Die oberste US-Verkehrsbehörde NHTSA will die Lenkrad-Pflicht für reine Robotaxis kippen. Damit fällt die letzte bauliche Hürde für Fahrzeuge, die kein Mensch je steuern soll. Für europäische Hersteller und Flottenbetreiber öffnet sich eine regulatorische Kluft, die teuer werden kann.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMit einem einzigen Wort, „auf jeden Fall“, hat NHTSA-Chef Jonathan Morrison am 9. Juli 2026 signalisiert, dass fahrerlose Autos in den USA bald ohne Lenkrad und Pedale zugelassen werden könnten. Was nach technischem Detail klingt, verschiebt die Spielregeln für die ganze Robotaxi-Branche und setzt Europa unter Zugzwang.
Das Wichtigste in Kürze
- NHTSA-Chef Jonathan Morrison will die Pflicht zu Lenkrad und manuellen Bedienelementen für reine Robotaxis streichen.
- Die Behörde hat schon am 25. Juni 2026 den Wegfall der Bremspedal-Pflicht vorgeschlagen, weitere Sicherheitsstandards stehen auf der Liste.
- Deutschland erlaubt fahrerlose Autos seit 2021, verlangt aber eine technische Aufsicht statt den Verzicht auf Bedienelemente.
- Ein US-Robotaxi ohne Lenkrad lässt sich nicht ohne Weiteres in der EU zulassen.
Was plant die US-Verkehrsaufsicht genau?

Die NHTSA will im Rahmen ihres „AV Framework“ veraltete Bauvorschriften für Fahrzeuge streichen, die nur eine Software steuert. Nach der Bremspedal-Pflicht soll auch die Vorgabe für Lenkrad und manuelle Bedienelemente fallen.
Hinter dem Vorstoß steht das „AV Framework“ von US-Verkehrsminister Sean Duffy, das die Sicherheitsstandards für autonome Systeme modernisieren soll.[1] Am 25. Juni 2026 hat die Behörde vorgeschlagen, die Pflicht zu fußbetätigten Bremsen (Standard FMVSS 135) für rein softwaregesteuerte Fahrzeuge aufzuheben.[2]
Teslas Cybercab, im Oktober 2024 vorgestellt, hat weder Lenkrad noch Pedale und soll laut Tesla weniger als 30.000 US-Dollar kosten, umgerechnet rund 26.100 Euro (Stand 13. Juli 2026, Kurs 0,87). Auch Waymo und Zoox bauen bisher um ein Fahrerhaus herum, das niemand nutzen soll, obwohl die Standards zu Schaltung, Spiegeln und Warnhinweisen einen Fahrer voraussetzen.
Warum ist die Lenkrad-Debatte kein Einzelfall?
Der Schritt reiht sich in eine breite Deregulierung ein: Über ein Dutzend Sicherheitsstandards stehen zur Überarbeitung. Zugleich mahnt die NHTSA die Betreiber, weil Robotaxis wiederholt Rettungskräfte behindert haben.
Der Lenkrad-Vorstoß ist Teil einer Serie. Neben den Bremsen prüft die Behörde Vorschriften zu Schaltung (FMVSS 102), Scheibenwischern, Spiegeln (111) und elektronischer Stabilitätskontrolle. Die Deregulierung läuft aber nicht bedingungslos: Am 8. Juli 2026 hat die NHTSA die Betreiber schriftlich ermahnt, weil fahrerlose Autos wiederholt Einsatzkräfte an Unfallstellen blockiert haben.
Parallel treiben deutsche Konzerne die Automatisierung voran, aber auf anderem Weg. Daimler Truck baut mit Quantum Systems einen autonomen Lkw, und ZF automatisiert die Bushaltestelle für den ÖPNV. Der Blick auf die Robotik-Entwicklung 2026 zeigt, dass Roboter auf Rädern längst zum Alltag werden.
Das Lenkrad verschwindet in den USA per Federstrich, in Europa erst nach Prüfung jeder einzelnen Betriebsstunde. Genau diese Gründlichkeit wird zum Standortnachteil oder zum Sicherheitsvorsprung, je nachdem, wessen Robotaxi zuerst einen Menschen verletzt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
USA: Vorschriften streichen
- ◆ Kein Lenkrad, keine Pedale für reine Robotaxis
- ◆ „AV Framework“ modernisiert alte Bauvorschriften
- ◆ Bremspedal-Pflicht bereits zur Streichung vorgeschlagen
Deutschland und EU: Aufsicht behalten
- ◆ Technische Aufsicht überwacht aus der Ferne
- ◆ Fahrten nur in definierten Betriebsbereichen
- ◆ Eigene EU-Typgenehmigung nach Verordnung 2022/1426
Was bedeutet das für Europa und die DACH-Region?
Die EU und Deutschland erlauben fahrerlose Autos, verlangen aber menschliche Fernaufsicht statt den Verzicht auf Bedienelemente. Ein US-Robotaxi ohne Lenkrad braucht in der EU eine eigene Typgenehmigung und passt nicht ins deutsche Recht.
Deutschland hat 2021 als eines der ersten Länder fahrerlose Autos der Stufe 4 im Regelbetrieb erlaubt, geregelt im Straßenverkehrsgesetz und der Verordnung AFGBV. Der deutsche Ansatz setzt aber auf eine technische Aufsicht, also eine Person, die das Fahrzeug aus der Ferne überwacht und Manöver freigibt. Ein Auto ganz ohne Bedienelemente ist damit nicht vorgesehen.
Auf EU-Ebene regelt die Durchführungsverordnung 2022/1426 die Typgenehmigung vollautomatisierter Fahrzeuge. Ein in den USA zugelassenes Cybercab kann also nicht einfach nach Europa rollen, sondern muss den europäischen Nachweis erbringen. Anders als beim amerikanischen Preiskampf um Prämien und Marktanteile dreht sich die europäische Debatte um Aufsicht.
Für deutsche Flottenbetreiber und Zulieferer verschiebt das die Planungsgrundlage. Robotaxi-Dienste in der DACH-Region rechnen weiter mit definierten Betriebsbereichen und Fernaufsicht, nicht mit lenkradlosen Serienfahrzeugen, und Hersteller bauen absehbar teurere regionale Varianten. Die Haftungsfrage bleibt offen, denn die NHTSA zeigt mit ihrer eigenen Ermahnung, dass weniger Bauvorschriften mehr Betriebsauflagen nach sich ziehen.
Für Entscheider im deutschsprachigen Raum lohnt der genaue Blick auf die Betriebsauflagen statt auf die Schlagzeile vom Auto ohne Lenkrad. Prüfen Sie bei Robotaxi- oder Shuttle-Projekten früh die Anforderungen an technische Aufsicht und Betriebsbereiche, denn dort entscheidet sich die Genehmigung, nicht am Lenkrad.
Quellen
[1] National Highway Traffic Safety Administration: „Transportation Secretary Sean P. Duffy Advances AV Framework with Plans to Modernize Safety Standards“ ↩
[2] National Highway Traffic Safety Administration: „Transportation Department Launches Commonsense Updates to Brake Pedal Requirements for AVs“ ↩
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