In Mergelstetten läuft seit dem 9. Juli 2026 die weltweit erste Anlage, die im industriellen Maßstab fast das gesamte CO₂ eines Zementwerks abfängt. thyssenkrupp Polysius setzt dafür auf reinen Sauerstoff statt Umgebungsluft. Für eine Branche, die zwei Drittel ihres CO₂ nicht durch Ökostrom loswird, ist das mehr als ein Pilotprojekt.

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Die CO₂-Abscheidung im Zementwerk galt lange als technisch machbar, aber unbezahlbar. Mit der Einweihung der Pure-Oxyfuel-Anlage im baden-württembergischen Mergelstetten verschiebt sich diese Rechnung. Über 120 Millionen Euro und eine eigene Ofenlinie stehen hinter der Frage, ob sich die Zementherstellung überhaupt dekarbonisieren lässt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Weltweit erste Oxyfuel-Anlage im industriellen Maßstab in einem Zementwerk, eingeweiht am 9. Juli 2026 in Mergelstetten.
  • Reiner Sauerstoff statt Luft hebt die CO₂-Konzentration im Abgas so weit, dass sich nahezu 95 Prozent abscheiden lassen.
  • Investition von über 120 Millionen Euro, eigene Ofenlinie mit rund 450 Tonnen Klinker pro Tag.
  • Die Vermarktung bündelt thyssenkrupp künftig in der ausgegründeten Einheit Calvion.

Warum ist Zement das härteste Klimaproblem der Industrie?

Ein Stein, verbunden durch einen Strohhalm mit einem Einmachglas mit Rauch und CO2-Etikett
Zwei Drittel der CO₂-Emissionen entstehen beim chemischen Zerfall von Kalkstein, nicht durch Verbrennung. Wasserstoff und erneuerbare Energien können diesen Prozess nicht verhindern

Rund zwei Drittel der CO₂-Emissionen eines Zementwerks entstehen nicht im Ofenfeuer, sondern im Kalkstein selbst. Beim Brennen zerfällt Kalziumkarbonat zu Branntkalk und CO₂, ein chemischer Vorgang, den kein Ökostrom und kein Brennstoffwechsel aufhält.

Genau darin liegt der Unterschied zur Stahlindustrie, die mit Wasserstoff und Lichtbogenofen einen Ausweg hat. Für Zement bleibt praktisch nur, das CO₂ direkt aufzufangen. Diese Prozessemissionen sind der Grund, warum die Branche als kaum vermeidbar gilt.

Was macht Pure Oxyfuel anders?

Herkömmliche Öfen ziehen Umgebungsluft an, die zu 78 Prozent aus Stickstoff besteht. Das Abgas ist entsprechend arm an CO₂, die Abscheidung dadurch teuer.

Pure Oxyfuel ersetzt die Luft durch reinen Sauerstoff. Dadurch steigt die CO₂-Konzentration im Abgas stark, und nahezu 95 Prozent der Emissionen lassen sich abtrennen, die prozessbedingten eingeschlossen. „Mit Pure Oxyfuel wird erstmals eine Technologie im industriellen Maßstab in einem Zementwerk demonstriert“, sagt Christian Myland, CEO von thyssenkrupp Polysius.[1]

Getragen wird das Projekt vom Konsortium CI4C, hinter dem unter anderem Heidelberg Materials, SCHWENK und Vicat stehen.

CO₂-Abscheidung im Zementwerk: Mergelstetten in Zahlen
Die weltweit erste Pure-Oxyfuel-Anlage im industriellen Maßstab, eingeweiht am 9. Juli 2026.
~95 %
der CO₂-Emissionen werden abgeschieden, prozessbedingte eingeschlossen
450 t
Klinker pro Tag in der eigenen Ofenlinie
120 Mio. €
Investition in die Demonstrationsanlage
Weltweit 1.
Oxyfuel-Anlage im industriellen Maßstab in einem Zementwerk

Rund zwei Drittel des Zement-CO₂ stammen aus dem Kalkstein selbst, nicht aus dem Brennstoff. Nur die direkte Abscheidung entfernt diese Prozessemissionen.

Zement zu dekarbonisieren heißt, eines der größten CO₂-Konten der Industrie anzugehen, nicht ein Randthema. Dass die erste Antwort im industriellen Maßstab aus einem deutschen Werk kommt, ist ein Signal an die ganze Branche.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für europäische Entscheider?

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Im EU-Emissionshandel laufen die kostenlosen CO₂-Zertifikate für Zement bis 2034 aus, parallel verteuert der Grenzausgleich CBAM die Importe. Jede nicht abgeschiedene Tonne CO₂ wird so zur wachsenden Kostenposition, wie sie auch die Debatte um die deutschen Klimaziele zeigt.

Ein Präzedenzfall existiert bereits: Heidelberg Materials scheidet im norwegischen Brevik seit 2025 CO₂ mit einer Aminwäsche ab. Oxyfuel tritt als zweite, potenziell günstigere Route an.

Für Bau- und Immobilienentscheider heißt das: klimaarmer Zement wird real, aber vorerst mit Aufschlag. Bei langfristiger Planung gehören CO₂-Kosten und CBAM-Effekte schon heute in die Kalkulation, ähnlich wie die Rohstofffrage rund um Kupfer und die Energiewende.

Mergelstetten ist eine Demonstrationsanlage, kein Serienwerk. Doch mit der Ausgründung von Calvion, die Skalierung und Vermarktung übernimmt, wird aus dem Forschungsprojekt ein Produkt. Die nächsten Jahre entscheiden, ob klimaneutraler Zement die Ausnahme bleibt oder zum Standard wird.

Quelle

[1] thyssenkrupp: „Catch4Climate-Pure-Oxyfuel-Anlage offiziell eingeweiht, ein Meilenstein für klimafreundlichen Zement“

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