Mercedes-Benz will das Homeoffice streichen und die Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich anheben. Der Stuttgarter Konzern verlagert damit einen erheblichen Teil seiner Sparlast auf die eigene Belegschaft. Für Entscheider steckt darin mehr als ein Tarifkonflikt, nämlich eine Richtungsfrage für die gesamte Arbeitswelt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Mercedes-Sparkurs hat am 3. Juli 2026 rund 33.000 Beschäftigte auf die Straße gebracht.[1] Auslöser ist ein verschärftes Sparpaket, das gleich mehrere Grundpfeiler moderner Arbeit antastet.
Das Wichtigste in Kürze
- Vorstandschef Ola Källenius will das Homeoffice abschaffen und eine Fünf-Tage-Präsenz für die gesamte Belegschaft durchsetzen.
- Die Arbeitszeit soll von 35 auf bis zu 40 Stunden steigen, ohne Ausgleich; die Sonderzahlung für rund 90.000 Beschäftigte wandert von Juli 2026 auf April 2027.
- Hintergrund ist das Programm „Next Level Performance“, das bis 2027 fünf Milliarden Euro Kosten senken soll.
- Am 3. Juli 2026 haben rund 33.000 Menschen an zehn deutschen Standorten gegen die Pläne protestiert.
Was Mercedes von der Belegschaft verlangt

Fünf Tage Büro: Vorstandschef Ola Källenius will die bestehenden Homeoffice-Regelungen vollständig beenden und die gesamte Belegschaft an fünf Tagen pro Woche ins Büro holen. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über eine neue Regelung zur mobilen Arbeit gelten als gescheitert.[1]
Mehr Stunden, gleiches Geld: Parallel soll die tarifliche 35-Stunden-Woche fallen. Künftig wären bis zu 40 Stunden fällig, ohne zusätzlichen Lohn. Die für Juli 2026 vorgesehene Sonderzahlung von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts verschiebt der Konzern für rund 90.000 der 108.000 deutschen Beschäftigten auf April 2027.
Warum trifft der Sparkurs gerade jetzt die Mitarbeiter?
Renditeeinbruch: Hinter dem harten Kurs steht eine deutlich verschlechterte Ertragslage. Das bereinigte Konzern-EBIT ist 2025 auf 8,2 Milliarden Euro gesunken, nach 13,7 Milliarden im Jahr zuvor; der Umsatz ist von 145,6 auf 132,2 Milliarden Euro gefallen.[2] Im ersten Quartal 2026 ist das operative Ergebnis um rund 17 Prozent auf etwa 1,4 Milliarden Euro eingebrochen.
China und Elektro: Schwache Verkäufe in China und die teure Umstellung auf Elektroautos drücken die Marge, während Lieferengpässe wie zuletzt beim GLC die Produktion bremsen. Das Programm „Next Level Performance“ soll die Lücke schließen und bis 2027 fünf Milliarden Euro heben; allein 2025 hat es über 3,5 Milliarden Euro zum Ergebnis beigesteuert.
Belegschaft zahlt: Auffällig ist, an welcher Stelle gekürzt wird. Wie schon bei Volkswagen, das an der Bonus-Schraube für 16.000 Manager dreht und einen großen Stellenabbau verhandelt, trägt die Personalseite die Hauptlast der Sanierung.
Homeoffice und die 35-Stunden-Woche sind längst zum Lackmustest für die Glaubwürdigkeit von New-Work-Versprechen geworden. Ein Konzern, der beides zugleich streicht, spart nicht nur Kosten, sondern verspielt Vertrauen, das sich später teurer zurückkaufen lässt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Ist die Fünf-Tage-Pflicht überhaupt durchsetzbar?
Gegen den Trend: Viele deutsche Konzerne holen ihre Teams zwar zurück ins Büro. 40 Prozent verlangen inzwischen drei oder mehr Präsenztage, 2023 waren es 25,7 Prozent. Zur vollen Fünf-Tage-Pflicht ist bislang kein einziger großer Arbeitgeber zurückgekehrt, und genau diese Linie würde Mercedes als Erster überschreiten.
Mitbestimmung greift: Rechtlich lässt sich beides nicht im Alleingang anordnen. Die Lage und Dauer der Arbeitszeit unterliegt der Mitbestimmung des Betriebsrats, und die 35-Stunden-Woche steht im Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie. Eine Anhebung ohne Ausgleich braucht die Zustimmung der IG Metall, die zuvor schon bei SAP und der Deutschen Bank um Arbeitszeit- und Präsenzregeln gerungen hat.
Für Entscheider: Nehmen Sie den Fall als Prüfstein für die eigene Personalstrategie. Rückholung ins Büro und längere Arbeitszeiten wirken kurzfristig wie Effizienz, kosten aber Bindung und Arbeitgeberattraktivität, gerade bei knappen Fachkräften. Verhandeln Sie Präsenz und Arbeitszeit offen mit der Mitbestimmung, statt sie über den Kopf der Belegschaft hinweg zu verordnen.
Quellen
[1] IG Metall: „Jetzt reicht’s! 33.000 Mercedes-Benz-Beschäftigte fordern Zukunfts-Bekenntnis“ ↩
[2] Mercedes-Benz Group: „Geschäftsjahr 2025, Full Year Results“ ↩