Zhipu hat mehr als 50.000 in China gefertigte KI-Chips in Betrieb genommen und bedient damit fast 7 Millionen Entwickler ohne einen einzigen Nvidia-Beschleuniger. Der Pekinger Modellbauer steht seit Januar 2025 auf der US-Entity-List und macht aus der Zwangslage ein Geschäftsmodell. Für europäische Firmen wächst damit eine zweite, komplett westunabhängige KI-Lieferkette heran.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Zhipu meldete Ende Juli den Aufbau einer heimischen Recheninfrastruktur mit einem Gigawatt Leistung, komplett aus chinesischen Chips. Zwei Wochen später liefert der Branchendienst LatePost die Nutzungszahlen nach,[1] und sie fallen deutlich aus: Die offene MaaS-Plattform zählt knapp 7 Millionen registrierte Konten, allein im Juli kamen rund 2 Millionen hinzu.

Das Wichtigste in Kürze

  • Über 50.000 in China gefertigte KI-Chips aktiviert Zhipu für den Inferenzbetrieb, dazu eine heimische Recheninfrastruktur mit einem Gigawatt Leistung.
  • Die offene MaaS-Plattform erreicht knapp 7 Millionen Konten und 23.000 Firmenkunden, der laufende Jahresumsatz stieg 2026 auf das 15-Fache.
  • Auslöser ist die US-Entity-List: Seit Januar 2025 bezieht Zhipu keine US-Beschleuniger mehr und weicht auf Huawei Ascend und Cambricon aus.
  • Für europäische Entwickler entsteht eine Nvidia-freie KI-Lieferkette, während der EU Chips Act die eigene Fertigung erst 2030 hochfahren will.

Warum baut Zhipu ausgerechnet ohne Nvidia?

CPU-Chip mit rotem Aufkleber auf Betonsockel und gerissenem Kabel auf weißem Hintergrund
US-Handelsbann zwingt chinesisches KI-Unternehmen Zhipu zum Umstieg auf heimische Huawei- und Cambricon-Prozessoren statt Nvidia

Der Auslöser ist ein US-Handelsbann. Seit Januar 2025 führt das US-Handelsministerium Zhipu auf der Entity-List, als erstes chinesisches KI-Modellunternehmen überhaupt.[2] Damit fiel der Zugang zu Nvidia-Beschleunigern weg, und der Konzern verlagerte Training und Inferenz auf heimische Rechenkerne von Huawei Ascend und Cambricon. Die neue Ein-Gigawatt-Anlage läuft nach den Recherchen von LatePost vollständig auf solchen China-Chips.

Mit dieser Abkehr steht Zhipu nicht allein. Cambricon verdoppelte zuletzt seinen Umsatz mit KI-Beschleunigern, und Huawei umgeht den Engpass bei schnellem Speicher mit eigenen Verfahren. Peking treibt die Chip-Selbstversorgung seit Jahren unter dem Schlagwort der „autonomen Kontrolle“ voran, der Entity-List-Eintrag hat den Umstieg bei Zhipu nur beschleunigt.

Was treibt die fast 7 Millionen Nutzer an?

Der Kapitalmarkt finanziert den Ausbau. Zhipu ging am 8. Januar 2026 als erstes börsennotiertes Sprachmodell-Unternehmen der Welt an die Hongkonger Börse und nahm dabei rund 480 Millionen Euro ein.[2] Ein zweites Listing an Shanghais STAR Market soll bis zu 1,9 Milliarden Euro bringen, den Großteil davon für die Grundlagenforschung am Modell.

Die Nachfrage wächst parallel. Der Entwicklerdienst ZCode überschritt einen Monat nach dem Start die Millionengrenze, der laufende Jahresumsatz stieg 2026 auf das 15-Fache. Neben knapp 7 Millionen Einzelkonten zählt die Plattform 23.000 Firmenkunden, die das offene GLM-Modell in eigene Anwendungen einbauen.

Zhipu beweist, dass eine KI-Plattform ohne westliche Chips wachsen kann, sobald ein Staat die Nachfrage sichert. Europäische Anbieter konkurrieren bald nicht nur mit OpenAI, sondern mit einer Lieferkette, die bewusst an ihnen vorbeigebaut wird.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zhipu: Chinas KI-Aufbau ohne Nvidia
Wie ein Pekinger Modellbauer unter US-Sanktionen auf heimische Chips umsteigt (Stand: August 2026)
50.000+
in China gefertigte KI-Chips im Inferenzbetrieb
1 GW
heimische Recheninfrastruktur, komplett ohne Nvidia
7 Mio.
registrierte Nutzer, rund 2 Millionen davon neu im Juli
23.000
Firmenkunden auf der offenen MaaS-Plattform

Kapitalmarkt finanziert den Ausbau

Hongkong-Börsengang, Januar 2026
480 Mio. €
eingenommen als weltweit erstes börsennotiertes Sprachmodell-Unternehmen
Geplantes STAR-Listing, Shanghai
bis 1,9 Mrd. €
angepeilt, der Großteil für die Grundlagenforschung am GLM-Modell

Auslöser: US-Entity-List seit Januar 2025. Zhipu weicht seither auf heimische Rechenkerne von Huawei Ascend und Cambricon aus.

Was bedeutet Chinas Chip-Abkopplung für Europa?

Europa bekommt eine zweite KI-Lieferkette. Mit jedem heimischen Chip, den Zhipu ans Netz bringt, entsteht ein KI-Stack, der ohne amerikanische Hardware auskommt. Für deutsche Entwickler ist das keine ferne Randnotiz, denn die offenen GLM-Modelle laufen bereits günstiger als westliche Rivalen, und Zhipu unterbietet mit seinem Coding-Abo Claude Code deutlich. Das Silicon Valley greift längst zu chinesischen Open-Weight-Modellen, europäische Teams stehen vor derselben Wahl.

Zugleich koppelt sich der Weltmarkt in zwei Blöcke. Der EU Chips Act will die europäische Fertigung erst 2030 auf 20 Prozent Weltanteil hochfahren, während Washington den Zugang zu Nvidia-Rechenkraft weiter verengt. Für den Mittelstand rückt damit die Frage der KI-Souveränität nach oben. Einkäufer prüfen künftig nicht nur Preis und Leistung, sondern auch, aus welcher Lieferkette Modell und Chips stammen und welche Exportregeln daran hängen.

Quellen

[1] LatePost (晚点) via Sina Finance: „智谱 API 用户数近 700 万,新启用超 5 万块国产算力芯片“

[2] South China Morning Post: „US adds Chinese AI unicorn Zhipu to trade blacklist before Biden’s exit“

Mehr Newshunger?

4,6 22 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?