Der Gabelstapler-Konzern Kion sichert sich die Mehrheit an der Fahrroboter-Technik des belgischen Händlers Colruyt. Dahinter steckt eine Verschiebung, die jeden Logistikentscheider betrifft: Der Anwender baut die Automatisierung, der Hersteller kauft sie ein.

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Kion übernimmt 70 Prozent der Entwicklung autonomer Palettenroboter, die der Supermarktkonzern Colruyt in Eigenregie zur Serienreife gebracht hat. Aus einem internen Lagerprojekt wird so ein Produkt für den Weltmarkt. Der Vorgang verrät, wie Lagerautomatisierung heute tatsächlich entsteht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kion sichert sich 70 Prozent von Colruyts Fahrroboter-Sparte Smart Innovation NV, Colruyt behält 30 Prozent.
  • Die Technik lief rund zwei Jahre in zwei Verteilzentren, bevor sie zum Zukauf wurde.
  • Gemeinsames Entwicklungszentrum ist das Kion Automation Center Antwerpen, unter der Marke STILL.
  • Für Colruyt bringt der Verkauf rund 20 Millionen Euro Ergebniseffekt im Geschäftsjahr 2026/27.

Was genau hat Kion gekauft?

Logistik-Roboter mit Paket und 70%-Schild neben Einkaufswagen auf weißem Hintergrund
Kion übernimmt 70 Prozent von Smart Innovation NV, wo Colruyt selbstfahrende Palettenstapler entwickelt hat. Colruyt behält 30 Prozent und bezieht die Fahrzeuge weiter

Kion erwirbt 70 Prozent der Gesellschaft Smart Innovation NV, in der Colruyt seine selbstfahrenden Palettenstapler entwickelt hat. Colruyt bleibt mit 30 Prozent beteiligt und bezieht die Fahrzeuge weiter.[1]

Entstanden ist die Technik komplett in Belgien. 2023 hat Colruyt zusammen mit der Kion-Marke STILL den ersten selbst entwickelten, fahrerlosen Palettenstapler vorgestellt. Seit rund zwei Jahren fahren diese Geräte im Regelbetrieb durch zwei Verteilzentren. Kion bekommt damit keine Prototypen, sondern eine im Alltag gehärtete Navigationssoftware aus künstlicher Intelligenz und Bildverarbeitung.

Warum baut ein Händler den Roboter und der Hersteller kauft ihn?

Colruyt hatte ein Problem, für das es keinen passenden Roboter zu kaufen gab, und hat selbst entwickelt. Für den Sprung auf den Weltmarkt fehlen einem Händler jedoch Fertigung, Service und Vertrieb. Genau das bringt Kion ein.

Dieses Muster wiederholt sich in der Intralogistik: Der Anwender kennt seinen Engpass genauer als jeder Hersteller und baut die erste funktionierende Lösung selbst. Die Skalierung übernimmt dann ein Konzern mit Werken und Servicenetz, während der Anwender über eine Beteiligung mitverdient und Abnehmer bleibt.

Für Kion ist das ein Weg zu Software, die sich am Reißbrett nicht erzeugen lässt. Beim Konzern trägt die Automatisierungssparte inzwischen das Geschäft, während das klassische Staplergeschäft schwächelt.

Die spannendste Automatisierung entsteht nicht im Labor des Herstellers, sondern in der Lagerhalle des Anwenders. Kion kauft hier keine Maschine, sondern zwei Jahre echten Betrieb.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Kion und Colruyt: die Zahlen hinter dem Fahrroboter-Deal
Wie aus einem Eigenbau des Händlers ein Produkt für den Weltmarkt wird
70 %
Anteil, den Kion an der Fahrroboter-Firma Smart Innovation NV übernimmt
30 %
bleiben bei Colruyt, der Händler bezieht die Fahrzeuge weiter
2 Jahre
Regelbetrieb in zwei Verteilzentren, bevor die Technik zum Zukauf wurde
20 Mio.
Euro Ergebniseffekt für Colruyt im Geschäftsjahr 2026/27

Was bedeutet das für die Lager in der DACH-Region?

Autonome Flurförderzeuge werden vom Sonderfall zum Standard, und ihre Autonomie kommt zunehmend von etablierten Herstellern mit Servicenetz. Das senkt die Einstiegshürde für den Mittelstand, verlagert aber die Verantwortung für Sicherheit und Zulassung zum Betreiber.

Der Zukauf reiht sich in eine Serie ein: Jungheinrich hat sich an Navflex beteiligt, Rossmann testet Humanoide im Verteilzentrum, und die großen Staplerbauer rüsten ihre Flotten mit Autonomie nach. Treiber im deutschsprachigen Raum ist der Fachkräftemangel in der Lagerlogistik.

Neue Projekte sollten die Regulatorik von Anfang an mitdenken. Fahrerlose Flurförderzeuge fallen unter die Sicherheitsnorm ISO 3691-4, ab Januar 2027 zusätzlich unter die neue EU-Maschinenverordnung. Ob ein Roboter wirklich einsatzreif ist, entscheidet sich weniger am Datenblatt als an Robotik-Erfahrung aus dem realen Betrieb.

Für Logistikverantwortliche lohnt der Blick weg vom Roboter selbst, hin zur Herkunft der Software. Bei der Beschaffung autonomer Stapler zählen dokumentierte Betriebsstunden unter realen Bedingungen mehr als das Datenblatt, und die Sicherheitsverantwortung nach ISO 3691-4 gehört von Anfang an ins Projekt.

Quelle

[1] Colruyt Group: „Colruyt Group and KION launch a new R&D center for next-generation supply chain robotics“

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