Chinas Ministerium für Staatssicherheit wies staatsnahe Stellen laut Bloomberg an, eine eigens für Peking gebaute Windows-10-Ausgabe zu deinstallieren. Entwickelt hatte diese Version CMIT, ein Gemeinschaftsunternehmen von Microsoft und dem Staatskonzern CETC. Der reguläre Abschalttermin lag erst im Februar 2027.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenWindows 10 verschwindet damit aus chinesischen Behörden schneller als vorgesehen. An Chinas Börsen sprangen Hunan Kylinsec und Archermind daraufhin um 20 Prozent an das Tageslimit, China National Software legte 10 Prozent zu. Microsoft erklärte dazu, dem Konzern sei kein Sicherheitsvorfall bei diesem Produkt bekannt.
Das Wichtigste in Kürze
- Chinas Ministerium für Staatssicherheit fordert staatsnahe Stellen laut Bloomberg zur Deinstallation der Windows-10-Regierungsausgabe auf. Microsoft bestätigt keinen Sicherheitsvorfall.
- Hinter der Ausgabe steht CMIT, ein Gemeinschaftsunternehmen aus Microsoft mit 49 Prozent und dem Staatskonzern CETC mit 51 Prozent.
- Der Abschalttermin lag ursprünglich im Februar 2027 und rückt nun um mehrere Monate nach vorn.
- Dokument 79 verlangt seit 2022, dass Staatsbetriebe fremde Software bis 2027 vollständig ersetzen.
Warum baute Microsoft ein Sonder-Windows für Peking?

Nach dem Ausschluss von Windows 8 aus der zentralen Staatsbeschaffung im Mai 2014 blieb Microsoft in China die Wahl zwischen Rückzug und Zugeständnis. Der Konzern gründete daraufhin mit CETC das Gemeinschaftsunternehmen CMIT, an dem Microsoft 49 Prozent hält. Im Mai 2017 stellte CMIT in Shanghai die Windows 10 China Government Edition vor, Lenovo lieferte die ersten Rechner damit aus.[1]
Technisch steckt darin eine beschnittene Enterprise-Version. OneDrive und Unterhaltungsfunktionen fehlen, Behörden dürfen eigene Verschlüsselungsverfahren einsetzen. Alle Aktualisierungen laufen über CMIT statt über Redmond. Das Gemeinschaftsunternehmen wirbt selbst mit strenger Kontrolle des ausgehenden Datenverkehrs.[2] Genau das macht den jetzigen Schritt bemerkenswert: Peking entfernt ein System, das nach chinesischen Sicherheitsauflagen entstanden ist.
Was treibt den vorgezogenen Ausstieg an?
Die Begründung steht nicht in der Meldung, sondern in einem Papier von 2022. Dokument 79 verpflichtet Staatsbetriebe, fremde Büro-, Verwaltungs- und Betriebssoftware bis 2027 durch heimische Produkte zu ersetzen, samt vierteljährlicher Fortschrittsmeldung.[3] Der Abschied von der Regierungsausgabe erfüllt damit eine Quote und beruht nicht auf einem akuten Befund.
Dasselbe Muster läuft quer durch Chinas Infrastruktur. In der Bahnsicherung ersetzt Loongson bereits fremde Prozessoren, im Serverraum wächst Hygon trotz der US-Sperrliste um zwei Drittel. Wie weit die Ablösung auf dem Schreibtisch gediehen ist, zeigt Huaweis Desktop ohne Windows und ohne Intel. Für Microsoft bleibt der Verlust überschaubar, weil China zuletzt rund 1,5 Prozent zum weltweiten Konzernumsatz beitrug.
Laut Bloomberg löscht Peking ausgerechnet die Windows-Version, die nach chinesischen Sicherheitsauflagen gebaut wurde. Technische Zugeständnisse kaufen einem Anbieter Zeit, aber keine dauerhafte Marktposition.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Termin, Eigentümer und Frist
Wer den Ausstieg spürt
Was heißt der Ausstieg für Verwaltungen in Europa?
Europäische Verwaltungen verfolgen dasselbe Ziel mit anderen Mitteln. Schleswig-Holstein hatte bis Dezember 2025 fast 80 Prozent seiner Arbeitsplätze auf LibreOffice umgestellt und rund 44.000 Postfächer auf Open-Xchange verschoben.[4] Nach Angaben des Landes sinken die Lizenzkosten dadurch um mehr als 15 Millionen Euro im Jahr, dem stehen 9 Millionen Euro Investitionen für 2026 gegenüber.
Der Unterschied liegt im Hebel. Peking ordnet an, Kiel verhandelt mit Fachverfahren. Rund 20 Prozent der Arbeitsplätze dort hängen weiter an Microsoft Office, weil Spezialsoftware daran gebunden ist. Über das Tempo jedes Umstiegs entscheidet diese Abhängigkeit zweiter Ordnung, nicht der Office-Preis.
Für IT-Verantwortliche folgen daraus zwei Aufgaben. Zunächst gehört jede Fachanwendung auf eine Liste, die ein bestimmtes Dateiformat oder eine Office-Version voraussetzt, denn diese Liste bestimmt den Zeitplan. Danach lohnt der Blick auf quelloffene Alternativen mit europäischem Betrieb, etwa auf Penpot als selbst gehostete Figma-Alternative. Welche Souveränitätsversprechen deutscher Anbieter halten, prüft unser Vergleich von StackIT, IONOS und Open Telekom Cloud.
Quellen
[1] Microsoft: „Announcing Windows 10 China Government Edition and the new Surface Pro“ (23. Mai 2017)
[2] CMIT: Produktübersicht zur Windows 10 China Government Edition (abgerufen am 18. August 2026)
[3] Center for Security and Emerging Technology: Übersetzung des Dokuments 79 der SASAC (2022)
[4] Landesregierung Schleswig-Holstein: „LibreOffice ersetzt Microsoft“ (4. Dezember 2025)
Mehr Newshunger?
- LoongLeak: das Datenleck in Chinas heimischer CPU, das kein Patch schließt
- Bor bringt zentrale Richtlinien auf den Linux-Desktop
- Doubao steuert den Windows-PC wie ein Mensch: ByteDances Agent arbeitet im virtuellen Desktop
- Zhipu baut Chinas KI ohne Nvidia: 50.000 heimische Chips laufen bereits
- Selbst gehostete Mailserver: Der Anteil sinkt auf 22,4 Prozent
- Open-Source-KI als öffentliches Gut: AI Potluck kartiert 24.600 Projekte