KI-Agenten schreiben in Stunden, wofür Teams früher Wochen gebraucht haben. Der Entwickler Armin Ronacher warnt jedoch: Genau dieses Tempo höhlt das gemeinsame Verständnis aus, das große Softwareprojekte zusammenhält.

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Vibecoding, das Entwickeln mit KI-Agenten per natürlicher Sprache, gilt als der große Produktivitätshebel des Jahres. Armin Ronacher, Entwickler des Python-Frameworks Flask und Mitgründer von Sentry, beschreibt in einem vielbeachteten Essay die Kehrseite: Nicht die einzelne Codezeile sei das Problem, sondern das leise Verschwinden des geteilten Wissens im Team.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ronacher deutet den Turmbau zu Babel neu: Nicht fehlende Werkzeuge haben das Projekt gestoppt, sondern der Verlust der gemeinsamen Sprache.
  • KI-Agenten entfernen die Reibung, über die Entwickler früher das Wissen der anderen aufgenommen haben.
  • Messbar wird das bereits: kopierter Code steigt, echtes Refactoring bricht ein.
  • Für den Mittelstand zählt jetzt weniger Tempo als klare Zuständigkeit und dokumentierte Architektur.

Warum der Turm nicht einstürzt

Schiefer Turm aus Holzklötzen mit orangerom Stein und Bauarbeiter-Figur auf weißem Grund
Beim Turmbau zu Babel war nicht mangelnde Technik das Problem, sondern fehlende Abstimmung zwischen den Baumeistern

In der biblischen Erzählung trifft Gott nicht die Ziegel und nicht das Können der Baumeister, sondern ihre Fähigkeit zur Abstimmung. Koordination, nicht Technik, war die eigentliche Macht des Projekts, schreibt Ronacher[1]. Große Codebasen scheitern selten am Tempo, sondern an den Grenzen der Abstimmung.

Früher hat jede Änderung an fremdem Code zum Lesen, Nachfragen und Abstimmen gezwungen. Diese Reibung war kein reiner Verlust, sondern der Weg, auf dem das Verständnis des einen zum Verständnis des anderen geworden ist. Ein KI-Agent erledigt den Eingriff nun ohne dieses Gespräch.

Die Codebasis wird zu Babel, weil niemand mehr kommunizieren muss, nicht weil niemand mehr kann. Kein Alarm schlägt an: Der Turm fällt nicht, also bemerken wir nicht, was verloren geht. Dass KI mehr Ingenieursdisziplin verlangt statt weniger, hat sich schon vor Ronacher abgezeichnet.

Was die Zahlen über KI-Code verraten

Ronachers These hat einen messbaren Abdruck. Die Code-Analyse-Firma GitClear hat über 200 Millionen Codezeilen ausgewertet[2]: Der Anteil kopierter Zeilen ist zwischen 2021 und 2024 von 8,3 auf 12,3 Prozent gestiegen, während echtes Refactoring von 24,1 auf 9,5 Prozent eingebrochen ist. 2024 war das erste Jahr, in dem mehr Code kopiert als überarbeitet wurde.

Kopieren statt Verstehen ist genau das Muster, das entsteht, wenn Wissen nicht mehr geteilt wird. Aus ähnlichem Misstrauen hat der Zig-Erfinder eine komplett KI-portierte Codebasis mit einer Million Zeilen infrage gestellt. Auch die Gleichförmigkeit generierten Codes treibt Entwickler zu eigenen Gegenmitteln.

Wenn KI mehr kopiert als versteht
Wie sich Vibecoding im Code messbar niederschlägt
8,3 → 12,3 %
Anteil kopierter Codezeilen, 2021 bis 2024
24,1 → 9,5 %
Anteil echten Refactorings, 2020 bis 2024
200 Mio.
ausgewertete Codezeilen der GitClear-Analyse
2024 wurde erstmals mehr Code kopiert als überarbeitet.

Nicht der geschriebene Code ist teuer, sondern der, den niemand mehr versteht. Teams, die Agenten einsetzen, kaufen Tempo auf Kredit und begleichen es in verlorenem Überblick.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was der Mittelstand jetzt tun sollte

Für deutsche IT-Teams verschiebt das die Prioritäten. Geschwindigkeit ist im Mittelstand längst nicht der Engpass, wohl aber das institutionelle Wissen, das mit jedem ungeprüften Agenten-Commit dünner wird.

  • Zuständigkeiten festschreiben: Jeder Dienst braucht einen menschlichen Eigentümer, der Agenten-Änderungen versteht und verantwortet.
  • Architekturentscheidungen dokumentieren, etwa als Architecture Decision Records, damit das „Warum“ nicht nur im Prompt-Verlauf steht.
  • KI-Commits mit derselben Prüfstrenge behandeln wie fremden Code, nicht mit weniger.

Der Produktivitätsgewinn durch Agenten bleibt real. Um ihn zu halten, sollten Teams das gesparte Tempo in gründliche Reviews und klare Zuständigkeiten zurückstecken, bevor der eigene Turm unbemerkt zu Babel wird.

Quellen

[1] Armin Ronacher: „The Tower Keeps Rising“

[2] GitClear: „AI Copilot Code Quality: 2025 Research“

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