Loongson-Prozessoren sitzen jetzt im Stellwerksrechner der chinesischen Eisenbahn, also in dem System, das über Fahrstraßen, Signale und Weichen entscheidet. Laut dem Fachmedium EE Times China läuft die Computer-Interlocking-Technik dort inzwischen auf einem vollständig heimischen Technik-Stapel. Ausgerechnet ein sicherheitskritisches System läuft damit auf komplett eigener Hardware, ein Schritt mit Signalwirkung bis nach Europa.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Stellwerksrechner der chinesischen Bahn laufen jetzt auf Loongson-CPUs mit der Architektur LoongArch.
- Der Stapel kombiniert die Chips mit dem Echtzeitsystem SylixOS (SIL 4, EN 50128, zertifiziert vom TÜV SÜD) und der Sicherungssoftware des Staatskonzerns CRSC.
- LoongArch kommt ohne x86- oder ARM-Lizenz aus und sichert China gegen Exportsperren auf Ebene der Chip-Baupläne ab.
- Europa führt die gespiegelte Debatte über Huawei-Bann, NIS2 und Chip-Souveränität, hat beim Befehlssatz aber nur das offene RISC-V.
Warum steckt in einem Stellwerk ein heimischer Prozessor?

Ein Stellwerksrechner ist die Vitalfunktion der Bahnsicherung. Fahrstraßen verriegelt er so, dass zwei Züge nie zugleich freie Fahrt auf denselben Gleisabschnitt bekommen. Fällt diese Logik aus oder rechnet sie falsch, drohen Zusammenstöße, weshalb solche Systeme nach der Norm EN 50128 auf der höchsten Sicherheitsstufe SIL 4 zugelassen werden.
Der eigentliche Hebel des Umbaus steckt in dieser Zulassung. Für eine SIL-4-Freigabe muss der Betreiber jede Schicht durchschauen und beherrschen, vom Prozessor über das Betriebssystem bis zur Anwendung. Ausländische Chips mit undokumentierten Fehlern oder der Aussicht auf eine Exportsperre passen schlecht zu diesem Anspruch. China setzt deshalb auf Loongson-CPUs,[2] das Echtzeitsystem SylixOS und die Interlocking-Software des Staatskonzerns CRSC, alle drei aus heimischer Entwicklung.
Wie unabhängig macht LoongArch die chinesische Technik?
Der Kern der Sache ist LoongArch. Die 2020 vorgestellte Architektur löst Loongson von x86 (Intel, AMD) und von ARM, deren Befehlssätze lizenziert und damit politisch kündbar sind.[1] Ein selbst kontrollierter Befehlssatz nimmt einer Exportsperre auf der Ebene der Chip-Baupläne die Wirkung.
Die Leistung bleibt dabei zweitrangig. Unabhängige Tests des Portals Phoronix ordnen aktuelle Loongson-Kerne grob bei älteren AMD- und Intel-Generationen ein, doch ein Stellwerksrechner braucht kein Rekordtempo, sondern verlässliches Timing und eine lückenlose Freigabe. Im Software-Ökosystem holt die Architektur zugleich auf, von großen Datenbanken bis zu Standardanwendungen. Der Schritt fügt sich in Chinas Programm für eine selbst kontrollierbare IT, das schon Behörden, Banken und Stromnetze auf heimische Prozessoren wie Loongson und Hygon umstellt.
Den Ausbau finanziert Loongson mit einer Kapitalerhöhung über 2,3 Milliarden Yuan, rund 295 Millionen Euro zum EZB-Kurs vom 14. August 2026, die die Börse Shanghai Mitte August zur Prüfung annahm.[3] Das Geld fließt vor allem in Chips fortschrittlicherer Fertigungsstufen.
Ein Prozessor im Stellwerk ist kein Tempo-Wettlauf, sondern eine Vertrauensfrage. China beantwortet sie mit voller Kontrolle über jede Schicht, Europa stellt sich diese Frage bei seiner kritischen Infrastruktur bislang zu selten.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der heimische Technik-Stapel
Was heißt Chinas Chip-Autarkie für Europa?
Europa führt die Umkehrung derselben Debatte. Deutschland verbannt Komponenten von Huawei und ZTE aus dem 5G-Kernnetz, und unter NIS2 rückt die Herkunft von Hard- und Software in kritischen Anlagen in den Fokus der Haftung. China zieht dieselbe Konsequenz, nur gegen US-Technik statt gegen chinesische.
Beim Befehlssatz selbst hat Europa keine eigene Antwort vom Rang LoongArchs, sondern setzt auf das offene RISC-V und den EU Chips Act. Dass ein westlicher Sicherheitsanbieter seine Firewall-Chips bewusst bei Intel in Europa fertigen lässt, zeigt, wie ernst der Kontinent die Chip-Souveränität inzwischen nimmt. Betreiber kritischer Anlagen sollten die Herkunft jedes Prozessors in ihren Steuerungen kennen und die Lizenzabhängigkeit von x86 oder ARM als Lieferkettenrisiko bewerten.
Für europäische Entscheider ist Loongson im Stellwerk kein fernes China-Thema, sondern eine Blaupause. Prüfen Sie in Ihrer OT- und KRITIS-Landschaft, welche Schichten von einer einzigen ausländischen Bezugsquelle abhängen, und behalten Sie die Reife von RISC-V als europäische Rückversicherung im Blick.
Quellen
[1] Loongson: „Die eigenständige Befehlssatz-Architektur LoongArch“
[2] Loongson: Prozessor Loongson 3A5000
[3] Securities Times (stcn): „Loongson plant Kapitalerhöhung über 2,3 Milliarden Yuan“
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