Zoom Books ordert seit dem Frühjahr 2026 palettenweise vergriffene Sachbücher aus europäischen Antiquariaten. Ein einzelner Seecontainer fasst nach Firmenangabe rund 50.000 Bände. Der Rückversand nach Deutschland kostet pro Buch weniger als eine Briefmarke, und trotzdem droht vielen Titeln der Schredder.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenStellen Sie sich ein Lager voller vergriffener Fachbücher vor, jahrelang unverkauft. Über Nacht kauft ein Unbekannter alles auf, zahlt anstandslos und lässt die Bände nach Übersee verschiffen. Genau diesen Vorgang erleben deutsche Antiquare seit Ende April 2026.
Das Wichtigste in Kürze
- Zoom Books, ein kanadisches Buchrecycling-Unternehmen, kauft seit Frühjahr 2026 weltweit vergriffene Sachbücher in großen Mengen, auch aus deutschen Antiquariaten.
- Der Verdacht lautet zerstörendes Scannen für das KI-Training. Das Unternehmen bestreitet jede Vernichtung.
- Ein 40-Fuß-Seecontainer fasst nach Firmenangabe rund 22 Tonnen Bücher, etwa 50.000 Bände. Der Rückversand kostet wenige Cent pro Buch.
- Dr. Web richtet einen zweisprachigen offenen Brief an die Firma und nennt vier überprüfbare Schritte.
Wer kauft Europas Antiquariate leer?

Hinter den nächtlichen Bestellungen steht Zoom Books Co., ein 2020 gegründetes Buchrecycling-Unternehmen aus Pitt Meadows in British Columbia. Auf der Handelsplattform AbeBooks tritt die Firma als „ZoomBooks c/o PrepFort USA“ auf. Antiquare in Deutschland, Spanien, Neuseeland und Australien haben seit Ende April 2026 automatisierte Großbestellungen gemeldet, teils über tausend Titel pro Geschäft.
Der Schweizer Rundfunk SRF hat den Vorgang im Juni 2026 ausführlich beschrieben. Die Recherche nennt einen mutmaßlichen Hintergrund: KI-Unternehmen suchen gedruckte Fachbücher als Trainingsmaterial, weil die frei zugänglichen Texte im Netz weitgehend ausgeschöpft sind. Alte Titel aus Regionalgeschichte, Recht und Wirtschaft liefern Sprachstufen, die das heutige Internet nicht mehr hergibt.
Zoom Books bestreitet jede Vernichtung. Gegenüber dem Branchendienst Publishers Lunch hat das Unternehmen erklärt, man digitalisiere oder zerstöre keine gebrauchten Bücher, weder für das KI-Training noch zu einem anderen Zweck.
Diese Aussage nehmen wir ernst. Vollständig überzeugt sind wir aber erst, sobald ein Container mit zurückgeschickten Bänden in Hamburg eintrifft. Auf der firmeneigenen Website hat zeitweise eine Anleitung zum Masseneinkauf von Büchern für das KI-Training gestanden, die inzwischen gelöscht ist.
Die Trainingsdaten-Frage beschäftigt längst die Gerichte. Wie teuer und juristisch heikel das Geschäft mit KI-Daten wird, zeigt unsere Analyse zu OpenAIs Milliardenverlusten und den Urheberrechtsklagen. Bei Bildern läuft dieselbe Auseinandersetzung, nachzulesen im Beitrag zu lizenzfreien Bildquellen.
Beim physischen Kauf mit anschließendem Einlesen und Vernichten beruft sich die Branche auf das Fair-Use-Prinzip. Ein dauerhaftes digitales Archiv wäre juristisch heikler als ein einmaliger Scan mit anschließender Entsorgung.
Für die Antiquare wiegt ein zweites Problem schwer. Im Branchenforum Lesekauz berichten Händler, dass die neuen US-Zollregeln den kommerziellen Versand in die USA stark verteuert haben, teils bis zur Ablehnung am Postschalter. Ein gebündelter Seecontainer löst dieses Problem, der Einzelversand per Paket verschärft die Lage nur.
Was kostet die Rückführung wirklich?

Der stärkste Hebel gegen die Vernichtung liegt in der Logistik selbst. Nach den eigenen Großhandelsangaben von Zoom Books fasst ein 40-Fuß-Container rund 22 Tonnen lose Bücher. Bei einem Durchschnittsgewicht von gut 400 Gramm je Band passen zwischen 40.000 und 55.000 Bücher in einen einzigen Container.
Die reine Seefracht über den Atlantik kostet nach dem Drewry-Containerindex vom Mai 2026 rund 2.000 € je 40-Fuß-Container, umgerechnet zum EZB-Referenzkurs vom 22. Juni 2026. Über Halifax dauert die Überfahrt nach Norddeutschland sieben bis zwölf Tage, über Montreal etwa zwei Wochen. Zoom Books betreibt neben British Columbia auch ein Werk in Ontario, also in unmittelbarer Nähe dieser Häfen.
| Posten | Spanne | Quelle |
|---|---|---|
| 40-Fuß-Container, reine Seefracht über den Atlantik | rund 2.000 € | Drewry-Containerindex, Mai 2026 |
| 40-Fuß-Container, Tür zu Tür mit Vollservice | 6.500 bis 9.000 € | Umzugsraten Deutschland/Kanada |
| 20-Fuß-Container | ab 1.800 €, im Schnitt 3.000 € | Umzugsraten Deutschland/Kanada |
| Rückversand je Buch | etwa 0,04 bis 0,20 € | eigene Berechnung |
Pro Buch summiert sich die Rückfracht damit auf wenige Cent. Wir haben diese Zahlen mit dem spitzen Bleistift nachgerechnet, nicht mit der Marketingbrille. Gegen den Cent-Betrag steht der vollständige Verlust eines vergriffenen Titels. Vernichtung lässt sich hier nicht mehr mit Kosten begründen, sondern bleibt eine Entscheidung.
Zoom Books beziffert die Ladung eines Containers selbst auf 22 Tonnen, also rund 50.000 Bücher. Bei Cent-Beträgen pro Band für das Zurückschicken bleibt die Vernichtung eine Entscheidung und kein Sachzwang.“
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was steht im offenen Brief?

Wir veröffentlichen den Appell zweisprachig. Die englische Fassung richtet sich direkt an die Gründer Vishal Mutti und Manroop Gill und an das Team in British Columbia. Die deutsche Fassung steht für die Leserinnen und Leser von Dr. Web und für den Buchhandel, der die Bestellungen seit Wochen erlebt.
The open letter in English
To the founders and team of Zoom Books,
We write as people who care about the second-hand book trade in Europe. Since late April 2026, antiquarian dealers across Germany, Spain, New Zealand and Australia have reported large, automated orders in your name, often hundreds or more than a thousand out-of-print non-fiction titles per shop, many of them long-shelved stock. We have also read your public statement that Zoom Books does not digitize or destroy these books, neither for AI training nor for any other purpose.
We take that statement seriously, and this letter is an invitation to make it durable. The concern is simple. In the European antiquarian trade, an out-of-print title is not waste. It is a copy that keeps returning to the market, into a shop, a library, a collection. When such a copy is pulped after a single scan, it leaves the cycle for good. For scholarship in regional history, law, economics and older stages of language, that loss cannot be replaced at any price.
What makes it avoidable is the arithmetic. By your own wholesale listing, a single 40-foot container holds roughly 22 tonnes, on the order of 40,000 to 55,000 books. Ocean freight from your Ontario operation to a North German port runs to a few thousand euros and takes one to two weeks. That works out to a return cost of a few cents per book, far below the cultural value of the volume, and below the reputational cost of becoming known as the company that emptied Europe’s antiquarian shelves into a shredder.
So we ask you to commit, publicly and verifiably, to keeping every book you buy in Europe in circulation. In concrete terms:
- Scan without destroying, and return or resell the physical copies.
- Ship surplus stock back to a European partner by consolidated sea container, an antiquarian association or a non-profit literacy initiative, rather than pulping it locally.
- Offer the originating dealer a right of first refusal to buy stock back.
- Publish an annual, auditable account of what happens to the books you acquire.
You describe your own mission as giving every book a second life. The books you buy in Europe deserve the same promise. We would welcome a conversation about how to make it real.
Respectfully,
Die Redaktion von Dr. Web
Der offene Brief auf Deutsch
Sehr geehrte Gründer, sehr geehrtes Team von Zoom Books,
wir schreiben als Menschen, denen der antiquarische Buchhandel in Europa am Herzen liegt. Seit Ende April 2026 haben Antiquariate in Deutschland, Spanien, Neuseeland und Australien massenhaft automatisierte Bestellungen unter Ihrem Namen gemeldet, oft mehrere Hundert oder über tausend vergriffene Sachbücher pro Geschäft, viele davon seit Jahren eingelagert. Ihre öffentliche Erklärung haben wir ebenfalls gelesen, wonach Zoom Books diese Bücher weder digitalisiert noch vernichtet, weder für das KI-Training noch zu einem anderen Zweck.
Diese Erklärung nehmen wir ernst. Der vorliegende Brief lädt Sie ein, das Versprechen dauerhaft zu machen. Die Sorge lässt sich in einem Satz fassen: Im europäischen Antiquariat zählt ein vergriffener Titel nicht als Abfall, sondern als Exemplar, das immer wieder in den Handel zurückkehrt, in eine Bibliothek, in eine Sammlung. Landet ein solcher Band nach einem einzigen Scan im Schredder, verlässt der Titel den Kreislauf für immer. Für die Forschung zu Regionalgeschichte, Recht, Wirtschaft und älteren Sprachstufen lässt sich dieser Verlust durch nichts ersetzen.
Vermeidbar wird der Verlust durch eine schlichte Rechnung. Nach Ihren eigenen Angaben im Großhandel fasst ein einzelner 40-Fuß-Container rund 22 Tonnen, in der Größenordnung von 40.000 bis 55.000 Büchern. Die Seefracht von Ihrem Standort in Ontario zu einem norddeutschen Hafen kostet wenige Tausend Euro und dauert ein bis zwei Wochen. Pro Buch summiert sich der Rückversand damit auf wenige Cent, weit unter dem kulturellen Wert des Bandes und weit unter dem Reputationsschaden, als jenes Unternehmen zu gelten, das Europas Antiquariate leerräumt.
Deshalb bitten wir Sie um eine öffentliche und überprüfbare Zusage, jedes in Europa gekaufte Buch im Kreislauf zu halten. Konkret bedeutet das vier Schritte:
- Scannen ohne Zerstören und die physischen Bände danach zurückgeben oder weiterverkaufen.
- Überschüssige Bestände per gebündeltem Seecontainer an einen europäischen Partner zurückschicken, etwa an einen Antiquariatsverband oder eine gemeinnützige Leseförderung, statt vor Ort einzustampfen.
- Dem abgebenden Händler ein Vorkaufsrecht auf den Rückkauf einräumen.
- Einmal im Jahr offenlegen, was mit den gekauften Büchern geschieht.
Ihre eigene Mission verspricht jedem Buch ein zweites Leben. Die Bände, die Sie in Europa kaufen, verdienen dasselbe Versprechen. Über ein Gespräch, wie sich diese Zusage einlösen lässt, freuen wir uns.
Mit freundlichen Grüßen
Die Redaktion von Dr. Web
Warum nicht von Bücherverbrennung sprechen?

Der Reflex liegt nahe. Bibliophile Menschen denken bei eingestampften Büchern schnell an dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Wir verzichten in diesem Brief bewusst auf diesen Vergleich.
Zwei Gründe sprechen dagegen. Zum einen bestreitet Zoom Books die Vernichtung, womit ein historischer Vergleich ins Leere liefe und angreifbar bliebe. Zum anderen zielt ein solcher Vergleich auf Empörung statt auf eine Lösung. Uns liegt der Container am Herzen, nicht die Eskalation. Welche urheberrechtlichen Regeln in Deutschland überhaupt für KI-Inhalte gelten, ordnet unser Überblick zum Medienrecht für KMU ein.
Glossar
Antiquariat: Handel mit gebrauchten, vergriffenen und seltenen Büchern. Ein Antiquariat hält Titel oft über Jahrzehnte vorrätig und bringt alte Werke immer wieder in den Handel zurück.
vergriffen: Ein Buch gilt als vergriffen, sobald der Verlag keine Neuauflage mehr liefert. Gebrauchte Exemplare zirkulieren dann nur noch über den Antiquariatshandel.
AbeBooks: Online-Marktplatz für antiquarische und gebrauchte Bücher, seit 2008 Teil von Amazon. Viele europäische Antiquare listen ihren Bestand dort.
destruktives Scannen: Verfahren, bei dem ein Buch zerschnitten und seitenweise eingescannt wird. Der Einband überlebt diesen Vorgang nicht, das Original ist danach zerstört.
Fair Use: Grundsatz im US-Urheberrecht, der eine Nutzung geschützter Werke ohne Erlaubnis unter bestimmten Bedingungen erlaubt. KI-Firmen berufen sich beim physischen Buchkauf darauf.
großes Sprachmodell: KI-System, das aus riesigen Textmengen Wahrscheinlichkeiten für Wortfolgen lernt, oft als LLM abgekürzt. Gedruckte Bücher dienen als Rohstoff für das Training.
Trainingsdaten: Sammlung von Texten, Bildern oder Tönen, mit denen ein KI-Modell trainiert wird. Die Herkunft dieser Daten steht in mehreren Ländern vor Gericht.
Einstampfen: Industrielles Zerkleinern von Büchern zu Altpapier, im Englischen pulping genannt. Aus dem Material entstehen neue Papierprodukte.
FCL: Abkürzung für Full Container Load, also die Buchung eines kompletten Containers durch einen einzigen Absender. FCL rechnet sich ab größeren Mengen.
40-Fuß-Container: Standardisierter Seefracht-Container mit rund 33 Kubikmetern Volumen und bis zu etwa 26 Tonnen Nutzlast. Lose Bücher füllen einen solchen Container auf rund 22 Tonnen.
EZB-Referenzkurs: Täglich von der Europäischen Zentralbank veröffentlichter Wechselkurs des Euro. Dr. Web rechnet Fremdwährungen damit in Euro um.
Deakzession: Fachbegriff für das Aussondern von Beständen aus Bibliotheken. Solche ausgesonderten Titel gehören zu den Hauptquellen der Buchaufkäufer.
Wer steckt hinter den Großbestellungen bei europäischen Antiquariaten?
Hinter den Bestellungen steht Zoom Books Co., ein kanadisches Buchrecycling-Unternehmen aus British Columbia. Auf AbeBooks tritt die Firma als ZoomBooks c/o PrepFort USA auf.
Vernichtet Zoom Books die gekauften Bücher?
Das Unternehmen bestreitet jede Vernichtung, sowohl für das KI-Training als auch zu jedem anderen Zweck. Ein gelöschter Blog-Beitrag zum Masseneinkauf nährt allerdings den Verdacht.
Warum kaufen KI-Unternehmen gedruckte Bücher?
Gedruckte Fachbücher liefern Trainingsmaterial, das im freien Netz fehlt, etwa alte Sprachstufen aus Regionalgeschichte, Recht und Wirtschaft. Der physische Kauf dient zudem als Argument für eine Fair-Use-Verteidigung in den USA.
Wie viele Bücher passen in einen Seecontainer?
Ein 40-Fuß-Container fasst nach Firmenangabe rund 22 Tonnen lose Bücher. Bei gut 400 Gramm je Band entspricht das etwa 40.000 bis 55.000 Exemplaren.
Was kostet der Rückversand der Bücher nach Deutschland?
Die reine Seefracht über den Atlantik kostet rund 2.000 Euro je 40-Fuß-Container. Pro Buch summiert sich der Rückversand damit auf wenige Cent.
Was fordert Dr. Web von Zoom Books?
Dr. Web bittet um eine öffentliche, überprüfbare Zusage: scannen ohne zerstören, überschüssige Bestände per Container zurückschicken, dem Händler ein Vorkaufsrecht einräumen und einmal im Jahr offenlegen, was mit den Büchern geschieht.
Quellen
SRF Kultur | Jagd auf alte Bücher: KI-Firmen kaufen Antiquariate leer und vernichten die Bücher | https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/jagd-auf-alte-buecher-ki-firmen-kaufen-antiquariate-leer-und-vernichten-die-buecher | besucht am 23.06.2026
Publishers Lunch | Canadian Company Zoom Books Is Buying Out Of Print Books For AI Scraping | https://lunch.publishersmarketplace.com/2026/05/canadian-company-zoom-books-is-buying-second-hand-books-for-scraping/ | besucht am 23.06.2026
Publishers Lunch | Zoom Books Responds To Accusations of Selling Books For AI Scraping | https://lunch.publishersmarketplace.com/2026/05/zoom-books-responds-to-accusations-of-selling-books-for-ai-scraping/ | besucht am 23.06.2026
literaturcafe.de | Kaufen KI-Unternehmen deutsche Antiquariate leer? | https://www.literaturcafe.de/kaufen-ki-unternehmen-deutsche-antiquariate-leer/ | besucht am 23.06.2026
Lesekauz / whBOOK-Support-Forum | Sammelbestellungen von ZoomBooks c/o PrepFort USA über AbeBooks | https://lesekauz.de/forum/thread/1999-sammelbestellungen-von-zoombooks-c-o-prepfort-usa-%C3%BCber-abebooks/ | besucht am 23.06.2026
moverdb / Drewry Supply Chain Advisors | Internationale Containerschifffahrtsraten, Mai 2026 | https://moverdb.com/de/containerschifffahrt/ | besucht am 23.06.2026
Zoom Books Co. | Unternehmenswebsite | https://zoombooks.ca/ | besucht am 23.06.2026