ZF hat mit City Bus Assist ein Assistenzsystem vorgestellt, das Stadtbusse selbsttätig an den Bordstein lenkt und dabei die Karosserie absenkt. Für Verkehrsbetriebe verspricht das gleichmäßige Halte und einen barrierefreien Einstieg, der bislang am Können des Fahrers hängt.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

City Bus Assist verbindet Umfeldsensorik, Lenkassistenz und Luftfederung zu einem einzigen Anfahrmanöver an der Haltestelle.[1] Vorgestellt hat ZF die Technik auf seinem Commercial Vehicle Tech Day, öffentlich zu sehen ist sie im September auf der IAA Transportation in Hannover. Dahinter steckt ein altes Problem des Nahverkehrs.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sensorik plus Federung: City Bus Assist erkennt den Bordstein, lenkt den Bus heran und senkt ihn per Luftfederung OptiRide ECAS ab.
  • Noch kein Serientermin: Das System ist ein Proof of Concept, Serienreife nennt ZF bisher nicht.
  • Dreifacher Nutzen: gleichmäßiger Halt unabhängig vom Fahrer, weniger Reifen- und Bordsteinschäden, barrierefreier Einstieg.
  • Premiere im September: zu sehen auf der IAA Transportation vom 15. bis 20. September 2026 in Hannover.

Warum ist die Anfahrt an die Haltestelle so knifflig?

Bus-Modell mit Rampe, Spielzeugbus, Zollstock zeigt 2cm Lücke, daneben ein Bordstein
City Bus Assist ermöglicht barrierefreien Einstieg: Sensoren erfassen die Bordsteinkante, die Lenkassistenz positioniert den Bus präzise und die Luftfeder schließt den Spalt

Wenige Zentimeter entscheiden über den barrierefreien Einstieg. Der Bus muss so nah an die Kante, dass kein Reifen schrammt und trotzdem kein Spalt bleibt, den Rollstuhl oder Kinderwagen kaum überwinden.

Genau dieses Feinmanöver übernimmt City Bus Assist. Umfeldsensoren erfassen Lage und Höhe der Bordsteinkante, die Lenkassistenz führt den Bus heran, und die Luftfederung senkt ihn im selben Moment ab. Die abgestimmte Steuerung von Lenkung und Federung soll das seitliche Reifenschrammen verringern.

Keine neue Idee, sondern eine ganze Technikklasse. Frühere Ansätze brauchen Leitschienen oder Magnetmarker in der Fahrbahn, also teure Umbauten an der Strecke. ZF verlagert die Aufgabe ins Fahrzeug, wo Sensorik und Software das Manöver ohne Eingriff in die Straße erledigen, ähnlich wie beim autonomen Lkw von Daimler Truck.

Was heißt das für den barrierefreien Nahverkehr?

Der Spalt zwischen Bus und Bordstein ist die häufigste Barriere beim Einstieg. Das Personenbeförderungsgesetz verlangt seit Langem vollständige Barrierefreiheit im ÖPNV, doch viele Halte erreichen sie bis heute nicht.

Als Zieldatum nennt das Gesetz den 1. Januar 2022. Erreicht ist es vielerorts nicht, weil Bordsteinhöhe, Haltestellenbau und Anfahrt zusammenpassen müssen. Ein System, das den Rest-Spalt Halt für Halt gleich klein hält, trifft damit einen echten Schwachpunkt.

Entlastung am Steuer ist der zweite Hebel. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen warnt seit Jahren vor fehlendem Fahrpersonal, und Assistenz senkt die Belastung auch für weniger erfahrene Fahrer. Parallel hat ZF eine Müdigkeitserkennung gezeigt, die die neuen EU-Sicherheitsvorgaben erfüllt, wie sie auch die Fahrerkamera-Pflicht für Neuwagen vorschreibt.

Barrierefreiheit im Nahverkehr scheitert selten am Willen und fast immer am letzten halben Meter. Genau den automatisiert ZF, und das ist mehr wert als jede Hochglanz-Studie zum vollautonomen Bus.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
City Bus Assist: So dockt der Stadtbus an

Drei abgestimmte Funktionen führen den Bus zentimetergenau an die Haltestelle.

1
Bordstein erkennen
Umfeldsensoren erfassen Lage und Höhe der Bordsteinkante.
2
Heranführen
Die Lenkassistenz steuert den Bus zentimetergenau an die Kante, ohne den Reifen zu schrammen.
3
Absenken
Die Luftfederung OptiRide ECAS senkt den Einstieg ab und schließt den Spalt.
15.–20.9.
IAA Transportation 2026
Öffentliche Premiere in Hannover, Halle 21.
offen
Serienstart
City Bus Assist ist bislang ein Proof of Concept.
2022
gesetzliches Ziel
Vollständige Barrierefreiheit im ÖPNV laut Personenbeförderungsgesetz.

Was Verkehrsbetriebe jetzt einplanen sollten

Noch ist City Bus Assist ein Proof of Concept ohne Seriendatum. Verkehrsbetriebe sollten es als Teil software-definierter Busse bewerten, deren Funktionen sich nachrüsten lassen.

ZF bündelt Assistenz, Bremse, Lenkung und Federung in einer gemeinsamen Fahrzeugarchitektur. City Bus Assist ist damit kein Einzelprodukt, sondern eine Funktion, die auf dieser Basis wachsen soll. Für die Beschaffung zählt dann nicht nur der Antrieb, sondern die spätere Erweiterbarkeit.

Software krempelt den klassischen Bus-Markt schnell um, und in der Stadt regelt die smarte Ampel, welche Linie Vorrang bekommt. Bei der nächsten Ausschreibung gehören Reifen- und Infrastrukturkosten, Barrierefreiheits-Vorgaben und die Nachrüstbarkeit auf denselben Prüfstand.

Quelle

[1] ZF Friedrichshafen: „ZF Showcases Latest Safety & Motion Systems for Software Driven Commercial Vehicles“

Mehr Newshunger?

4,4 10 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?