thyssenkrupp nucera legt den Bau der eigenen SOEC-Serienfertigung auf Eis und schreibt dafür rund 30 Millionen Euro ab. Das geplante 300-Megawatt-Werk in Arnstadt sollte ab 2029 Hochtemperatur-Elektrolyseure in Serie liefern, doch die Nachfrage nach grünem Wasserstoff bleibt aus. Hinter dem Rückzug steckt kein technisches Scheitern, sondern ein Markt, der zu langsam anläuft. Für Entscheider in der Industrie rückt der Wasserstoffhochlauf damit erneut nach hinten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Kein eigenes Werk: thyssenkrupp nucera baut die Hochtemperatur-Elektrolyse (SOEC) vorerst nicht in Serie.
- 30 Millionen Euro: eine Sonderbelastung drückt das vierte Quartal, vor allem durch die Abschreibung der Pilotanlage.
- Prognose gekappt: das EBIT im Wasserstoffsegment rutscht auf minus 155 bis minus 135 Millionen Euro.
- Forschung bleibt: die Pilotanlage in Arnstadt läuft mit 8 Megawatt weiter, gemeinsam mit dem Fraunhofer IKTS.
Was hat thyssenkrupp nucera genau gestoppt?

Die eigene Massenfertigung von SOEC-Stacks findet vorerst nicht statt. thyssenkrupp nucera wollte in Arnstadt ein Werk mit 300 Megawatt Jahreskapazität aufbauen und ab 2029 Hochtemperatur-Elektrolyseure in Serie liefern. Diesen Ausbau stoppte der Konzern, weil sich die Fabrik bei der aktuellen Auftragslage nicht rechnet.[1]
Das laufende Geschäft bleibt davon unberührt. Die alkalische Wasserelektrolyse, mit der der Konzern große Anlagen für die Chlor- und Wasserstoffproduktion baut, bleibt das Kerngeschäft. Die 2025 eröffnete Pilotanlage in Arnstadt läuft mit 8 Megawatt weiter, gemeinsam mit dem Fraunhofer IKTS.[2] SOEC steht damit weiter im Portfolio, aber nur noch als Forschungsthema.
Warum scheitert die Serienfertigung am Markt?
Ohne verbindliche Großaufträge lohnt sich keine Fabrik. Ein 300-Megawatt-Werk verschlingt hohe Investitionen, die sich erst rechnen, sobald Kunden verlässlich abnehmen. Genau diese Abnahmeverträge fehlen, weil viele europäische Wasserstoffprojekte ihre Investitionsentscheidung immer wieder verschieben.
Dabei gilt die Hochtemperatur-Elektrolyse als besonders effizient. SOEC-Zellen arbeiten bei rund 800 Grad und nutzen Abwärme aus der Industrie, wodurch sie pro Kilogramm Wasserstoff weniger Strom brauchen als alkalische oder PEM-Verfahren. Der Vorsprung nützt wenig, solange die Industrie keine festen Mengen bestellt.
Der Rückzug reiht sich in einen breiten Dämpfer der Wasserstoffbranche ein. Schon Ende Juli hatte nucera vor einem Auftragseinbruch gewarnt, den der Quartalsgewinn zunächst überdeckte. Auch andere Anbieter drosseln ihre Elektrolyse-Pläne, während die Preise für grünen Wasserstoff kaum sinken.
Der SOEC-Stopp ist kein Technikversagen, sondern die Quittung für einen Wasserstoffmarkt, der seine eigenen Ziele nicht einhält.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Stopp für die Wasserstoffwirtschaft?
Für die Industrie verschiebt sich der Zeitplan. Unternehmen, die ihre Dekarbonisierung auf grünen Wasserstoff bauen, sollten SOEC als Wette auf die 2030er einordnen und für die nächsten Jahre auf die ausgereifte alkalische Elektrolyse setzen.
Die EU-Wasserstoffstrategie peilt bis 2030 zehn Millionen Tonnen heimischen grünen Wasserstoff an, doch die Projekte hinken diesem Ziel hinterher. Das deutsche Wasserstoff-Kernnetz ist zwar genehmigt, doch ohne verlässliche Abnahme bleibt jede Elektrolyse-Fabrik ein Risiko.
Für Anleger zählt zunächst die gesenkte Prognose, für die Industrie die Botschaft dahinter. Grüner Wasserstoff kommt, aber langsamer als geplant. Bis dahin bleibt die alkalische Elektrolyse das Arbeitspferd, das den Engpass bei teuren Edelmetallen zunehmend umgeht.
Quellen
[1] thyssenkrupp nucera: „SOEC-Neuausrichtung führt zu Anpassung der EBIT-Prognose 2025/26″
[2] thyssenkrupp nucera: „thyssenkrupp nucera and Fraunhofer IKTS open First SOEC Pilot Production Plant“
Mehr Newshunger?
- Wasserstoff: Hoffnungsträger oder teure Illusion?
- thyssenkrupp nucera: Warum der Quartalsgewinn den Wasserstoff-Einbruch überdeckt
- Grüner Wasserstoff aus Lingen erreicht erstmals einen Industriekunden
- Wasserstoff-Hub in Algerien: Warum Siemens Energy die Elektrolyseure vor Ort bauen will
- Solar boomt, Wind hinkt: Energiewende 2026