Liang Jun baute beim KI-Chiphersteller Cambricon die Chipentwicklung auf und verlor nach seinem Abgang sechs Prozesse um seine Mitarbeiteranteile. Jetzt legt er den Höchstkurs der Aktie zugrunde und fordert mehr als das 500.000-Fache seiner Einlage. Hinter dem Streit steckt eine Rückkaufklausel, wie sie auch viele deutsche Start-ups verwenden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenCambricon veröffentlichte am Abend des 30. September eine Börsenmitteilung: Liang Jun hat seine Klage geändert und fordert statt 4,29 Milliarden nun 27,83 Milliarden Yuan.[2] Die Summe entspricht 4,4 % des Börsenwerts, den Cambricon an diesem Tag erreichte. Der Betrag sei eine einseitige Forderung und kein Urteil, hält das Unternehmen dagegen.
Das Wichtigste in Kürze
- Liang Jun fordert 27,83 Milliarden Yuan, rund 3,7 Milliarden Euro, als Ersatz für seine Mitarbeiteranteile.
- Cambricon kauft die Anteile zum Einstandspreis plus Zins zurück, zwei Instanzen gaben dem Unternehmen recht.
- Die Forderung beruht auf dem Kursanstieg der Aktie von 66 auf zeitweise 1.620 Yuan.
- Der Bundesgerichtshof hält Rückkaufklauseln zum Kaufpreis grundsätzlich für zulässig.
Wie wird aus 7.000 Euro eine Forderung über 3,7 Milliarden?

Liang Jun kam 2017 von Huaweis Chipsparte HiSilicon zu Cambricon. Über ein Beteiligungsprogramm von 2019 zahlte er rund 52.600 Yuan in zwei Beteiligungsgesellschaften ein, nach heutigem Kurs gut 7.000 Euro.[1] Das Programm sah vor: Verlässt ein Begünstigter das Unternehmen innerhalb der Sperrfrist, gehen die Anteile zum Einstandspreis plus 5 % Zins im Jahr zurück.
Nachdem Cambricon im März 2022 den Abgang von Liang Jun bekanntgegeben hatte, schloss die Aktie bei rund 66 Yuan. Die 11,5 Millionen Aktien hinter seinen Anteilen waren damit etwa 100 Millionen Euro wert. Danach stieg der Kurs steil: Cambricon wurde zum wichtigsten chinesischen Ersatz für Nvidias KI-Chips, verdoppelte den Umsatz und hob wie Huawei die Preise um bis zu 50 % an.
Seine erste Forderung von 4,29 Milliarden Yuan stützte Liang Jun noch auf einen Kurs von 372 Yuan. Für die neue Rechnung nimmt er den Höchstkurs von 1.620 Yuan, multipliziert ihn mit den 17,2 Millionen Aktien, die seinen Anteilen nach einer Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln entsprechen, und schlägt die Dividenden auf.
Warum verliert Liang Jun vor Gericht immer wieder?
Im Kern streiten beide Seiten darüber, ob Liang Jun freiwillig ging. Nach eigener Darstellung wurde er hinausgedrängt: Ende 2021 habe Cambricon seine IT-Zugänge gesperrt und seine Teams Vorstandschef Chen Tianshi unterstellt. Laut Liang Jun kam die Rückkaufklausel zudem erst während seines Ausscheidens in den Gesellschaftsvertrag einer der beiden Beteiligungsgesellschaften. Cambricon nannte 2022 unterschiedliche Vorstellungen über die technische Ausrichtung als Trennungsgrund und äußerte sich zu den Vorwürfen öffentlich nicht.
Vor Gericht hatte Liang Jun bislang keinen Erfolg. Die Rückkaufklage verlor er im November 2025 und in zweiter Instanz im August 2026, danach ließ Cambricon die Anteile zwangsweise umschreiben. Nun zieht der Ingenieur mit einer arbeitsrechtlichen Klage vor Gericht: Die Einstellungszusage von 2017 habe die Aktien ausdrücklich als Teil des Gehalts genannt. Hauptberuflich führt Liang Jun inzwischen das Shanghaier Chip-Start-up Fangqing Technology, an dem Xiaomi und Nio Capital beteiligt sind.
Eine Leaver-Klausel ist nur so gut wie ihre Definition des Ausscheidens. Bei Cambricon füllt genau diese Frage seit vier Jahren die Gerichtsakten.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Die Maßstäbe im Vergleich
Was bedeutet der Fall für Beteiligungsprogramme in Deutschland?
Der Bundesgerichtshof entschied 2005 zum sogenannten Mitarbeitermodell, dass eine Gesellschaft Mitarbeiteranteile beim Ausscheiden zurückfordern darf, grundsätzlich zum ursprünglichen Kaufpreis und ohne zwischenzeitliche Wertsteigerung.[3] Der Rückkauf zum Einstandspreis, um den Cambricon und Liang Jun streiten, folgt damit einem Muster, das deutsche Gerichte im Grundsatz akzeptieren.
Der Aufwand bleibt trotzdem hoch, denn sieben Verfahren in vier Jahren binden Vorstand und Rechtsabteilung. Selbst das geordnete Ende eines Beteiligungsprogramms kann teuer werden: Die Allianz zahlt mindestens 1,4 Milliarden Euro, um den M-Unit-Plan ihrer Fondstochter PIMCO zu beenden. Gründer sollten ihre Beteiligungsprogramme an vier Stellen prüfen:
- Good- und Bad-Leaver-Fälle konkret beschreiben, auch den Abgang auf Druck.
- Den Rückkaufpreis festschreiben und Wertsteigerungen nach Haltedauer staffeln.
- Zusagen im Angebotsschreiben mit dem Beteiligungsvertrag abgleichen.
- Vertragsänderungen nur mit Zustimmung der Begünstigten beschließen.
Quellen
[1] Huxiu: „Er verlangt 27,8 Milliarden Yuan von Cambricon“ (chinesisch)
[2] Cambricon, Börse Shanghai: „Bekanntmachung zum Fortgang des Verfahrens eines ausgeschiedenen Managers“ (chinesisch, PDF)
[3] Bundesgerichtshof: Urteil vom 19. September 2005, II ZR 342/03 (PDF)
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