Huawei bringt im Oktober mit der Qingyun-HM650-Serie den ersten Desktop-Rechner, der komplett unter dem eigenen System HarmonyOS und auf einem hauseigenen Chip läuft. Damit rückt ein PC ohne Windows und ohne Intel aus dem Labor in die Serienfertigung. Für Entscheider im deutschsprachigen Raum ist weniger das Gerät interessant als die Blaupause dahinter.

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Der HarmonyOS-Desktop wurde am 29. Juli auf einer Technikkonferenz gezeigt, und die eigentlich wichtige Zahl lieferte Huawei gleich mit: Über 19.000 Programme laufen inzwischen auf der PC-Version des Systems.[1] Genau an dieser Zahl entscheidet sich, ob ein Rechner ohne die gewohnte US-Software alltagstauglich ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erster HarmonyOS-Desktop: Die Serie Qingyun HM650 kommt im Oktober 2026 auf den Markt.
  • Voll aus eigener Hand: Betriebssystem HarmonyOS und der Prozessor Kirin X90 stammen beide von Huawei, Windows und Intel fehlen komplett.
  • Ökosystem als Hürde: Mehr als 19.000 PC-Programme sind der eigentliche Fortschritt, nicht die Hardware.
  • Signal für Europa: Der Bruch mit dem Wintel-Standard zeigt, dass ein kompletter Gegenstack möglich ist.

Was hat Huawei genau angekündigt?

Hände setzen einen Stein auf eine orange Mauer aus Klemmbausteinen vor weißem Hintergrund
Huaweis HM650-Serie: Erster Desktop-Rechner mit HarmonyOS und eigenem Kirin-X90-Prozessor für Büroarbeit und Ingenieuranwendungen

Ein reiner Eigenbau. Die HM650-Serie ist der erste Schreibtisch-Rechner mit HarmonyOS und läuft auf dem selbst entwickelten Prozessor Kirin X90, gekühlt über eine zweilagige Architektur. Huawei nennt als Einsatzfelder das tägliche Büro ebenso wie Ingenieursentwürfe, Simulationen und Programmierung.

Ökosystem im Fokus. Zhu Dongdong, Chef der Tablet- und PC-Sparte, hat weniger die Technik als die Reichweite betont: Die HarmonyOS-Rechner decken nach seinen Angaben Büro, Unterhaltung, Kreativarbeit und Spiele ab, dazu Fachfelder wie Finanzwesen und wissenschaftliches Rechnen. Einen Preis für den Desktop hat das Unternehmen noch nicht genannt.

Warum ist ein PC ohne Windows und Intel so schwer?

Das Wintel-Problem. Seit Jahrzehnten sind Windows und die x86-Chips von Intel und AMD ein Paar, an dem Software und Hardware ausgerichtet sind. HarmonyOS setzt stattdessen auf eine ARM-Architektur, und der Kirin X90 entsteht ohne jede US-Lizenz. Ausgelöst hat diesen Bruch der Ausschluss vom westlichen Zulieferer-Markt, wie ihn auch der Rückzug von Nvidia aus China zeigt.

Die Software zählt. Ein eigener Chip ist die kleinere Hürde, das fehlende Programm-Angebot die größere. Genau deshalb ist die Zahl von 19.000 Anwendungen die eigentliche Nachricht: Erst mit einem gefüllten Ökosystem wird ein alternatives System für Firmen benutzbar. Denselben Muskel baut Huawei bei Rechenzentren auf, wo die hauseigenen Chips Nvidia zunehmend Aufträge abnehmen.

Nicht der Chip macht Huawei gefährlich, sondern die 19.000 Programme dahinter. Ein Betriebssystem wird nicht am Kern entschieden, sondern an der Software, die darauf läuft.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Ein Rechner ohne Windows und ohne Intel
Wie weit Huawei HarmonyOS bis auf den Schreibtisch gebracht hat
19.000+
Programme laufen laut Huawei bereits auf der PC-Version von HarmonyOS
Okt. 2026
Marktstart des ersten HarmonyOS-Desktops (Qingyun HM650)
Kirin X90
hauseigener Prozessor statt eines Intel- oder AMD-Chips

Der Weg von HarmonyOS auf den Schreibtisch

2019
Nach den US-Sanktionen startet HarmonyOS auf dem Smartphone
2025
Das erste HarmonyOS-Notebook kommt mit eigenem Kirin-Chip
2026
Der erste HarmonyOS-Desktop folgt und schließt die Gerätekette

Europas anderer Weg zur Unabhängigkeit: Schleswig-Holstein stellt rund 30.000 Verwaltungs-PCs auf Linux und quelloffene Software um und rechnet mit etwa 15 Mio. Euro weniger Lizenzkosten pro Jahr.

Was bedeutet das für Europa?

Ein durchgängiges Muster. Der Desktop schließt eine Kette, die 2019 mit den US-Sanktionen begonnen hat: erst das Smartphone, dann Tablet und Notebook, jetzt der Schreibtisch. Jede Stufe verringert die Abhängigkeit von fremder Technik, dieselbe Logik treibt auch Chinas günstige KI-Modelle wie DeepSeek und Kimi K3 an.

Zwei Wege zur Souveränität. Die gleiche Frage stellt sich in Europa, nur mit anderer Antwort. Wo China einen kompletten Eigenstack aus Chip und System baut, setzt der Kontinent auf offene Standards, etwa wenn Frankreich Windows gegen Linux tauscht oder Schleswig-Holstein rund 30.000 Verwaltungs-PCs umstellt. Beide Male geht es darum, nicht mehr von einem einzigen US-Anbieter abzuhängen.

Handlungsauftrag statt Beobachtung. Für deutsche Entscheider lohnt der Blick nach Shenzhen als Realitätstest: Ein voll funktionsfähiger Gegenstack ist keine Theorie mehr. Für die eigene Microsoft-Bindung gilt heute vor allem eines: Das Ökosystem entscheidet, nicht das einzelne Programm. Als Orientierung taugen offene Projekte wie quelloffene KI gegen US-Sperren.

Quelle

[1] IT Home (IT之家): „HarmonyOS-Rechner-Ökosystem überschreitet 19.000 Anwendungen“ ithome.com, 29. Juli 2026

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