Kingsoft verspricht das KI-Büro, in dem der Nutzer keine Menüs mehr bedient, sondern der Agent Lingxi Präsentationen und Tabellen selbst fertigstellt. Mit 676 Millionen aktiven Geräten trifft der Sprung von Office AI zu AI Office einen gewaltigen Markt. Für deutsche Firmen kehrt damit die Copilot-Frage zurück: Wo landen die Dokumente, sobald die KI sie schreibt?
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKingsoft-Manager Yang Sitong fasste die Wette seines Konzerns in einen Rollentausch: weg von Office AI, hin zum AI Office. Nicht länger schraube die Bürosuite KI-Funktionen an bestehende Menüs, sondern baue sich um einen Agenten herum, der Aufgaben eigenständig erledigt. Für deutsche Entscheider rückt damit dieselbe Frage nach vorn wie bei Microsoft Copilot.
Das Wichtigste in Kürze
- WPS kommt nach Konzernangaben auf 676 Millionen aktive Geräte weltweit; der KI-Assistent Lingxi zählt rund 80 Millionen Nutzer im Monat, mehr als das Vierfache des Vorjahres.
- Mit Lingxi Pro für Einzelne und WPS Comate für Organisationen rückt der Agent vom Zusatzknopf zum Startpunkt der Arbeit.
- Der Kurs spiegelt Microsoft Copilot und Googles Gemini, setzt aber auf ein chinesisches Modell und eine chinesische Cloud.
- Für Büros in der DACH-Region zählt weniger die Funktion als der Ort der Verarbeitung, also DSGVO und EU AI Act.
Was unterscheidet AI Office von Office AI?

Der Unterschied liegt im Einstiegspunkt. Office AI heftet ein Chatfenster oder einen Knopf an fertige Programme, die Bedienung bleibt beim Menschen. Beim AI Office gibt der Nutzer ein Ziel vor, und der Agent liefert das Ergebnis als bearbeitbare Datei zurück statt als Chatantwort.
Genau hier setzt Lingxi Pro an. Der Assistent erzeugt Präsentationen, Tabellen und Textdokumente als native, nachvollziehbare Office-Dateien und greift dafür auf die WPS-Cloud zu.[1] Konzernchef Zhang Qingyuan spricht vom Beginn eines dritten Zeitalters der Bürosoftware. „KI baut nicht die Software um, sondern die Art, wie Arbeit fertig wird. Früher bedienten Menschen Software, heute geben sie ein Ziel vor, und die KI erledigt es mit“, sagte er auf der Produktivitätskonferenz in Shanghai.
Warum wettet ein 676-Millionen-Konzern auf den Agenten?
Hinter der Wette stehen große Zahlen. WPS zählt nach eigenen Angaben 676 Millionen aktive Geräte, der KI-Assistent Lingxi wuchs binnen eines Jahres um 307 Prozent auf rund 80 Millionen Monatsnutzer. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz um knapp 25 Prozent, das Abogeschäft WPS 365 legt seit sechs Quartalen zweistellig zu.
Der Kurs ist kein Alleingang. Microsoft Copilot und Googles Gemini bauen ihre Suiten ebenso um die KI herum, und in China verdient Baidus Büroagent Dazi bereits Geld mit derselben Idee. Der Besitz des Agenten entscheidet über den Einstieg in den Arbeitstag und damit über die Kundenbindung, ein Muster der laufenden KI-Welle in den Unternehmen.
Nicht die cleverste Funktion gewinnt das Büro, sondern der Anbieter, dem eine Firma ihre Dokumente anvertraut.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Von Office AI zu AI Office
Statt KI-Knöpfe an fertige Programme zu heften, baut WPS die Suite um den Agenten: Lingxi Pro für Einzelne, WPS Comate für Organisationen. Der Nutzer gibt ein Ziel vor, die KI liefert die fertige Datei.
Was heißt das für Büros in der DACH-Region?
Ein KI-Agent muss den Inhalt eines Dokuments an ein Modell schicken, um es zu bearbeiten. Der Rechenort entscheidet deshalb über die Datenhoheit: Läuft das Modell in der EU, in den USA oder in China? Bei WPS Lingxi wäre es eine chinesische Cloud, also ein Drittlandtransfer im Sinne der DSGVO.
Deutsche Firmen haben Alternativen. Nextcloud und IONOS stellen mit dem Euro-Office eine souveräne Suite gegen Microsoft 365, LibreOffice verzichtet bewusst auf eingebaute KI, und der Schweizer Bund setzt auf die Open-Source-Suite openDesk. Dass sich ein KI-Büroagent auch im eigenen Netz halten lässt, zeigt Alibabas Konzernschwester Ant Group mit Qwen Office.
Vor der Einführung eines KI-Büros lohnt der prüfende Blick: Wo rechnet der Agent, greift ein Auftragsverarbeitungsvertrag samt Drittland-Klausel, und welche Dokumente bleiben besser außen vor? Sensible Unterlagen gehören auf eine europäische oder selbst gehostete Lösung, der Rest darf vom Komfort des Agenten profitieren. Kingsoft steigerte zuletzt seinen Gewinn kräftig; das Rennen ums AI Office entscheidet aber nicht die Wachstumskurve, sondern das Vertrauen der Firmen.
Quelle
[1] Xinhua: „金山办公持续落子AI办公:灵犀专业版、WPS Comate同日发布“
Mehr Newshunger?
- Qwen Office: Alibaba macht den KI-Agenten zum Aufgabenverteiler im Büro
- Drei- bis fünffaches Umsatzziel: Baidus KI-Büroagent Dazi verdient plötzlich Geld
- LibreOffice erklärt fehlende KI zum Feature und bricht den Download-Rekord
- Euro-Office kommt auf den Desktop: die souveräne Alternative zu Microsoft 365
- Der Schweizer Bund bringt 3000 Arbeitsplätze auf die Open-Source-Suite openDesk
- Kingsoft Office steigert den Gewinn um 237 Prozent, das WPS-Geschäft wächst viel langsamer