Bei der Vergabe der neuen Bundes-Cloud hat die Bundesregierung erstmals digitale Souveränität höher gewichtet als den Preis. Den Zuschlag bekamen SAP und Deutsche Telekom, ergänzt durch SVA und Schwarz Digits mit jeweils 30 Prozent. Google hat gegen das Vergabeverfahren Einspruch eingelegt. Parallel meldet sich KOBIL-Gründer Ismet Koyun zu Wort und sagt, sein Mittelstands-Produkt OneApp4All habe die Funktionen längst, sei aber nie ernsthaft geprüft worden. Drei Konfliktlinien überlagern sich: USA gegen Europa, Großkonzern gegen Mittelstand, Geschwindigkeit gegen Gründlichkeit.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze:
- Vergabe: SAP und Telekom bauen Bundes-Cloud und Deutschland-App, SVA und Schwarz Digits zu je 30 Prozent als Sekundärlieferanten eingebunden.
- Google-Einspruch: Kritik am Vergabeverfahren, das digitale Souveränität erstmals höher als den Preis gewichtet hat.
- Mittelstands-Kritik: KOBIL-Gründer Koyun nennt die Vergabe „Zerstörung des Mittelstands“ und verweist auf seine bestehende OneApp4All-Lösung.
- Strategischer Kontext: Bundes-Cloud soll Basis für EUDI Wallet ab Januar 2027 und die zentrale Deutschland-App werden.
Was steckt hinter der Bundes-Cloud-Vergabe?

Digitalministerium übernimmt das Steuer. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) ist seit Anfang 2026 zuständig für die Vereinheitlichung der zerklüfteten Behörden-IT, in der Daten teilweise noch auf Servern in Rathauskellern liegen. Die Bundes-Cloud soll die technische Grundlage für EUDI Wallet, eine zentrale Bürger-App und perspektivisch alle digitalen Verwaltungsleistungen werden.
Souveränität schlägt Preis. Erstmals in einer Großvergabe dieser Klasse hat die Bundesregierung den Aspekt der digitalen Souveränität höher gewichtet als die Kosten. Hintergrund ist die Sorge, dass Microsoft, AWS oder Google im Krisenfall aufgrund des US-Cloud-Acts oder geopolitischer Spannungen Dienste kappen müssten. Wenn das passieren würde, stünde Teile der deutschen Verwaltung still.
Test läuft in fünf Städten. Seit Anfang April 2026 wird der Prototyp der Deutschland-App in Hamburg, Dresden, Nürnberg, Wiesbaden und bei der Bundesagentur für Arbeit erprobt. SAP verantwortet die KI-Module, T-Systems die souveräne Cloud-Infrastruktur. Funktional bündelt die App Anmeldung des Wohnsitzes, Kindergeld-Antrag, Grundsicherung, Gewerbeanmeldung sowie Terminmanagement und einen digitalen Dokumententresor.
Warum legt Google Einspruch ein?

Geänderte Bewertungsgrundlage. Im klassischen Vergaberecht gewinnt das wirtschaftlichste Angebot. Die jetzige Ausschreibung hat Souveränität explizit als Hauptkriterium definiert. Google argumentiert, das benachteilige internationale Hyperscaler systematisch, weil die Souveränitäts-Kriterien praktisch nur europäische Anbieter erfüllen können.
Politisches Risiko. Wenn der Einspruch erfolgreich wäre, würde das gesamte Vergabeverfahren verzögert oder neu aufgesetzt. Damit verschöbe sich auch der Rollout der Deutschland-App und der EUDI Wallet. Für Digitalminister Wildberger kommt der Einspruch zur denkbar schlechtesten Zeit, weil sich der politische Rückenwind genau jetzt nutzen ließe.
Souveränität als Vergabekriterium ist überfällig. Aber wenn Großkonzerne den Mittelstand dabei aus dem Spiel halten, hat die Politik die Lehre aus den letzten 20 Jahren noch nicht verstanden.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für deutsche Mittelständler?

Erste Ebene: Verwaltungs-Schnittstellen. Sobald die Bundes-Cloud läuft, werden viele B2G-Prozesse (Gewerbeanmeldung, Förderanträge, Steuerkommunikation) digital nachgezogen. Mittelständler, die heute noch papierbasiert mit Behörden kommunizieren, sollten ihre internen Workflows auf API-Anbindung vorbereiten. Wer noch keine ELSTER-Integration hat, hat in zwei Jahren ein Problem.
Zweite Ebene: Cloud-Souveränität als Verkaufsargument. Die Bundes-Vergabe definiert einen Marktstandard. Wer als Mittelständler in Ausschreibungen für öffentliche Auftraggeber, Stadtwerke, Kliniken oder Hochschulen antritt, wird ähnliche Souveränitäts-Klauseln in den nächsten Jahren ausschreibungsfähig haben müssen. Beim WordPress-Hosting-Vergleich ist EU-Standortgarantie längst Pflicht, bei der Server-Infrastruktur folgt der Trend zeitversetzt nach.
Dritte Ebene: Mittelstands-Frust. KOBIL-Gründer Koyun spricht für eine breite Gruppe deutscher Software-Mittelständler, die Großvergaben strukturell nicht erreichen können. Das BMDS hat zugesichert, dass spätere Projektphasen Mittelstands-Vergaben enthalten werden. Bis dahin müssen Mittelständler aktiv bleiben und ihre Lösungen in Pilotprojekten platzieren.
Welches Signal sendet die Vergabe an die Branche?

Drei Beobachtungen lassen sich festhalten. Erstens: Die deutsche Verwaltung will jetzt liefern, nach Jahren des Stillstands beim Onlinezugangsgesetz. Zweitens: Souveränität ist 2026 kein Marketing-Schlagwort mehr, sondern Vergabekriterium mit Rechtsfolgen. Drittens: Großkonzerne dominieren weiterhin den Zugang zu öffentlichen Aufträgen, auch wenn Mittelständler die bessere Technik haben.
Für deutsche Geschäftsführer ist die Botschaft klar: Wer in den nächsten 18 Monaten in souveräne IT-Architekturen investiert, ist marktreif. Wer wartet, bis die Pflicht kommt, zahlt nachträglich Aufpreis.
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