Vor zehn Jahren betrieb noch fast jede zweite große Domain ihren Mailserver selbst, heute nur noch gut jede fünfte. Google und Microsoft nehmen inzwischen für 38,6 Prozent aller gemessenen Domains die eingehende Post entgegen. Eine eigene Stichprobe unter den DAX-40-Konzernen fällt sogar noch deutlicher aus.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer eigene Mailserver galt lange als Grundausstattung jeder ernsthaften Firmen-IT. Eine tägliche DNS-Messung über die eine Million meistbesuchten Domains beziffert den Gegentrend: Seit 2016 ist der Anteil selbst betriebener Mailserver von 44,6 auf 22,4 Prozent gefallen.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anteil selbst betriebener Mailserver unter den Top-Domains fiel seit 2016 von 44,6 auf 22,4 Prozent.
- Google Workspace empfängt die Post für 21,8 Prozent der Domains, Microsoft 365 für 16,8 Prozent.
- 458.467 Domains veröffentlichen einen DMARC-Eintrag, nur 46,9 Prozent davon setzen ihn durch.
- Von 39 DAX-Konzernen mit MX-Eintrag empfangen 20 ihre Post über Microsoft 365 (eigene Abfrage vom 17. August 2026).
Wie schnell schrumpft der Eigenbetrieb?

Zehn Jahre Messreihe stehen hinter dem Befund. Artem Berezin klassifiziert täglich die MX-Einträge der Tranco-Top-1M auf Basis der DNS-Momentaufnahmen des Forschungsprojekts OpenINTEL. Rund 659.000 Domains tragen dort einen MX-Eintrag. Im Schnappschuss vom 18. Juli 2026 betreiben davon 22,4 Prozent einen eigenen Mailserver, einen halben Prozentpunkt weniger als 30 Tage zuvor.[1]
Zwei Adressen nehmen den Rest auf. Google Workspace empfängt die Post für 21,8 Prozent der Domains, Microsoft 365 für 16,8 Prozent, zusammen also 38,6 Prozent. Anders als ein CDN kennt E-Mail keinen sanften Ausfallpfad: Eine abgewiesene Nachricht bleibt verloren. Welche Folgen ein Ausfall für den Geschäftsbetrieb hat, zeigte die dritte Störung binnen weniger Wochen bei IONOS.
Warum geben Betreiber ihren Mailserver auf?
Zustellbarkeit heißt der eigentliche Hebel. Seit dem 1. Februar 2024 verlangt Google von jedem Absender einen gültigen PTR-Eintrag, eine TLS-Verbindung sowie eine Spam-Rate unter 0,3 Prozent. Ab 5.000 Nachrichten am Tag kommen SPF, DKIM und DMARC dazu.[2] Ein frisch aufgesetzter Postfix erfüllt diese Punkte zwar formal, sammelt die entscheidende IP-Reputation aber erst über Monate.
Ausgerechnet DMARC zeigt, wie dünn die Auflagen greifen. 458.467 Domains veröffentlichen einen Eintrag, nur 46,9 Prozent davon stehen auf quarantine oder reject.[1] Google fordert lediglich einen vorhandenen Eintrag und lässt die Richtlinie „none“ ausdrücklich zu.[2] Wie weit Veröffentlichung und Schutzwirkung auseinanderliegen, belegte schon eine Auswertung von 67.336 Domains.
Zwei Anbieter entscheiden inzwischen darüber, ob die Geschäftspost deutscher Mittelständler ankommt. Die Frage, wie schnell ein Unternehmen diesen Anbieter wechseln kann, gehört damit in jede IT-Risikoliste.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Anteil der Domains mit eigenem Mailserver
Die Anbieter hinter dem Rest
Was die Messung sonst noch zeigt
Was bedeutet die Konzentration für DACH-Unternehmen?
DAX 40 zeigt das Muster im Kleinen. Eine eigene MX-Abfrage über die 40 Konzern-Domains am 17. August 2026 ergibt: Von 39 Domains mit MX-Eintrag empfangen 20 ihre Post über Microsoft 365, eine über Google. Acht laufen über ein Sicherheits-Gateway wie Proofpoint oder Mimecast, zehn tragen einen eigenen Hostnamen. Hinter manchem eigenen Namen steckt allerdings ein White-Label-Gateway, das in der Messung wie Eigenbetrieb aussieht.[1]
Einen Prüfmaßstab liefert das BSI mit der Technischen Richtlinie TR-03108: verpflichtendes STARTTLS und eine DNSSEC-gesicherte Namensauflösung.[3] Schleswig-Holstein hat den Gegenweg vorgemacht. Am 2. Oktober 2025 schloss die Landesverwaltung die Umstellung von mehr als 40.000 Postfächern auf Open-Xchange und Thunderbird ab.[4] Dass Souveränität auch bei Bundesprojekten den Preis schlägt, zeigt die gemeinsame Cloud von SAP und Telekom.
Ausstiegsfähigkeit gehört damit auf die Risikoliste der Geschäftsführung, nicht erst in die nächste Ausschreibung. Prüfen Sie, wie lange eine vollständige Migration Ihrer Postfächer samt Archiv tatsächlich dauert. Ein zweiter MX-Eintrag bei einem unabhängigen Anbieter kostet wenig und hält den Zustellweg im Störungsfall offen; passende Pakete listet der Webhosting-Vergleich. Wie hart ein einziges gekapertes Postfach durchschlägt, zeigte der Fall eines deutschen Rüstungszulieferers.
Quellen
[1] Artem Berezin, RIPE Labs: „Two Providers, a Stubborn Plateau and a Very Long Tail: Email in the Tranco Top-1M“
[2] Google Workspace-Admin-Hilfe: Richtlinien und Anforderungen für E-Mail-Absender
[3] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: Technische Richtlinie TR-03108 Sicherer E-Mail-Transport
[4] Staatskanzlei Schleswig-Holstein: Mailsystem der Landesverwaltung komplett auf Open Source umgestellt
Mehr Newshunger?
- CSS-Keylogger im Postfach: Wie eine E-Mail Passwörter mitschreibt
- Passkeys bei GMX und Web.de: 38 Millionen E-Mail-Konten werden passwortlos
- Weg von GitHub? Was der Wechsel zu Codeberg und Self-Hosting wirklich bringt
- Neue Top-Level-Domain .self soll Self-Hosting salonfähig machen
- Digitale Souveränität: SAP-Chef Klein setzt auf Talente statt neue Rechenzentren