Kontron zieht binnen einer Woche den zweiten großen Bahnauftrag an Land. Knapp 100 Millionen Euro fließen nicht in neue Technik, sondern in die Wartung und Absicherung eines Funksystems, das eigentlich abgeschaltet werden soll. Für die Migration des europäischen Bahnfunks liegt genau hier der Knackpunkt.

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Kontron hat am 15. Juli 2026 einen Rahmenvertrag mit einem europäischen Bahnbetreiber verlängert, der bis 2035 läuft und eine Option bis 2040 trägt. Der Auftrag über knapp 100 Millionen Euro dreht sich um Wartung und Security der betriebskritischen Bahnkommunikation[1], nicht um deren Neubau. Damit verdient der Konzern am Übergang zwischen zwei Funkgenerationen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontron sichert sich knapp 100 Millionen Euro für Wartung und Security einer europäischen Bahnkommunikation, jährlich beauftragt bis 2035 und verlängerbar bis 2040.
  • Das Geld fließt in den Betrieb des alten GSM-R-Netzes, während parallel der 5G-Nachfolger FRMCS aufgebaut wird.
  • Innerhalb einer Woche hat Kontron den portugiesischen Bahnfunk und diesen Rahmenvertrag gewonnen.
  • Für die Deutsche Bahn und andere KRITIS-Betreiber verschiebt sich der Wert vom einmaligen Kauf zur langjährigen Absicherung.

Warum zahlt ein Bahnbetreiber für alte Technik?

Rostiger Masten mit Antenne, Kabeln, Warnsymbol und Schildern: „Wartung erfolgt 2040“ und „Nicht füttern!“
GSM-R-Funknetz wird bis 2035 durch 5G-Nachfolger ersetzt. Parallelbetrieb beider Systeme verursacht hohe Wartungskosten

Das GSM-R-Funknetz trägt bis heute jeden Zugfunk und die ETCS-Zugsteuerung, muss aber bis 2035 einem 5G-Nachfolger weichen. Bis dahin laufen beide Systeme parallel, und genau dieser Doppelbetrieb kostet über Jahre Wartung und Absicherung.

GSM-R basiert auf dem 2G-Mobilfunk der neunziger Jahre. Weil die Netzbetreiber 2G europaweit abschalten, hat die EU über die CCS-TSI eine Frist gesetzt: fünf Jahre vor dem Aus muss der Termin feststehen, in Deutschland ist die Abschaltung für 2035 geplant.

Der Nachfolger FRMCS setzt auf 5G und trennt das Übertragungsnetz von der Anwendung. Bis dieser Standard flächendeckend läuft, bleibt GSM-R sicherheitsrelevant, denn ein Ausfall stoppt sofort den Verkehr. Wie fragil dieser Zustand ist, hat der zweistündige Zugfunk-Ausfall bei der Deutschen Bahn gezeigt.

Warum häufen sich Kontrons Bahnaufträge?

Kontron kauft sich über die Wartung des alten GSM-R in die europaweite FRMCS-Migration ein. Binnen einer Woche sind der portugiesische Bahnfunk und dieser Rahmenvertrag zusammengekommen.

Kontron Transportation betreibt seit über 20 Jahren GSM-R-Netze und verbindet nach eigenen Zahlen mehr als 90.000 Kilometer Gleis in Europa, Afrika und Asien. Die Wartung des Altsystems wird zum Türöffner: Der Anbieter, der GSM-R betreut, liefert später meist auch FRMCS.

Der Auftrag reiht sich in eine Serie ein. Erst vor wenigen Tagen hat Kontron den Kern des portugiesischen Bahnfunks modernisiert[2], im Februar 2024 sind bereits Aufträge in Irland, Österreich und Slowenien über zusammen mehr als 100 Millionen Euro hinzugekommen. Parallel baut der Konzern in Europa eine eigene 5G-Modulfertigung auf, während über die künftige Kontrolle das Pflichtangebot der Foxconn-Tochter Ennoconn entscheidet.

Kontrons Bahnfunk-Auftrag in Zahlen
Knapp 100 Millionen Euro für den Übergang von GSM-R zu FRMCS
≈ 100 Mio. €
Auftragsvolumen für Wartung und Security
2035 / 2040
Jährliche Beauftragung bis 2035, Verlängerungsoption bis 2040
> 90.000 km
Von Kontron betreute GSM-R-Gleise in Europa, Afrika und Asien

GSM-R (heute)

2G-Technik aus den neunziger Jahren. Trägt bis heute den Zugfunk und die ETCS-Zugsteuerung. Die Abschaltung ist in Deutschland für 2035 geplant.

FRMCS (Nachfolger)

5G-Standard, der das Übertragungsnetz von der Anwendung trennt. Läuft während der Migration über mehrere Jahre parallel zu GSM-R.

Was bedeutet das für deutsche Entscheider?

Auch die Deutsche Bahn steht vor dem GSM-R-Ausstieg bis 2035 und testet FRMCS bereits im Erzgebirge. Bahnkommunikation zählt als kritische Infrastruktur, die vertragliche Security-Leistung ist damit Pflicht, nicht Kür.

Für Betreiber kritischer Infrastruktur ordnet NIS2 Mindeststandards bei der Absicherung an. Ein Funknetz, das den gesamten Zugverkehr trägt, ist ein lohnendes Angriffsziel, und die vertraglich fixierte Security-Komponente trägt dem Rechnung.

Die eigentliche Nachricht steckt nicht in den 100 Millionen, sondern in der Laufzeit bis 2040. Kritische Netze werden nicht mehr gekauft und vergessen, sondern über ein Jahrzehnt gewartet und abgesichert.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Entscheider in Logistik und Industrie sollten Migrationsprojekte für betriebskritische Netze von Anfang an mit einem Wartungs- und Security-Budget über die gesamte Parallelphase kalkulieren, nicht nur mit den Anschaffungskosten. Wie teuer der Umstieg wird, zeigt die Deutsche Bahn, die schon die Kommunikation mit Millionenbudgets plant.

Quellen

[1] Kontron: „Kontron Transportation erhält Großauftrag im Umfang von knapp 100 Millionen Euro“

[2] Kontron: „Kontron Transportation erhält Auftrag zur Modernisierung des Bahn-Kommunikations-Kernnetzes der portugiesischen Eisenbahn“

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