Kingsoft Office meldet für das erste Halbjahr rund 302 Millionen Euro Gewinn, fast das Vierfache des Vorjahres. Der Sprung stammt größtenteils aus der frühen Beteiligung am KI-Entwickler Zhipu, nicht aus dem Verkauf von WPS-Lizenzen. Das operative Geschäft wuchs deutlich langsamer. Genau diese Lücke lohnt den zweiten Blick.

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Kingsoft Office, der Anbieter der Bürosuite WPS, hat seinen Halbjahresgewinn um fast 237 Prozent gesteigert. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein KI-Triumph im Bürogeschäft. Der Blick in die Bilanz erzählt eine nüchternere Geschichte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der gemeldete Halbjahresgewinn kletterte auf rund 302 Millionen Euro, ein Plus von 237 Prozent.
  • Bereinigt um Fonds- und Beteiligungserträge blieb ein Wachstum von 18 bis 39 Prozent.
  • Die frühe Zhipu-Beteiligung steht laut Halbjahresbericht bei rund 597 Millionen Euro.
  • WPS 365 und WPS AI treiben das operative Geschäft, tragen den Gewinnsprung aber nicht allein.

Woher kommt der Gewinnsprung wirklich?

Ein oranger Ballonpfeil trägt einen Ordner, ein Schild daneben warnt
Umsatz im ersten Halbjahr um 25 Prozent auf 397 Millionen Euro gestiegen, Gewinn zehnmal schneller gewachsen durch KI-Investitionen

Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr auf rund 397 Millionen Euro, ein Zuwachs von knapp 25 Prozent.[1] Der Gewinn legte im selben Zeitraum fast zehnmal so schnell zu. Diese Schere ist das eigentliche Thema. Den Ausschlag geben Investmenterträge, allen voran die frühe Beteiligung am KI-Entwickler Zhipu. Aus einem Einsatz von rund 18 Millionen Euro wurde laut Halbjahresbericht ein Beteiligungswert von etwa 597 Millionen Euro, gerechnet zum 28. Juli. Diesen Buchgewinn schreibt Kingsoft Office über die Gewinn-und-Verlust-Rechnung fort, ohne dafür eine einzige zusätzliche WPS-Lizenz verkauft zu haben. Bereinigt um Fonds- und Beteiligungserträge sowie die aktienbasierte Vergütung weist das Unternehmen selbst nur ein Plus von 18 bis 39 Prozent aus.

Was verdient das WPS-Geschäft?

Das operative Herz bleibt die Abo-Software. WPS 365, die Antwort auf Microsoft 365, wuchs zuletzt um mehr als 60 Prozent. Die tägliche Token-Nutzung der KI-Funktionen lag Ende 2025 über 200 Milliarden Aufrufen, ein Vielfaches des Vorjahres. Diese Umsätze sind margenstark und wiederkehrend, doch sie wachsen im Takt von rund einem Viertel, nicht um 237 Prozent.

Dieselbe Schere zwischen Meldung und Substanz zeigt sich derzeit quer durch Chinas KI-nahe Tech-Werte, von Baidus Quartalszahlen bis zu Kuaishous Videogenerator Kling. Im Büromarkt drängen zugleich neue KI-Agenten wie Alibabas Qwen Office und ByteDances Doubao auf denselben Arbeitsplatz. Wie stark der operative Kern trägt, entscheidet über die Substanz hinter der KI-Euphorie im Bürosektor.

Ein Gewinnsprung, der zehnmal schneller läuft als der Umsatz, sagt selten etwas über das Tagesgeschäft. Bei Kingsoft Office liefert vor allem die Zhipu-Wette den Gewinn, das WPS-Abo wächst solide, aber unspektakulär.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Kingsoft Office: gemeldeter Gewinn gegen operatives Geschäft
Erstes Halbjahr 2026, alle Werte in Euro. Stand 19. August 2026, rund 0,12 Euro je Yuan.
Wachstum im Vergleich
Gemeldeter Gewinn+237 %
Bereinigter Gewinn+18 bis +39 %
Umsatz+24,7 %
Die Zahlen hinter der Schlagzeile
397 Mio. €
Halbjahresumsatz, plus knapp 25 Prozent
302 Mio. €
Gemeldeter Gewinn, plus 237 Prozent
120 bis 141 Mio. €
Bereinigter Gewinn ohne Fonds- und Beteiligungserträge
597 Mio. €
Buchwert der Zhipu-Beteiligung zum 28. Juli 2026
Aus rund 18 Millionen Euro Einsatz wurde ein Zhipu-Buchwert von etwa 597 Millionen Euro. Dieser Buchgewinn treibt den Gewinnsprung, nicht der Verkauf von WPS-Lizenzen.

Was heißt das für Entscheider im DACH-Raum?

Für Entscheider steckt darin zuerst eine Bilanzlektion. Wächst der Gewinn eines Tech-Anbieters zehnmal schneller als sein Umsatz, lohnt der Blick auf die bereinigte Zeile, bevor aus der Schlagzeile eine Kaufentscheidung wird.

Die zweite Lehre betrifft die Büro-Souveränität. Office-Software ist im DACH-Raum längst eine strategische Frage. Das Land Schleswig-Holstein stellt bis Ende 2026 rund 25.000 Arbeitsplätze auf quelloffene Programme um. Die Datenschutzkonferenz hält Microsoft 365 für Behörden für nicht DSGVO-konform. Ein chinesisches WPS löst dieses Problem nicht, denn beim Datentransfer in Drittländer stellen sich dieselben Fragen wie bei DeepSeek. Als Ausweg bieten sich eher openDesk oder souveräne KI-Angebote aus Europa an.

Konkret heißt das, Segmentzahlen statt Schlagzeilen zu lesen und bei einer Office-Migration den Drittland-Datentransfer zu prüfen, bevor quelloffene Suiten wie openDesk in die engere Wahl kommen.

Quelle

[1] Kingsoft Office (SSE 688111): Halbjahresbericht 2026, Ergebnisbekanntmachung

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