Die Schweizer Bundeskanzlei hat am 2. September 2026 grünes Licht für einen eigenen, quelloffenen Arbeitsplatz gegeben. Ab Ende 2027 sollen rund 3000 Beschäftigte die Open-Source-Suite openDesk statt Microsoft 365 nutzen. Ein Praxistest mit 172 Testpersonen zeigte, wo der Umstieg funktioniert und wo Microsoft vorerst uneinholbar bleibt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 3000 Arbeitsplätze der Schweizer Bundesverwaltung laufen ab Ende 2027 auf openDesk, einer quelloffenen Alternative zu Microsoft 365. Hinter dem Schritt steht mehr als ein Sparprogramm: die Frage, wer im Ernstfall auf die Daten einer Regierung zugreifen darf. Genau diese Frage beschäftigt derzeit jede IT-Abteilung im DACH-Raum.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bundeskanzlei startet mit dem Programm BOSS einen souveränen Arbeitsplatz; ab Ende 2027 sollen rund 3000 Beschäftigte openDesk nutzen.
- Ein Machbarkeitstest mit 172 Personen bestätigte Mail, Kalender und Dokumente, stieß aber bei großen Videokonferenzen an Grenzen.
- openDesk stammt vom deutschen ZenDiS und bündelt Bausteine wie Nextcloud, Collabora und Open-Xchange zu einer Büroumgebung.
- Schleswig-Holstein zeigt die Richtung: fast 80 Prozent der Arbeitsplätze laufen dort auf LibreOffice, die Lizenzersparnis liegt über 15 Millionen Euro im Jahr.
Was hat die Schweiz konkret beschlossen?

Die Schweizer Bundeskanzlei hat das Programm für einen digital souveränen Büroarbeitsplatz gestartet, intern BOSS genannt.[1] Kern ist openDesk, eine Sammlung quelloffener Werkzeuge, die Microsoft 365 in der Verwaltung ablösen soll. Ab Ende 2027 sollen rund 3000 Beschäftigte damit arbeiten, die erste Phase kostet schätzungsweise 9 Millionen Franken.
Vorausgegangen ist ein Machbarkeitstest mit 172 Personen aus mehreren Departementen.[2] Dokumente, Dateiablage, Zusammenarbeit sowie Mail und Kalender liefen zufriedenstellend. Bei großen Videokonferenzen offenbarte der Test allerdings Grenzen. Genau dort sitzt Microsofts stärkster Trumpf.
Warum verlässt eine Regierung Microsoft?
Der Auslöser ist juristisch. Der CLOUD Act verpflichtet US-Anbieter, gespeicherte Daten auf behördliche Anordnung herauszugeben, unabhängig vom Standort der Server.[3] Für eine Regierung mit klassifizierten Akten bedeutet dieser Zugriff einen Kontrollverlust. Verschärft hat die Lage das Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das 2020 den Datenschutzschild zwischen EU und USA kippte.[4]
openDesk beantwortet dieses Problem mit Architektur statt Vertrauen. Das deutsche Zentrum für Digitale Souveränität, kurz ZenDiS, bündelt fertige Open-Source-Bausteine zu einer Büroumgebung: Nextcloud für Dateien, Collabora auf LibreOffice-Basis für Dokumente, Open-Xchange für Mail und Kalender.[5] Jede Behörde betreibt diesen Stapel auf eigener Infrastruktur, ohne einen einzelnen US-Konzern im Rücken.
Die Schweiz steht damit nicht allein. China hat Windows aus seinen Behörden verbannt, das Bundesland Schleswig-Holstein migrierte fast 80 Prozent seiner Arbeitsplätze auf LibreOffice und spart nach eigenen Angaben über 15 Millionen Euro Lizenzkosten im Jahr.[6]
openDesk: quelloffene Bausteine statt einer Suite
Der gleiche Weg im DACH-Raum
Souveränität entscheidet sich nicht an der Textverarbeitung, sondern an der Videokonferenz. Genau dort, wo openDesk noch schwächelt, verläuft Microsofts eigentlicher Burggraben.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Unternehmen im DACH-Raum?
Die gleiche Rechtslage trifft jedes Unternehmen mit Microsoft 365 oder einer US-Cloud. Betriebe mit sensiblen Kunden- oder Personaldaten klären deshalb zuerst, wo diese Daten physisch liegen und welchem Rechtsraum sie unterstehen. Auch in Deutschland sinkt die Abhängigkeit spürbar, wie der Rückgang selbst gehosteter Mailserver und der Aufbau einer souveränen Bundes-Cloud durch SAP und Telekom belegen.
Ein kompletter Bruch mit Microsoft ist selten nötig und selten klug. Der Schweizer Test liefert die realistische Reihenfolge: Dokumente, Mail und Ablage lassen sich heute quelloffen abbilden, während Telefonie und große Videokonferenzen vorerst eine kommerzielle Lösung behalten. SAP zeigt mit seiner Souveränitäts-Cloud, dass sich beides parallel betreiben lässt.
Der Kostenrahmen bleibt überschaubar, die laufenden Lizenzgebühren fallen weg. Den größeren Gewinn bringt jedoch die Kontrolle über die eigenen Akten.
Quellen
[1] Schweizerische Bundeskanzlei: „Bundeskanzlei lanciert Programm für einen digital souveränen Arbeitsplatz (2. September 2026)“
[2] Schweizerische Bundeskanzlei: „Machbarkeitsstudie PoC BOSS“
[3] US Congress: „H.R. 4943, CLOUD Act (2018)“
[4] Gerichtshof der Europäischen Union: „Pressemitteilung Nr. 91/20 zum Urteil in der Rechtssache C-311/18 (Schrems II)“
[5] ZenDiS: „openDesk, der digital souveräne Arbeitsplatz“
[6] Staatskanzlei Schleswig-Holstein: „LibreOffice ersetzt Microsoft: fast 80 Prozent der Arbeitsplätze umgestellt (4. Dezember 2025)“
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