Drei Tage nach der US-Sperre von Anthropics Spitzenmodellen meldet sich der größte Open-Source-Verband Europas mit einer unbequemen Pointe: Ein Modell, das niemandem gehört, lässt sich auch von keiner Regierung abschalten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie digitale Souveränität Europas steht seit dem 12. Juni unter neuem Druck. Nachdem Washington den Zugang zu den Modellen Mythos 5 und Fable 5 für Nicht-US-Bürger untersagte und Anthropic daraufhin beide Modelle weltweit abschaltete, verschiebt sich die Debatte weg von der Frage nach der Abhängigkeit hin zur Frage nach dem Ausweg.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Open Source Business Alliance (OSBA) fordert nach der Anthropic-Sperre offene KI-Modelle auf Open-Source-Basis als europäische Antwort.
- Kernargument von OSBA-Vorstandschef Peter Ganten: Offene Modelle lassen sich technisch nicht per Anordnung abschalten.
- Auch der Bitkom warnt vor der Abhängigkeit vom Wohlwollen der US-Regierung und stellt digitale Souveränität an die Spitze der politischen Prioritäten.
- Für DACH-Entscheider heißt das konkret: Modelle mit offenen Gewichten als zweite Schiene einplanen, nicht erst wenn der Zugang weg ist.
Warum trifft eine US-Anordnung deutsche Unternehmen so hart?

Erpressbarkeit nennt die OSBA das eigentliche Problem. Europäische Unternehmen und Verwaltungen beziehen einen Großteil ihrer leistungsfähigen KI über US-Plattformen, und genau diesen Zugang kann Washington jederzeit kappen. Die Sperre von Mythos 5 und Fable 5 hat das vorgeführt: Über Nacht waren zwei Spitzenmodelle weg, auch für zahlende Kunden im DACH-Raum. Wie aus der Tech-Politik in Washington ein konkretes Risiko für jedes Unternehmen wird, das Claude produktiv einsetzt, hat die Redaktion bereits beim Exportkontroll-Fall aufgeschlüsselt.
Was schlägt die OSBA konkret vor?

Offene Gewichte sind für den Verband die strukturelle Antwort. Ein Modell, dessen Gewichte frei verfügbar sind und das im eigenen Rechenzentrum oder in einer EU-Cloud läuft, hängt nicht am Schalter einer fremden Regierung. OSBA-Vorstandsvorsitzender Peter Ganten zieht die Linie zu früheren Abhängigkeiten und sieht eine neue Erpressungslage entstehen, die mit Microsoft und Cloud-Diensten begann und sich nun bei KI fortsetzt.
Wir kennen dieses Vorgehen: Marktdominanz wird genutzt, um plötzlich und kompromisslos Zugänge zu sperren. Offene KI-Modelle auf Open-Source-Basis können nicht abgeschaltet werden und bieten echten Wettbewerb, der der europäischen Softwareindustrie zugutekommt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Reicht ein Verbandsappell, um die Lücke zu schließen?

Größenproblem bleibt die ehrliche Einschränkung. Europäische Anbieter wie Mistral oder Aleph Alpha holen technisch auf, liegen bei Tempo und Code-Verständnis aber noch hinter den US-Spitzenmodellen. Auch der Bitkom verlangt deshalb mehr als Open Source allein. Verbandspräsident Ralf Wintergerst sieht die Leistungsfähigkeit von Industrie, Verwaltung und Wissenschaft betroffen und fordert eigene KI-Kompetenzen ganz oben auf der politischen Agenda. Wo deutsche Anbieter wirklich Souveränität bieten und wo nur das Etikett, ordnet der LLM-Ratgeber ein. Dass Mittelständler ein 200-Milliarden-Modell inzwischen lokal auf einer Workstation betreiben können, zeigt der Blick auf lokale KI-Hardware.
Beim reinen Leistungsvergleich liegen offene Modelle noch zurück. Beim Abschaltrisiko liegen sie vorn, und dieser Punkt entscheidet, sobald ein US-Zugang über Nacht wegfällt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was sollten DACH-Entscheider jetzt tun?

Für den Mittelstand zählt jetzt vor allem eine zweite Schiene. Halten Sie neben dem US-Spitzenmodell ein Modell mit offenen Gewichten betriebsbereit, das sich im eigenen Rechenzentrum oder in einer EU-Cloud betreiben lässt. Hängen Sie geschäftskritische Abläufe nie an einen einzigen Anbieter, dessen Zugang eine politische Entscheidung in Washington beenden kann. Und behalten Sie die europäischen Alternativen im Blick, etwa Mistrals Souveränitäts-Vorstoß, statt erst beim nächsten Kill-Switch zu reagieren.
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