Der Arbeitsmarkt für junge Programmierer ist in den vergangenen zwei Jahren regelrecht abgeräumt worden. Zu diesem Befund kommt der Entwickler und frühere npm-Mitgründer Laurie Voss in einer Analyse auf Basis von Zahlen der Stanford Digital Economy Lab und des US-Arbeitsministeriums. Die aggregierten Beschäftigungszahlen sehen weiter gut aus, der Blick auf die Jüngsten zeigt ein anderes Bild.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenWie stark ist der Einstiegsmarkt eingebrochen?

Die zentrale Kurve stammt aus ADP-Gehaltsdaten, die das Stanford-Team nach Altersgruppen aufgeschlüsselt hat. Beschäftigte Softwareentwickler zwischen 22 und 25 Jahren liegen 19 Prozent unter ihrem Höchststand von Ende 2022. Jede Alterskohorte über 30 ist im selben Zeitraum gewachsen, die 41- bis 49-Jährigen sogar um 14 Prozent.
Nach Kontrolle firmenspezifischer Schocks bleibt laut Stanford ein relativer Rückgang von 16 Prozent für junge Kräfte in KI-exponierten Berufen. Der Effekt konzentriert sich dort, wo KI Arbeit ersetzt statt sie zu ergänzen. Stellenausschreibungen für Einsteiger liegen 28 Prozent unter ihren 2022er-Werten, und Informatik-Absolventen kommen inzwischen auf eine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent.
Bemerkenswert ist der zeitliche Verlauf. Die Junior-Kurve bricht nicht mit dem Start von ChatGPT ein, sondern verschlechtert sich am schnellsten 2024 und Anfang 2025. Erst mit dem Sprung vom Autovervollständigen einzelner Zeilen zum Abarbeiten ganzer Tickets, also mit dem agentischen Programmieren, hat sich das Tempo erhöht.
Zur Redlichkeit gehört die Gegenprobe. Im selben Zeitraum sind auch das Ende der Nullzinsphase, die US-Steueränderung nach Section 174 und eine Korrektur der Pandemie-Einstellungswelle wirksam geworden. Nur rund 4,5 Prozent der 2025 angekündigten Entlassungen haben die Unternehmen selbst der KI zugeschrieben. Die präzise Konzentration des Schadens auf die 22- bis 25-Jährigen in automatisierbaren Tätigkeiten erklärt jedoch keiner dieser Faktoren.
Warum wächst die Branche trotzdem?
Der scheinbare Widerspruch löst sich über die Gewichtung der Altersgruppen. Die Gesamtbeschäftigung von Entwicklern liegt seit Oktober 2022 4,4 Prozent im Plus. Nach BLS-Zahlen ist die Zahl beschäftigter Softwareentwickler von 1,53 Millionen im Mai 2022 auf 1,69 Millionen im Mai 2025 gestiegen, ein Zuwachs von zehn Prozent mitten in der KI-Ära.
Junge Kräfte machen nur etwa acht Prozent der Entwicklerschaft aus. Eine Katastrophe in dieser Gruppe bewegt den Durchschnitt daher kaum. Genau deshalb findet jede Studie, die auf Mittelwerte schaut, keinen nennenswerten Effekt, während jede Auswertung mit Blick auf die Jüngsten ein Desaster sieht.
Die Alterskohorten im Überblick, indexiert auf Oktober 2022:
| Altersgruppe | Beschäftigungsentwicklung |
|---|---|
| 22 bis 25 Jahre | minus 19 Prozent |
| über 30 Jahre | durchgehend im Plus |
| 41 bis 49 Jahre | plus 14 Prozent |
| Alle Entwickler (gewichtet) | plus 4,4 Prozent |
Die Zahlen zeigen keinen sterbenden Beruf, sondern eine gekappte Leiter. Programmieren wandert vom Jobtitel zur Grundfähigkeit, und die Branche muss den Einstieg neu erfinden, bevor ihr die Senioren von morgen ausgehen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Welche Jobtitel verschwinden wirklich?
Aufschlussreich wird der Blick auf einzelne Berufsbezeichnungen. Die BLS-Kategorie „computer programmer“, also Menschen, die Code nach fremder Vorgabe schreiben, ist binnen eines Jahres um 16 Prozent geschrumpft. Prognostiziert war ein Rückgang von sechs Prozent pro Jahrzehnt.
Webentwickler haben elf Prozent verloren, Tester in der Qualitätssicherung 6,5 Prozent. Im selben Zeitraum sind Data Scientists um zwölf Prozent und Systemanalytiker um 4,4 Prozent gewachsen. Die Trennlinie verläuft zwischen Ausführung und Urteil, nicht zwischen alt und neu.
Verschwunden sind die Tätigkeiten, deren Ergebnis fertiger Code nach Spezifikation ist. Gewachsen sind die Rollen, deren Ergebnis die Entscheidung darüber ist, welcher Code überhaupt entstehen soll. Als Vergleich taugt der Schreibmaschinist, dessen Jobtitel verschwunden ist, während die Fähigkeit zu tippen zur Selbstverständlichkeit wurde.
Woher kommt die nächste Generation von Senior-Entwicklern?
Der klassische Karrierepfad hat lange so funktioniert: Einsteiger schreiben mittelmäßigen Code, ein erfahrener Kollege prüft ihn, und über Jahre entsteht Urteilsvermögen. Diese Kette ist unterbrochen, seit KI den mittelmäßigen Code selbst schreibt und niemand mehr die Junior-Stelle besetzt.
Gleichzeitig liefern Millionen neuer Bauherren Software aus, ohne dass jemand sie prüft. Eine Veracode-Untersuchung hat ermittelt, dass 45 Prozent des KI-generierten Codes grundlegende Sicherheits- und Qualitätstests nicht besteht. Für Unternehmen, die auf solchen Code setzen, ist das ein Qualitätsrisiko mit Ansage.
Zwei Zukunftspfade zeichnen sich ab. IBM verdreifacht die Einstiegs-Einstellungen und baut die Junior-Rolle rund um Kundenkontakt und Spezifikation um. Salesforce hat im vergangenen Geschäftsjahr dagegen keinen einzigen Entwickler eingestellt. Welcher Pfad sich durchsetzt, entscheidet über die Senioren des Jahres 2036.
Ein vorsichtiges Signal gibt es bereits. Die Ausschreibungsdaten von Indeed haben im Mai 2025 ihren Tiefpunkt erreicht und seither dreizehn Monate in Folge zugelegt, zuletzt um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unsere Einschätzung: Die Leiter lässt sich reparieren, aber nicht von allein.
Quellen
- Laurie Voss: „AI has torched the market for junior programmers“, seldo.com, 4. Juli 2026
- Brynjolfsson, Chandar & Chen: „Canaries in the Coal Mine?“, Stanford Digital Economy Lab, November 2025
- U.S. Bureau of Labor Statistics, Occupational Employment and Wage Statistics, Mai 2022 bis Mai 2025
- Veracode: 2025 GenAI Code Security Report
- Indeed Hiring Lab, Job Postings Tracker, Stand Juni 2026