TouchBistro ein solides Geschäft, aber kein explosives. Genau solche Firmen passen ins Raster: bewährtes Produkt, treue Kundschaft, kein Zwang zur nächsten Finanzierungsrunde.

Die eigentliche Ursache liegt in der Zinswende. Niedrige Zinsen hatten zwischen 2020 und 2022 den Barwert künftiger Gewinne aufgebläht und Bewertungen wie die Milliarden-Marke von TouchBistro erst möglich gemacht. Als Kapital teuer wurde, ist diese Rechnung zusammengebrochen.

Geld einzusammeln und Wert zu schaffen sind zwei verschiedene Dinge. Die Verwechslung aus der Niedrigzinsphase rächt sich jetzt beim Verkauf.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
TouchBistro: viel Kapital, wenig Rückfluss
Was der Verkauf an Constellation Software in Zahlen bedeutet
64 Mio. €
Kaufpreis laut The Globe and Mail (rund 100 Mio. kanadische Dollar). Die Finanzdetails sind offiziell nicht bestätigt.
1,3 Mio. €
kommen beim Pensionsfonds OMERS von rund 90 Mio. € Investment zurück.
16.000+
Restaurants in über 100 Ländern nutzen TouchBistro weiter. Das Geschäft läuft.

2020 bis 2022

Niedrige Zinsen blähen den Barwert künftiger Gewinne auf. TouchBistro erreicht eine Bewertung von über einer Milliarde.

Ab der Zinswende

Kapital wird teuer, die Bewertung bricht zusammen. Über 270 Mio. Dollar Wagniskapital enden in einem Verkauf für rund 64 Mio. €.

Was Entscheider aus dem Fall lernen

TouchBistro steht nicht allein. Ähnlich ist es kanadischen Einhörnern wie ApplyBoard, Lightspeed, Hopper und Neo Financial ergangen, deren Bewertungen nach 2022 teils drastisch korrigiert wurden.[2]

Für deutschsprachige Unternehmen ist der Fall doppelt relevant. Betriebe, die auf Nischensoftware angewiesen sind, sollten wissen, was ein Eigentümerwechsel zu einem Haltekonzern bedeutet: Kontinuität beim Produkt, aber häufig steigende Preise und weniger Tempo bei neuen Funktionen. Wie sehr die Abhängigkeit vom Anbieter zum Thema geworden ist, zeigt der Streit um die SAP-Wartung.

Eine hohe Bewertung ist kein Wert an sich. Gründer und Kapitalgeber im DACH-Raum ziehen daraus die zweite Lehre. Profitables Wachstum trägt ein Unternehmen durch teure Kapitalphasen, aufgeblähte Runden tun das nicht.

Prüfen Sie deshalb bei jedem wichtigen Software-Werkzeug, wem der Anbieter gehört und wie er sein Geld verdient. Ein Eigentümerwechsel entscheidet oft mehr über Ihre nächste Preiserhöhung als jede Produkt-Roadmap.

Quellen

[1] Harris und TouchBistro: „Harris announces the acquisition of TouchBistro Inc.“

[2] Colin Smillie: „Canada’s Lost Generation of Tech Unicorns“

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