thyssenkrupp nucera meldete für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 einen Konzernumsatz von 145 Millionen Euro und übertraf damit die Markterwartung.[1] Jedoch hat das Unternehmen im Segment „grüner Wasserstoff“ binnen eines Jahres mehr als drei Viertel an Umsatz verloren.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Der Konzernumsatz lag mit 145 Millionen Euro über der Markterwartung
- Im grünen Wasserstoff fiel der Umsatz nach neun Monaten von 377 auf 80 Millionen Euro, ein Minus von 79 Prozent.
- Das Wasserstoffsegment verbuchte über neun Monate ein operatives Ergebnis von minus 107 Millionen Euro.
- Der Auftragseingang im Segment Wasserstoff schrumpfte im dritten Quartal auf 3 Millionen Euro, nach 13 Millionen Euro im Vorjahresquartal.
Warum trügt der Quartalsgewinn?

Vorzieheffekte stehen hinter dem scheinbaren Erfolg. Im Chlor-Alkali-Geschäft, der Elektrolyse für die Chemieindustrie, zog thyssenkrupp nucera Umsätze in das dritte Quartal vor, die eigentlich erst im vierten Quartal angefallen wären.[1] Das Stammgeschäft trug im Quartal ein operatives Ergebnis von plus 15 Millionen Euro bei, während das Wasserstoffsegment 17 Millionen Euro verlor.
Die Gegenrechnung steht in derselben Mitteilung. Über die ersten neun Monate sackte der Konzernumsatz von 663 auf 354 Millionen Euro, das operative Ergebnis rutschte von plus 4 auf minus 69 Millionen Euro.[1] Ein vorgezogener Umsatz füllt das dritte Quartal und fehlt im vierten. Neue Nachfrage entsteht dadurch nicht, nur eine andere Verteilung über den Kalender.
Warum bricht der grüne Wasserstoff weg?
Die Auftragsflaute ist das eigentliche Problem. Im dritten Quartal buchte das Wasserstoffsegment gerade 3 Millionen Euro an neuen Aufträgen, nach 13 Millionen Euro ein Jahr zuvor.[1] Der künftige Umsatz eines Anlagenbauers entsteht aus solchen Bestellungen, die erst mit der finalen Investitionsentscheidung der Projektentwickler eingehen. Solange den Vorhaben feste Abnehmer fehlen und grüner Wasserstoff ein Mehrfaches des „grauen Wasserstoffs“ kostet, verschieben die Entwickler diese Entscheidung, und die Bestellungen für Elektrolyseure bleiben aus.
Die Internationale Energieagentur kürzte in ihrem Global Hydrogen Review 2026 die Prognose für kohlenstoffarmen Wasserstoff bis 2030 um 40 Prozent und hält nur noch 6 statt 10 Millionen Tonnen für realistisch.[2] Zusätzlich drücken chinesische Elektrolyse-Stacks zu rund 70 Euro je Kilowatt auf die westlichen Anbieter, die außerhalb Chinas das Drei- bis Vierfache verlangen. Auch Wettbewerber spüren das, etwa Siemens Energy, das seine Elektrolyseure künftig direkt in Algerien fertigen will.
Der Quartalsgewinn von thyssenkrupp nucera ist ein Buchungseffekt, keine Trendwende.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zwei Geschäfte, zwei Richtungen
Was heißt das für deutsche Entscheider?
Das EU-Ziel und die Realität klaffen weit auseinander. Bis 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen heimischen erneuerbaren Wasserstoff herstellen, gestützt auf rund 40 Gigawatt Elektrolysekapazität. Die IEA-Zahlen zeigen, wie schmal die Basis dafür noch ist.[2] Für die deutsche Industrie, die Stahl, Chemie und Raffinerien mit grünem Wasserstoff dekarbonisieren will, rückt der Zeitplan damit nach hinten. Die Nachfrageseite hängt am Ausbau des Wasserstoff-Kernnetzes, dessen Fahrplan selbst noch in Bewegung ist.
Konkret lohnen sich zwei Schritte. Verankern Sie bei eigenen Wasserstoffplänen keinen Investitionsbedarf allein am Versprechen der Verfügbarkeit ab 2030, sondern rechnen Sie einen Puffer für Verzögerungen ein. Und achten Sie als Gradmesser auf feste Abnahmeverträge und getroffene Investitionsentscheidungen, nicht auf Ankündigungen einzelner Anlagen. Ein nüchterner Blick auf die Energiewende hilft dabei, wie ihn die Bilanz von Solar-Boom und schleppendem Windausbau 2026 liefert.
FAQ: thyssenkrupp nucera und der grüne Wasserstoff
Wie hoch war der Umsatz von thyssenkrupp nucera im dritten Quartal 2025/26?
Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 meldete thyssenkrupp nucera einen Konzernumsatz von 145 Millionen Euro, nach 184 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Der Wert lag über der Markterwartung, weil Umsätze aus dem Chlor-Alkali-Geschäft aus dem vierten Quartal vorgezogen wurden.
Was macht thyssenkrupp nucera?
thyssenkrupp nucera baut großindustrielle Elektrolyse-Anlagen. Das Unternehmen liefert die Chlor-Alkali-Elektrolyse für die Chemieindustrie und Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff aus Wasser und Ökostrom. Der Firmensitz liegt in Dortmund.
Was ist der Unterschied zwischen grünem und grauem Wasserstoff?
Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse von Wasser mit Strom aus erneuerbaren Quellen und verursacht dabei kein CO2. Grauer Wasserstoff wird aus Erdgas gewonnen und setzt CO2 frei. Grüner Wasserstoff kostet derzeit ein Mehrfaches des grauen.
Wie viel grünen Wasserstoff will die EU bis 2030 herstellen?
Die EU peilt bis 2030 zehn Millionen Tonnen heimisch produzierten erneuerbaren Wasserstoff an, gestützt auf rund 40 Gigawatt Elektrolysekapazität. Die IEA hält davon nur einen Teil für realistisch und senkte ihre Prognose für 2030 deutlich.
Ist thyssenkrupp nucera profitabel?
Über die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2025/26 wies thyssenkrupp nucera ein operatives Ergebnis von minus 69 Millionen Euro aus. Das Chlor-Alkali-Geschäft war mit plus 38 Millionen Euro profitabel, das Wasserstoffsegment verlor 107 Millionen Euro.
Quellen
[1] thyssenkrupp nucera AG & Co. KGaA: Vorläufige Finanzkennzahlen für Q3/9M 2025/26 (Ad-hoc-Mitteilung), 29. Juli 2026
[2] Internationale Energieagentur (IEA): „Global Hydrogen Review 2026“
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