Die Generalsanierung der Deutschen Bahn bekommt neue Spielregeln. Statt einen Korridor nach der halbjährigen Vollsperrung auf einen einzigen Stichtag hin zu öffnen, gehen fertige Abschnitte künftig nacheinander ans Netz. Ausgelöst hat den Kurswechsel die Strecke zwischen Hamburg und Berlin, die sechs Wochen später fertig wurde als geplant. Für Reisende bedeutet das längere Einschränkungen je Korridor, dafür soll der Fahrplan danach zuverlässiger laufen.

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Nach dem zweiten sanierten Korridor zieht die Deutsche Bahn bei der Generalsanierung die Reißleine und überarbeitet ihr Kernkonzept. Bahn-Chefin Evelyn Palla will Zahl und Umfang der Projekte neu priorisieren und fertige Streckenabschnitte einzeln freigeben, statt bis zur kompletten Fertigstellung eines Korridors zu warten. Den Ausschlag gab ein Nadelöhr, das in keiner Hochglanzbroschüre auftaucht: die Leit- und Sicherungstechnik.

Das Wichtigste in Kürze

  • Über 40 Korridore will die Bahn bis 2035 generalsanieren; nach der Riedbahn folgt jetzt der Umbau des Konzepts.
  • Die halbjährige Vollsperrung bleibt, doch fertige Abschnitte gehen einzeln ans Netz statt alle an einem Stichtag.
  • Als Bremse gilt die Leit- und Sicherungstechnik: Tests und Abnahmen sollen realistischer geplant werden.
  • Reisende müssen je Korridor mit längeren Sperrphasen rechnen, dafür soll der Betrieb danach stabiler laufen.

Was ändert die Deutsche Bahn an der Generalsanierung?

Getrenntes Modellbahngleis mit handschriftlichem Schild
Deutsche Bahn gibt festes Wiedereröffnungsdatum auf. Fertige Streckenabschnitte gehen einzeln in Betrieb, sobald Prüfung abgeschlossen ist

Die Vollsperrung bleibt, die feste Wiedereröffnung fällt. Bisher legte die Deutsche Bahn einen hochbelasteten Korridor rund ein halbes Jahr komplett still und öffnete ihn zu einem angekündigten Termin wieder. Genau dieses Versprechen kassiert Evelyn Palla. Fertige Streckenabschnitte sollen einzeln in Betrieb gehen, sobald ihre Prüfung abgeschlossen ist. Parallel überprüft die Bahn Zahl und Umfang der Projekte.[1] Der Konzern hat gerade erst sein Kerngeschäft in die schwarzen Zahlen zurückgeführt. Ein erheblicher Teil des 500 Milliarden Euro schweren Infrastruktur-Sondervermögens ist für die marode Schiene vorgesehen.

Warum wurde die Sicherungstechnik zum Nadelöhr?

Nicht das Gleis bremst, sondern die Signaltechnik. Einen Korridor kann die Bahn in Monaten neu schottern und verschweißen. Aufwendiger ist die Leit- und Sicherungstechnik, also Stellwerke, Signale und die digitale Zugsteuerung nach dem europäischen Standard ETCS. Diese Anlagen müssen nach dem Umbau einzeln getestet und abgenommen werden. Genau hier geriet die Strecke zwischen Hamburg und Berlin aus dem Takt: Restarbeiten an der Sicherungstechnik zogen sich, der volle Betrieb startete erst am 14. Juni 2026 statt Ende April. Auf der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim hatte die Bahn 2024 rund 1.200 Signal- und Steueranlagen in fünf Monaten erneuert.[2] Wie empfindlich dieses Nervensystem reagiert, führte zuletzt ein Zugfunk-Ausfall mit zwei Stunden Stillstand vor Augen. Die neue Devise lautet, Strecken wenigstens für die spätere Digitalisierung vorzubereiten, statt jeden Korridor auf die volle ETCS-Ausrüstung zu vertagen.

Die Bahn verabschiedet sich nicht von der Vollsperrung, sondern von der Illusion, ein ganzer Korridor lasse sich auf einen Stichtag hin fertig prüfen. Die Freigabe in Etappen macht die Sanierung ehrlicher, nicht schneller.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Die Generalsanierung der Bahn in Zahlen
Warum ganze Korridore künftig in Etappen ans Netz gehen
Korridore
41
Korridore bis 2035
über 4.000 Kilometer Gleis im geplanten Hochleistungsnetz
Signaltechnik
1.200
Signal- und Steueranlagen
allein auf der Riedbahn 2024 in fünf Monaten erneuert
Verzoegerung
6 Wochen
später fertig
Strecke zwischen Hamburg und Berlin: 14. Juni statt Ende April 2026
Baufreiheit
5 statt 10
Jahre Baufreiheit
so lange bleibt ein Korridor nach der Sanierung ohne größere Baustelle
Was sich am Konzept ändert
Bisher
Der ganze Korridor öffnet nach rund einem halben Jahr Vollsperrung an einem festen Stichtag.
Künftig
Fertige Abschnitte gehen einzeln ans Netz, sobald die Sicherungstechnik geprüft und abgenommen ist.

Was bedeutet der Umbau für Reisende und Wirtschaft?

Mehr Verlässlichkeit gegen mehr Geduld. Für Reisende und Pendler verlängert die schrittweise Freigabe die Einschränkungen auf dem einzelnen Korridor, dafür soll der Verkehr danach stabiler laufen. Nach einer Sanierung garantiert die Bahn allerdings nur noch fünf Jahre ohne größere Baustelle, ursprünglich waren zehn versprochen. Weil sich das Programm bis 2035 streckt, rückt auch der Deutschlandtakt mit seinen abgestimmten Anschlüssen weiter in die Ferne. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger verlangt messbare Verbesserungen nach jeder Sanierung, nicht nur neue Gleise. Zugleich drängt die Bundesnetzagentur auf mehr Wettbewerb im Fernverkehr. Siemens baut in Krefeld bereits die Züge möglicher Konkurrenten. Unternehmen mit Lieferketten auf der Schiene planen die Korridor-Fahrpläne der Bahn am besten früh ein und legen Puffer für die längeren Sperrphasen an.

Quellen

[1] Deutsche Bahn: „Generalsanierung: Projekte und Korridore im Hochleistungsnetz“

[2] DB InfraGO: „Neues Hochleistungsnetz für die Schiene“

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