Die Deutsche Bahn soll ihre App fuer Wettbewerber oeffnen. Stattdessen startet sie mit der neuen App „DB Info“ eine zweite Oberflaeche, die Konkurrenzverbindungen zwar anzeigt, aber nicht zum Buchen freigibt. Fuer Entscheider ist das ein Lehrstueck ueber Plattformmacht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer DB Navigator ist Deutschlands meistgenutzte Reise-App und zugleich ein geschlossenes System. Verkehrsminister Patrick Schnieder hat die Bahn verpflichten wollen, dort auch Tickets ihrer Fernverkehrs-Konkurrenten zu verkaufen. Gekommen ist etwas anderes.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bahn überträgt den DB Navigator nicht an die gemeinwohlorientierte Tochter InfraGO, sondern belässt ihn bei der profitorientierten Sparte DB Fernverkehr.
- Die neue App „DB Info“ zeigt Verbindungen von Wettbewerbern an, lässt sie aber nicht buchen.
- Das Bundeskartellamt hat der Bahn schon 2023 den Missbrauch ihrer Marktmacht gegenüber Mobilitätsplattformen untersagt.
- Der eigentliche Engpass im Bahnmarkt ist nicht die Schiene, sondern die Vertriebsschnittstelle.
Anzeigen ist nicht verkaufen

Zwei Apps, ein Zweck. Der DB Navigator und die kommende App „DB Info“ liefern praktisch dieselben Informationen. Für Fahrgäste entsteht dadurch kein Vorteil, sondern nur eine zweite Oberfläche, finanziert mit öffentlichem Geld.
Der feine Unterschied. Anzeigen und Buchen sind zwei verschiedene Dinge. Sieht man eine Verbindung eines Wettbewerbers, kann sie aber nicht im selben Schritt kaufen, bleibt man am Ende doch im Kanal der Bahn. Die Transaktion, und mit ihr die Kundendaten, verlässt das System nicht.
Warum die Schnittstelle der eigentliche Engpass ist
Der wahre Burggraben. Die Züge fahren längst im Wettbewerb, so wie die Verkehrspolitik anderswo bereits den Weg für fahrerlose Autos freiräumt. Entscheidend bleibt trotzdem, wer den Verkaufskanal kontrolliert. 2023 hat die Bahn den digitalen Vertrieb konzernintern von DB Vertrieb zur Gewinnsparte DB Fernverkehr verschoben, ein Signal, dass die App bewusst als Ertragsmaschine gehalten wird.[1]
Ererbter Vorsprung. Der Verband der Wettbewerbsbahnen mofair spricht von einem „ererbten, nicht erarbeiteten Vorsprung im Vertrieb“. Präsident Martin Becker-Rethmann nennt die neue App absurd: „Statt eine richtige Maßnahme umzusetzen, wird nun noch eine weitere App geschaffen. ‚DB Info‘ braucht die Welt nicht.“[1]
DB Navigator
- ◆ Meistgenutzte Reise-App, bleibt bei der Gewinnsparte DB Fernverkehr
- ◆ Verbindungen anzeigen: ja
- ◆ Wettbewerber-Tickets buchen: nein
Neue App „DB Info“
- ✕ Praktisch dieselben Informationen wie der Navigator
- ◆ Verbindungen der Konkurrenz anzeigen: ja
- ✕ Verkauf der Wettbewerber-Tickets: nicht vorgesehen
Der Weg zur Nicht-Öffnung
- Juni 2023Bundeskartellamt stellt Missbrauch der Marktmacht gegenüber Mobilitätsplattformen fest.
- Aug. 2024Plattformen erhalten erstmals Echtzeit-Prognosedaten zu Verspätungen und Ausfällen.
- Sep. 2025Minister Schnieder verspricht: DB Navigator soll an die gemeinwohlorientierte InfraGO gehen.
- Juli 2026Statt Öffnung kündigt die Bahn die zusätzliche App „DB Info“ an.
Was Plattformmacht für den digitalen Markt bedeutet
Kein Einzelfall. Das Muster kennt jeder, der digitale Märkte beobachtet. Das Bundeskartellamt hat bereits im Juni 2023 entschieden, dass die Bahn ihre Marktmacht gegenüber Mobilitätsplattformen missbraucht, und Zugang zu Echtzeit-Prognosedaten sowie das Ende von Werbe- und Rabattverboten erzwungen.[2] Es ist dieselbe Regulierungslogik, mit der die EU auch SAP im Wartungsmarkt zur Wahlfreiheit zwingt.
Nicht die Gleise sind der Engpass im Bahnmarkt, sondern die App, über die verkauft wird. Solange der Staat seiner eigenen Bahn diesen Kanal lässt, bleibt Wettbewerb auf der Schiene eine Kulisse.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was zu tun ist. Für Unternehmen mit eigenen Plattformen liefert der Fall eine klare Lektion: Reichweite entsteht an der Schnittstelle, nicht am Produkt. Prüfen Sie, welche Buchungs- und Datenflüsse Sie aus der Hand geben, bevor eine Regulierung sie erzwingt. Offene Schnittstellen und wettbewerbsneutrale Standards sind kein Zugeständnis, sondern die Bedingung, unter der digitale Märkte überhaupt funktionieren.
Quellen
2 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- mofair e.V.Noch eine zusätzliche App – aber kein besserer Vertrieb (8. Juli 2026) ↩
- BundeskartellamtOffene Märkte für digitale Mobilitätsdienstleistungen – Deutsche Bahn muss Wettbewerbsbeschränkungen abstellen (28. Juni 2023) ↩
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