Mercedes-Benz macht aus der Werksschließung ein Druckmittel: Auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen stellte Produktionsvorstand Michael Schiebe am 21. September 2026 ein Montage- und ein Antriebswerk zur Disposition, sollte das Sparziel nicht aufgehen. Hinter dem Ultimatum steckt ein Kostennachteil, den ein ungarisches Werk gerade sichtbar macht. Für Zulieferer und Standortpolitik hängt viel an der Frage, ob Stuttgart ernst macht.

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Die Drohung fiel nicht in einer Pressemitteilung, sondern vor der versammelten Belegschaft. Ein Konzernsprecher bestätigte die Aussage noch am selben Abend. Damit rutscht ein monatelanger Lohnstreit von der Verhandlungsbühne auf die Werkbank.

Das Wichtigste in Kürze

  • Produktionsvorstand Michael Schiebe koppelt den Fortbestand eines Montage- und eines Antriebswerks an das Fünf-Milliarden-Sparprogramm „Next Level Performance“.
  • Im zweiten Quartal 2026 brachen die China-Auslieferungen um 30 % ein, die Pkw-Marge fiel auf 4 %.
  • In Ungarn fertigt Mercedes nach eigenen Angaben deutlich günstiger, der Abstand zu den deutschen Werken ist der Kern des Streits.
  • Eine Beschäftigungssicherung schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 aus, weshalb die Drohung vor allem als Verhandlungshebel wirkt.

Warum eskaliert der Streit um die deutschen Werke jetzt?

Schraubzwinge hält Mercedes-Stern, gesichert durch Schloss mit orangefarbenem Anhänger
Volkswagen droht mit Schließung von Fahrzeugmontage und Antriebswerk, falls Kosten nicht sinken

Konkrete Drohkulisse. Schiebe nannte kein einzelnes Werk, sondern zwei Kategorien: ein Werk, das Fahrzeuge montiert, und eines, das Antriebe baut. Beide sollen fallen, falls die Kosten nicht sinken. Schon Anfang September hatte der Vorstand den Streit um die deutschen Werke verschärft und dabei den ungarischen Standort als Maßstab genannt. Die IG Metall stemmt sich gegen die Forderung und hatte im Sommer bereits Tausende an mehreren Standorten mobilisiert.

Ausgelöst vom China-Absturz. Der Druck kommt aus den Zahlen. Im zweiten Quartal 2026 verlor Mercedes in China 30 % seiner Auslieferungen, dazu drückte eine Abschreibung von 704 Millionen Euro auf ein chinesisches Gemeinschaftsunternehmen das Ergebnis. Genau diese Lücke will das Programm „Next Level Performance“ schließen, mit dem der Vorstand die Kosten bereits auf die Belegschaft verlagert.

Wie groß ist der Kostennachteil wirklich?

Ungarn als Hebel. Im Werk Kecskemét fertigt Mercedes nach eigenen Angaben bis zu 70 % günstiger als in Deutschland, dorthin wanderte bereits die A-Klasse aus Rastatt, und eine Milliarde Euro fließt in den Ausbau.[2] Vor diesem Vergleich verlangt der Vorstand die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, also fünf Stunden mehr Arbeit pro Woche zum gleichen Geld. Dieselbe Forderung stellt gerade auch der Aufsichtsratschef von Stihl.

Marge unter Druck. Die Pkw-Marge sank im zweiten Quartal auf 4 %, ein Wert, der Investitionen in Elektroantrieb und Software kaum noch trägt.[1] Ein Montagewerk lastet die Fixkosten schlechter aus, sobald der Absatz fällt.

Mercedes unter Kostendruck
Die Zahlen hinter der Drohung, zwei deutsche Werke zu schließen
−30 %
China-Auslieferungen im 2. Quartal 2026, die Pkw-Marge fiel auf 4 %
5 Mrd. €
jährliches Sparziel des Programms „Next Level Performance“ bis 2027
bis 70 %
niedrigere Fertigungskosten im ungarischen Werk Kecskemét
2034
bis dahin schließt die Beschäftigungssicherung betriebsbedingte Kündigungen aus

Ein Werk zur Verhandlungsmasse zu machen heißt, den Standort schon halb abzuschreiben. Mercedes verwechselt kurzfristigen Kostenvorteil mit langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für den Standort Deutschland?

Verhandlungshebel statt Beschluss. Eine 2025 vereinbarte Beschäftigungssicherung schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 aus. Eine echte Schließung ließe sich dagegen kaum durchsetzen, weshalb die Ansage vor allem Bewegung in die Tarifrunde bringen soll. Das Muster kennt die Branche: Volkswagen kassierte gerade seine Gewinnprognose, und BMW verlagert seinen Stellenabbau in die Verwaltung.

Signal an Zulieferer. Ein Antriebswerk hängt an Hunderten Zulieferern für Getriebe, Guss und Elektronik, ein verlagertes Volumen trifft die Region härter als den Konzern. Zulieferer sollten ihre Auftragsanteile je Standort prüfen und Preismodelle gegen den Lohnkostenvergleich absichern, bevor Volumen nach Osteuropa wandert. Die Debatte reiht sich in die Warnungen ein, mit denen Konzerne wie Miele den Standort Deutschland unter Druck setzen.

Für Entscheider zählt weniger die Schlagzeile als der Auslöser dahinter: der wegbrechende China-Absatz und ein Lohngefälle nach Osteuropa, das sich nicht wegverhandeln lässt. Zulieferer und Standortpolitik planen besser mit einem schrumpfenden Heimatanteil, statt auf das Ende der Drohkulisse zu warten.

Quellen

[1] Mercedes-Benz Group: Zwischenbericht zum 2. Quartal 2026

[2] Mercedes-Benz Group: Produktionsstandort Kecskemét

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