Hochautomatisierte Lkw fahren ohne Fahrer, der im Notfall eingreift. Damit muss die Technik selbst übernehmen, sobald ein Bremskreis ausfällt. Knorr-Bremse bringt dafür 2027 ein redundantes Bremssystem in Serie.

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Ein redundantes Bremssystem für autonome Lkw klingt nach Detailtechnik, entscheidet aber darüber, ob fahrerloser Güterverkehr überhaupt zugelassen wird. Der Zulieferer Knorr-Bremse hat den Serienstart seines Systems rGSBC nun für 2027 angekündigt[1].

Das Wichtigste in Kürze

  • Serienstart 2027: Knorr-Bremse bringt das redundante Bremssystem rGSBC für hochautomatisierte Nutzfahrzeuge auf den Markt.
  • Zweite Ebene: Fällt der erste Bremskreis aus, verzögert ein unabhängiger zweiter Pfad das Fahrzeug mit voller ABS-Funktion.
  • Leitmarkt Nordamerika: Als erste Anwendung nennt der Hersteller den Hub-to-Hub-Verkehr zwischen Logistikzentren.

Warum reicht bei fahrerlosen Lkw ein Bremssystem nicht?

Grauer Spielzeug-Lastwagen mit oranger Klammer neben einer hölzernen Mausefalle
Autonomes Fahren Level 4 erfordert redundante Bremssysteme, da kein Fahrer eingreifen kann, wenn eine Komponente ausfällt

Bei Level 4 gibt es keinen Fahrer als Rückfallebene. Fällt eine Komponente aus, muss das Fahrzeug trotzdem sicher zum Stehen kommen. Ein einzelnes Bremssystem wäre der Schwachpunkt, dessen Ausfall niemand mehr auffängt.

Klassische Assistenzsysteme setzen auf das Prinzip „fail-safe“: Bei einem Fehler warnt die Technik, und der Mensch übernimmt. Ab Stufe 4 sitzt niemand mehr am Steuer, deshalb gilt „fail-operational“. Das System muss den Fehler erkennen und die Bremsfunktion selbst weiter erbringen.

Genau hier setzt die Redundanz an. Ein zweiter, unabhängiger Funktionspfad übernimmt die Verzögerung und regelt den Bremsdruck weiter radindividuell für die Fahrstabilität. Wie stark der Markt darauf drängt, zeigt der Weg zur Zulassung, den gerade die US-Verkehrsaufsicht für fahrerlose Autos freiräumt.

Was leistet rGSBC im Fehlerfall?

Das rGSBC baut auf der Plattform Global Scalable Brake Control auf und ergänzt sie um einen zweiten, unabhängigen Funktionspfad. Fällt der Hauptpfad aus, bremst der zweite mit voller ABS-Funktion, von der Minimal-Risiko-Nothaltung bis zum vollständigen Abschluss der Fahrt.

Ergänzt wird die Bremse durch redundante Lenkung: die elektrohydraulische Überlagerungslenkung rAHPS und eine Steer-by-Brake-Funktion, die das Fahrzeug notfalls über gezieltes Radbremsen in der Spur hält. Bernd Spies, Vorstandsmitglied der Division Systeme für Nutzfahrzeuge, ordnet die Nachfrage ein: „Hochautomatisiertes Fahren im Nutzfahrzeugbereich nimmt weltweit Fahrt auf, wenn auch mit regional unterschiedlichem Tempo.“

Autonome Lkw scheitern nicht am Sensor, sondern an der Frage, was passiert, wenn ein Teil ausfällt. Redundante Aktorik ist die unspektakuläre Voraussetzung, ohne die kein fahrerloser Lastwagen je eine Zulassung bekommt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Autonome Lkw: Was die redundante Bremse leisten muss

Knorr-Bremse bringt das System rGSBC 2027 in Serie. Die wichtigsten Kennzahlen im Überblick.

2027
Serienstart des redundanten Bremssystems rGSBC
1.100
Lkw und Busse im ersten japanischen Level-4-Auftrag
3-stellig
Auftragsvolumen im unteren Millionen-Euro-Bereich, Lieferstart 2028
7,8 Mrd. €
Konzernumsatz 2025 bei rund 30.000 Mitarbeitenden

So greift die zweite Bremsebene

1Hauptpfad

Die Plattform Global Scalable Brake Control verzögert das Fahrzeug im Normalbetrieb und regelt den Bremsdruck an jedem Rad einzeln.

2Zweiter Pfad

Fällt der Hauptpfad aus, bremst ein unabhängiger zweiter Pfad mit voller ABS-Funktion weiter, vom Minimal-Risiko-Halt bis zum Ende der Fahrt.

Was bedeutet das für Europas Güterverkehr?

Redundante Systeme sind die technische Grundlage, damit fahrerlose Lkw eine Zulassung erhalten. In Europa greifen dafür die EU-Sicherheitsverordnung GSR II und das deutsche Gesetz zum autonomen Fahren, das Level-4-Betrieb in festgelegten Gebieten erlaubt.

Für die Logistik ist der Fahrermangel der eigentliche Treiber. Autonome Hub-to-Hub-Fahrten zwischen Verteilzentren sollen die Strecken übernehmen, für die Speditionen kaum noch Personal finden. Knorr-Bremse nennt Nordamerika als Leitmarkt, doch über die Zulieferkette landet dieselbe Aktorik auch bei europäischen Herstellern.

Wie ernst die Branche das nimmt, zeigen Projekte wie der autonome Lkw von Daimler Truck oder die autonomen Roboter von Jungheinrich an der Laderampe. Fuhrpark-Entscheider sollten Redundanz künftig als Zulassungskriterium einplanen, nicht als Zusatzausstattung, zumal die EU-CO2-Vorgabe für Lkw ohnehin einen Technologiesprung erzwingt.

Quelle

[1] Knorr-Bremse: „Fit für die Straße: Knorr-Bremse bringt redundantes Bremssystem für autonome Lkw in Serie“

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