Digitale Souveränität misst sich für SAP-Chef Christian Klein nicht in Serverstandorten, sondern in Talenten. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung warnt er vor einer KI-Abhängigkeit Europas von den USA und China und kündigt 400 bis 500 neue Data Scientists an. Damit stellt Klein die verbreitete Rechenzentren-Debatte auf den Kopf.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIn Berlin und Brüssel gilt digitale Souveränität als Infrastrukturfrage, gemessen in Chips und Rechenzentren. Klein widerspricht dieser Gleichung und benennt einen anderen Engpass. Der eigentliche Wettlauf um künstliche Intelligenz entscheidet sich für ihn an der Anwendung, nicht an Beton und Kabeln.
Das Wichtigste in Kürze
- Klein warnt vor einer KI-Abhängigkeit von den USA und China und fordert mehr Tempo bei eigener KI.
- Souveränität bedeutet für ihn Datenkontrolle nach dem Prinzip „Bring your own key“, nicht den Serverstandort.
- SAP stellt 400 bis 500 Data Scientists ein; KI soll die Softwareentwicklung um rund 30 Prozent beschleunigen.
- Statt fünf neuer KI-Rechenzentren fordert Klein ein einheitliches EU-Framework und mehr Fachkräfte.
Warum warnt Klein vor der KI-Abhängigkeit?

Klein sieht die Softwarebranche existenziell unter Druck: Versteht SAPs eigene KI Geschäftsprozesse nicht besser als ein mit Anthropic gebauter Agent, verliert der Konzern seine Daseinsberechtigung.
Hinter der Warnung steckt keine Standortrhetorik, sondern eine Existenzfrage für Unternehmenssoftware. KI-Agenten neuer Anbieter könnten klassische Anwendungen ersetzen, sobald sie Abläufe eigenständig steuern. Klein formuliert den Test drastisch: „Wir müssen schnell agieren, niemand in den USA oder China wartet auf uns. Sie wollen uns alle schlagen“, sagte er der Süddeutschen Zeitung.
Das Muster kennt die Branche aus dem Cloud-Wettlauf, den amerikanische Anbieter früh für sich entschieden. Wie groß der Hunger nach Rechenleistung inzwischen ist, zeigt der milliardenschwere Ausbau von KI-Rechenzentren ebenso wie die wachsende Kapazität in China. Zugleich läuft SAPs Kerngeschäft: Der Cloud-Auftragsbestand kletterte im zweiten Quartal um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro.[1]
Souveränität als Datenkontrolle statt Serverstandort?
Für Klein entscheidet nicht die Herkunft der Chips, sondern wer den Schlüssel hält: Verschlüsselte Kundendaten nach dem Prinzip „Bring your own key“ bleiben selbst auf US-Infrastruktur unlesbar.
Diese Sicht stellt die europäische Infrastrukturdoktrin infrage. „Ich glaube nicht, dass wir fünf neue KI-Datenzentren in Europa brauchen“, sagte Klein. Den Engpass sieht er woanders: nicht bei Chips oder Rechenzentren, sondern bei den Talenten.
Die reale Abhängigkeit sitzt tiefer in der Lieferkette, etwa bei optischen Bauteilen aus China oder bei der Energie für die KI-Server. Wie sich souveräne Datenanalyse aufbauen lässt, zeigt hierzulande der Versuch, ein nationales Gegenstück zu Palantir zu errichten. Ein Schlüsselprinzip löst das Hardware-Problem nicht, verschiebt aber die Machtfrage von der Infrastruktur auf die Daten.
Digitale Souveränität nur in Rechenzentren zu denken, heißt den letzten Krieg zu kämpfen. Kleins Wette auf Talente und Datenkontrolle ist unbequem, aber ehrlicher.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Entscheider im DACH-Raum?
Entscheider sichern Souveränität zuerst über Verschlüsselung und Schlüsselhoheit im Vertrag, nicht über den Serverstandort allein.
Für die Praxis folgt daraus ein klarer Prüfauftrag. Verträge mit Cloud- und KI-Anbietern gehören auf Schlüsselhoheit und „Bring your own key“ abgeklopft, damit Daten auch auf fremder Infrastruktur verschlüsselt bleiben. Der Aufbau eigener KI-Kompetenz wiegt dabei schwerer als der Ruf nach neuen Rechenzentren. Zusätzlich verlangt der EU AI Act eine saubere Dokumentation von Anbietern und Datenflüssen, für die Klein ein einheitliches Framework statt nationaler Sonderwege fordert.
Für DACH-Entscheider verschiebt Kleins Position den Fokus. Die nächste Souveränitätsdebatte entscheidet sich weniger an der Frage, wo die Server stehen, als daran, wer die Schlüssel und die KI-Fachleute hält.
FAQ: Digitale Souveränität nach SAP-Chef Klein
Was bedeutet digitale Souveränität?
Digitale Souveränität heißt, die Kontrolle über eigene Daten und Systeme zu behalten. SAP-Chef Christian Klein knüpft sie nicht an den Serverstandort, sondern an die Datenhoheit. Entscheidend ist der Besitz von Verschlüsselung und Schlüssel; dann bleiben die Daten souverän, auch wenn die Infrastruktur aus den USA stammt.
Warum warnt SAP vor einer KI-Abhängigkeit von den USA und China?
Klein sieht die Softwarebranche unter existenziellem Druck. KI-Agenten aus den USA und China könnten klassische Unternehmenssoftware ersetzen. Versteht SAPs eigene KI Geschäftsprozesse nicht besser als ein fremder Agent, verliert der Konzern seine Berechtigung. Deshalb fordert er mehr Tempo.
Was heißt „Bring your own key“ bei SAP?
„Bring your own key“ bedeutet, dass der Kunde den Verschlüsselungsschlüssel für seine Daten selbst hält. Ohne diesen Schlüssel kann niemand die Daten lesen, auch nicht der Betreiber der Infrastruktur. Für Klein ist das der eigentliche Hebel der digitalen Souveränität.
Wie viele KI-Fachkräfte stellt SAP ein?
SAP will 400 bis 500 zusätzliche Data Scientists einstellen. Klein setzt damit bewusst auf Talente statt auf neue Rechenzentren. KI soll zugleich die Softwareentwicklung im Konzern um rund 30 Prozent beschleunigen.
Braucht Europa neue KI-Rechenzentren?
Laut Klein nicht. Er hält fünf zusätzliche KI-Datenzentren in Europa für überflüssig, weil die Nachfrage nicht mit den USA vergleichbar ist. Den eigentlichen Engpass sieht er bei den Fachkräften und fordert ein einheitliches EU-Framework statt nationaler Sonderwege.
Quelle
[1] SAP: „SAP veröffentlicht Ergebnisse für Q2 und Halbjahr 2026“ (news.sap.com, Juli 2026)
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