In Dormagen-Rheinfeld haben Vertreter von Stadt, Kreis und RWE am Donnerstag den Grundstein für das Pumpwerk der Rheinwassertransportleitung gelegt. Ab 2030 drückt die Anlage bis zu 18.000 Liter Rheinwasser pro Sekunde in die Tagebaue Hambach und Garzweiler. Über rund 40 Jahre entstehen so zwei der größten Seen Deutschlands.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Rheinwassertransportleitung ist das Schlüsselbauwerk für die Rekultivierung des Rheinischen Reviers: Rund 45 Kilometer Stahlrohr verbinden künftig den Rhein mit den Restlöchern der Braunkohletagebaue. Mit der Grundsteinlegung vom 16. Juli 2026 bekommt das Jahrhundertprojekt seinen Motor: So nennt RP Online das Pumpwerk in Dormagen[1].
Das Wichtigste in Kürze
- Das Pumpwerk in Dormagen-Rheinfeld hebt künftig bis zu 18 Kubikmeter Rheinwasser pro Sekunde um rund 110 Meter an.
- Die 45-Kilometer-Trasse aus rund 10.000 Stahlrohren soll nach fünf Jahren Bauzeit 2030 in Betrieb gehen.
- Die Flutung beginnt 2030 in Hambach und 2036 in Garzweiler; voll sind beide Seen erst um das Jahr 2070.
- Bei Niedrigwasser drosselt RWE die Entnahme, Trockenjahre können den Zeitplan deshalb strecken.
Warum beginnt das Rheinische Seenland ausgerechnet in Dormagen?

Dormagen-Rheinfeld liegt am Rheinkilometer 712,6 und damit an der Stelle, an der das Wasser den Fluss verlässt. Ein Entnahmebauwerk am Ufer fängt es ein, dahinter drücken 18 Kreiselpumpen des neuen Pumpwerks das Wasser um rund 110 Meter nach oben, erst diese Förderhöhe bringt es bis in die Tagebaue.
Bei Grevenbroich-Allrath teilt ein Verteilbauwerk den Wasserstrom anschließend auf: 3,9 Kilometer führen in Richtung Garzweiler, 18,9 Kilometer bis nach Elsdorf an den künftigen Hambacher See[2]. Die Bezirksregierung Arnsberg hat Bau und Betrieb der Leitung Ende Januar 2026 genehmigt.
Wie viel Wasser braucht ein Tagebausee?
Die Größenordnung hat im deutschen Wasserbau kein Vorbild: Bis zu 18 Kubikmeter pro Sekunde entnimmt RWE dem Rhein, rechnerisch ein 25-Meter-Schwimmbecken alle 35 Sekunden. Neben Strom und Rohstoffen wie Kupfer rückt damit auch Wasser als knappe Ressource der Energiewende ins Blickfeld.
Der Hambachsee soll laut Planung auf rund 3.600 Hektar wachsen und mit bis zu 325 Metern Tiefe zum tiefsten See Deutschlands werden. Trotzdem dauert die Flutung rund 40 Jahre, und auch nach der Vollfüllung um das Jahr 2070 gleicht die Leitung noch etwa drei Jahrzehnte lang Versickerungsverluste aus.
„Wir schaffen neue Seen, sorgen für einen ausgeglichenen, sich selbst tragenden Wasserhaushalt im Rheinischen Revier und sichern den Erhalt der Feuchtgebiete im Norden von Garzweiler“, sagt Lars Kulik, Braunkohle-Vorstand der RWE Power AG.
Im Rheinischen Revier wird gerade Infrastruktur für das Jahr 2070 gebaut, während anderswo über die nächste Quartalsprognose gestritten wird. Dieser lange Atem ist die eigentliche Nachricht aus Dormagen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Der Zeitplan bis zum Rheinischen Seenland
Zwei neue Seen im Vergleich
- ◆ rund 3.600 Hektar Wasserfläche
- ◆ bis zu 325 Meter tief, künftig tiefster See Deutschlands
- ◆ rund 4,3 Milliarden Kubikmeter Volumen
- ◆ Flutung ab 2030
- ◆ rund 2.180 Hektar Wasserfläche
- ◆ bis zu 190 Meter tief
- ◆ rund 2 Milliarden Kubikmeter Volumen
- ◆ Flutung ab 2036
Hält der Zeitplan, wenn der Rhein Niedrigwasser führt?
Der Mechanismus hinter der Eile steht in keiner Pressemitteilung: Jahrzehntelange Sümpfung hat den Grundwasserspiegel im Revier großflächig abgesenkt. Allein aus dem Grundwasser würden sich die Restlöcher erst über Generationen füllen, mit instabilen Böschungen als Dauerrisiko. Nur die schnelle Flutung von außen stabilisiert die Ufer.
Genau dort liegt das Klimarisiko. RWE entnimmt das Wasser nach einem flexiblen Mengenkonzept, bei niedrigem Pegel wird weniger gepumpt. Wie real diese Grenze ist, zeigt thyssenkrupp: Der Stahlkonzern hat in dieser Woche wegen des Rhein-Niedrigwassers seine eigene Schifffahrt gestoppt.
Das Muster kennt die Lausitz. Dort hat LEAG die Flutung des Cottbuser Ostsees in den Trockenjahren 2019 und 2020 mehrfach unterbrechen müssen, weil die Spree zu wenig Wasser geführt hat. Der BUND Nordrhein-Westfalen erwartet deshalb, dass die Befüllung im Rheinland länger dauert als geplant.
Für die Region bleibt die Leitung trotzdem die Grundlage des Strukturwandels: Rund um die Seen planen die Kommunen Tourismus, Wohnquartiere und Gewerbe, das Vorbild liefert die rekultivierte Ville-Seenlandschaft bei Köln. Parallel wirbt RWE gemeinsam mit der Chemiegewerkschaft dafür, das deutsche Klimaziel von 2045 auf 2050 zu verschieben.
Für Entscheider im Rheinland läuft damit ein Countdown über 40 Jahre. Flächen an künftigen Seeufern, von Gastronomie bis Gewerbepark, lassen sich jetzt sichern, solange sie noch nach Tagebau bepreist werden und nicht nach Seeblick.
Quellen
[1] RP Online: „Dormagen: Grundstein für Rheinwassertransportleitung gelegt“ (16. Juli 2026) ↩
[2] RWE Power: „Spatenstich für die Rheinwassertransportleitung: Startschuss für das Rheinische Seenland“ (17. März 2026) ↩
Mehr Newshunger?
- Dekarbonisierung ohne Eigenkapital: E.ON und Leadec rüsten Europas Fabriken um
- CO₂-Abscheidung im Zementwerk: thyssenkrupp weiht die weltweit erste Oxyfuel-Anlage ein
- Industriestrompreis: 5 Cent, aber die Veredelung bleibt teuer
- Phosphor: Der Rohstoff, ohne den nichts wächst
- Klimawandel: Diese Branchen zahlen drauf