Tesla FSD fuhr bei einem Test der Brüsseler Initiative Johanna.be in 16 von 29 Tempo-30-Abschnitten zu schnell, im Schnitt mit 44 km/h. Das Assistenzsystem erkannte die Schilder meist korrekt und zeigte dem Fahrer trotzdem 50 km/h an. Am 6. Oktober entscheiden die EU-Staaten über eine europaweite Zulassung.

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Vor einer Brüsseler Schule erkennt Tesla FSD das Tempo-30-Schild am Straßenrand und blendet den Wert kurz auf dem Bildschirm ein. Die Tempoanzeige für den Fahrer bleibt trotzdem bei 50 km/h und der Wagen fährt deutlich schneller als erlaubt. Dieses Muster dokumentierte Johanna.be an drei Tagen im Juli auf rund 400 Kilometern und schickte den Bericht an die Zulassungsbehörden in den Niederlanden und Flandern.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Tesla FSD überschritt in Brüssel in 55 Prozent der getesteten Tempo-30-Abschnitte das Limit, im Schnitt mit 44 km/h.
  • In rund 90 Prozent dieser Abschnitte zeigte das System dem Fahrer ein falsches Tempolimit an, meist 50 statt 30 km/h.
  • In Fahrradstraßen setzte der Tesla mehrfach zum Überholen von Radfahrern an, obwohl die belgische Straßenverkehrsordnung das verbietet.
  • Die EU-Staaten stimmen am 6. Oktober über die europaweite Zulassung ab, Johanna.be fordert den Widerruf der vorläufigen Genehmigung.

Was hat Johanna.be in Brüssel gemessen?

Modellauto mit Dachschild und Verkehrsschild vor weißem Hintergrund
Tesla Model 3 mit FSD 14.2.2.6 absolviert Brüsseler Test in 29 Tempo-30-Zonen vor Schulen mit strengster Fahrassistenz-Einstellung

Johanna.be ist ein Brüsseler Verein, der sich für Fußgänger und Radfahrer einsetzt. Für den Test fuhr ein im Juni erstmals zugelassenes Model 3 mit der FSD-Version 14.2.2.6 vom 20. bis 22. Juli durch 29 ausgewählte Tempo-30-Abschnitte, viele davon vor Schulen.[2] Die Tester wählten die strengste Einstellung: kein Toleranzaufschlag auf das Tempolimit und keine kontextabhängige Höchstgeschwindigkeit.

In 16 der 29 Abschnitte fuhr FSD zu schnell. Bei freier Strecke ohne vorausfahrenden Verkehr lag die Quote bei 59 Prozent, der Durchschnitt bei fast 46 km/h. In Wohnstraßen, die in Belgien als Woonerf mit Tempo 20 ausgeschildert sind, überschritt der Tesla das Limit an 5 von 12 Orten. Johanna.be verweist auf die Weltgesundheitsorganisation: Bei 44 km/h ist das Todesrisiko für einen angefahrenen Fußgänger fast sechsmal so hoch wie bei 30 km/h.[1] Gegenüber Fußgängern und Radfahrern verhielt sich FSD laut Bericht allerdings vorsichtig und gewährte oft früh den Vortritt.

Warum fährt FSD zu schnell, obwohl die Kamera das Schild erkennt?

Der Bericht beschreibt eine Lücke zwischen zwei Tempowerten. Die Kamera liest das Schild und FSD blendet kurz ein erkanntes Limit von 30 km/h ein. Die dauerhafte Anzeige für den Fahrer übernimmt den Wert nicht und bleibt bei 50 km/h. Nach diesem höheren Wert richtete FSD im Test häufig die Geschwindigkeit aus.[2]

Genau diesen Fall regelt die UN-Regelung 171 für Fahrassistenzsysteme, nach der die niederländische Behörde RDW das System am 10. April vorläufig genehmigte. Ermittelt das System ein niedrigeres Tempolimit, muss die eingestellte Höchstgeschwindigkeit laut Absatz 5.3.7.4.7.3.3 automatisch auf diesen Wert sinken. Schlecht sichtbare Schilder scheiden als Ursache aus: Ein Citroën C3 mit gewöhnlicher Verkehrszeichenerkennung erkannte auf sieben Vergleichsstrecken alle Zonenschilder, der Tesla setzte das richtige Limit nur auf einer davon um.[2]

Auch der Warnassistent blieb stumm. Der Intelligente Geschwindigkeitsassistent (ISA), seit Juli 2024 für alle Neuwagen in der EU Pflicht, meldete sich während der FSD-Fahrten laut Bericht kein einziges Mal, obwohl der Wagen teils kilometerlang zu schnell unterwegs war.

Tesla FSD im Brüsseler Tempo-30-Test
Das System erkennt das Schild und fährt trotzdem nach dem höheren Wert
55 %
der 29 Tempo-30-Abschnitte fuhr FSD zu schnell
44 km/h
betrug dort die Durchschnittsgeschwindigkeit bei erlaubten 30 km/h
rund 90 %
der Abschnitte zeigten dem Fahrer ein falsches Tempolimit an
5 von 12
Wohnstraßen mit Tempo 20 durchfuhr der Tesla zu schnell
0 von 6
Fahrradstraßen erhielten die richtige Tempoanzeige
Zonenschilder auf sieben Vergleichsstrecken korrekt umgesetzt
Citroën C3 (Verkehrszeichenerkennung)7 von 7
Tesla Model 3 mit FSD1 von 7
Testfahrten vom 20. bis 22. Juli 2026 in Brüssel und Flandern, FSD-Version 14.2.2.6, ohne Toleranzaufschlag.

FSD erkennt das Tempo-30-Schild und fährt trotzdem 44 km/h. Solange diese Lücke offen ist, gehört das System nicht per Mehrheitsbeschluss auf alle europäischen Straßen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Ist die Schwäche bei Tempolimits neu?

In den USA leitete Tesla bereits im Februar 2023 einen Rückruf für 362.758 Fahrzeuge mit der damaligen FSD-Beta ein. Einer der vier Mängel betraf die Geschwindigkeit in Zonen mit wechselnden Tempolimits, die das System anhand erkannter Schilder anpasst. Tesla teilte die Bewertung der US-Verkehrsaufsicht NHTSA nicht, spielte aber ein Software-Update über das Mobilfunknetz auf.[3] Beim geplanten Robotaxi prüft die NHTSA derzeit die Selbstzertifizierung des Cybercab.

In Europa melden mehrere Staaten dieselben Bedenken an. Laut Medienberichten verlangte Schweden, die Möglichkeit zum Überschreiten des Tempolimits aus FSD zu entfernen, Frankreich erkennt die niederländische Genehmigung bislang nicht an. Tesla beantwortete eine Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters zum Bericht nicht. Früher hatte der Hersteller eine eigene Auswertung veröffentlicht, nach der FSD nicht übermäßig schnell fährt.

Was bedeutet die Abstimmung am 6. Oktober für Deutschland?

Am 6. Oktober stimmt der Technische Ausschuss Kraftfahrzeuge der EU (TCMV) über eine europaweite Zulassung ab. Nötig ist eine qualifizierte Mehrheit von mindestens 15 Mitgliedstaaten, die zusammen 65 Prozent der EU-Bevölkerung stellen. Litauen, Estland, Dänemark und Belgien erlauben FSD bereits auf Basis der niederländischen Genehmigung, wie unsere Übersicht zur FSD-Zulassung in Europa zeigt. In Belgien ist das System seit Juni erlaubt. Das Kraftfahrt-Bundesamt testet FSD dagegen mit einem eigenen Fahrzeug, die Gründe für den deutschen Sonderweg beschreibt der Beitrag zum Deutschlandstart von Tesla FSD.

FSD bleibt ein Assistenzsystem der Stufe 2. Für Bußgelder und Unfälle haftet der Fahrer, auch wenn die Software das Tempo wählt. Unternehmen mit Tesla-Dienstwagen in Belgien oder den Niederlanden können zwei Dinge sofort regeln:

  • Fahrer schriftlich darauf hinweisen, dass die Tempoanzeige in Zonen mit Tempo 30 oder 20 falsch sein kann und allein die Beschilderung am Straßenrand gilt.
  • In der Dienstwagenrichtlinie festhalten, wer Bußgelder aus Fahrten mit aktivem Assistenzsystem bezahlt.

Das RDW kündigte laut Reuters an, den Bericht zu prüfen. Wie die Prüfung ausgeht, ist vor der Abstimmung offen. Bis dahin zählt für jeden Tesla mit FSD das Schild am Straßenrand, nicht die Zahl auf dem Display.

FAQ: Tesla FSD und der Tempo-30-Test

Was ist Tesla FSD (Supervised)?

Full Self-Driving (Supervised) ist Teslas Fahrassistenzsystem der Stufe 2. Das Auto lenkt, bremst und beschleunigt selbst, der Fahrer muss aber ständig aufpassen und haftet für Verstöße. In Europa genehmigte die niederländische Behörde RDW das System am 10. April 2026 vorläufig.

Wie oft war Tesla FSD im Brüsseler Test zu schnell?

Tesla FSD fuhr in 16 von 29 getesteten Tempo-30-Abschnitten zu schnell, also in 55 Prozent der Fälle. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag dort bei 44 km/h. In Wohnstraßen mit Tempo 20 fuhr der Tesla an 5 von 12 Orten zu schnell, im Schnitt mit rund 26 km/h.

Darf ich Tesla FSD in Deutschland nutzen?

Nein, bislang nicht. Das Kraftfahrt-Bundesamt prüft das System noch selbst. Eine EU-weite Freigabe könnte am 6. Oktober 2026 im Technischen Ausschuss Kraftfahrzeuge fallen, dafür braucht der Vorschlag eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten.

Wer haftet, wenn Tesla FSD zu schnell fährt?

Für Tempoverstöße haftet der Fahrer. FSD ist ein Assistenzsystem der Stufe 2, der Mensch am Steuer bleibt für Tempo und Verkehrsregeln verantwortlich. Bußgelder und Punkte treffen deshalb die Person, die das Auto fährt, auch wenn die Software die Geschwindigkeit gewählt hat.

Quellen

[1] Johanna.be: „Full Self Driving in areas important for pedestrians and cyclists“

[2] Johanna.be: „Tesla FSD (supervised) and active road users“ (PDF)

[3] NHTSA: „Part 573 Safety Recall Report 23V-085“ (PDF)

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