Die Wurstmarke Eberswalder hat einen neuen Hauptstandort: Ein Großteil der rund 300 Produkte soll künftig bei der Anhalter Fleischwaren GmbH in Zerbst entstehen. Das Werk in Sachsen-Anhalt beschäftigt inzwischen fast 700 Menschen. Im brandenburgischen Britz hatten Ende Februar rund 500 Beschäftigte ihre Arbeit verloren.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm Samstag präsentierten die Geschäftsführer von Eberswalder und Anhalter Fleischwaren zusammen mit Landrat und Bürgermeister in Zerbst das leicht überarbeitete Logo der Marke.[1] „Eine ostdeutsche Marke bleibt unverändert in Ostdeutschland“, teilte das Unternehmen dazu mit.[2] Für die Würstchen trifft das zu, für das Stammwerk bei Eberswalde nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Zerbst in Sachsen-Anhalt wird Hauptproduktionsstandort von Eberswalder, dort arbeiten fast 700 Menschen.
- Das Werk in Britz bei Eberswalde hat die Produktion Ende Februar 2026 eingestellt, rund 500 Beschäftigte verloren ihre Stelle.
- Wie viele Arbeitsplätze in Zerbst durch die Verlagerung neu entstanden sind, gibt das Unternehmen nicht an.
- 95 Prozent der Eberswalder-Produkte sollen aus ostdeutschen Werken kommen, neben Zerbst aus Suhl und Chemnitz.
Was ändert sich mit dem Umzug nach Zerbst?

Eberswalder-Produkte entstehen schon länger auch bei der Anhalter Fleischwaren GmbH, die seit 2002 zur Zur-Mühlen-Gruppe gehört. Laut Geschäftsführer Axel Knau hat das Unternehmen in den vergangenen Monaten in Zerbst investiert und die Belegschaft auf fast 700 aufgestockt. Eine Summe nannte er nicht. Das Werk stellt monatlich 1.700 Tonnen Wurstwaren für Supermärkte und Discounter her.[1]
Das Fleisch kauft die Gruppe nach eigenen Angaben überwiegend beim Schlachthof Weißenfels ein.[1] Mit der Ankündigung vom Samstag steht Zerbst auf der Stufe der Standortentscheidung: Der Ort ist benannt, ein Ausbauprogramm mit Summe und Zeitplan hat das Unternehmen nicht veröffentlicht.
Warum gab der Konzern das Werk in Britz auf?
Die Zur-Mühlen-Gruppe gehört zur Premium Food Group, der früheren Tönnies-Gruppe. Im Jahr 2023 übernahm Zur Mühlen die Eberswalder Wurstwerke, im Januar 2026 verkündete die Geschäftsführung das Aus für Britz. Gegenüber dem RBB nannte ein Sprecher damals stagnierende Absätze, Preisdruck durch internationale Anbieter und gestiegene Kosten für Löhne und Energie. Neue Kälteanlagen und weitere Modernisierungen hätten einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet.
Hinter dem Umzug steckt eine Bündelung: Statt ein altes Werk zu sanieren, lastet der Konzern vorhandene Linien in Zerbst, Suhl und Chemnitz stärker aus. Bei Ware für das Discount-Regal entscheiden die Kosten je Kilogramm. Diese sinken, sobald ein laufendes Werk mehr Tonnen verarbeitet. Die Gewerkschaft NGG sprach bei der Schließung von einer „rücksichtslosen Rendite- und Marktbereinigungspolitik“.[2]
Nach Darstellung der NGG berief sich das Unternehmen zudem auf eine Ausnahme im Betriebsverfassungsgesetz. In den ersten vier Jahren nach der Gründung eines Unternehmens kann der Betriebsrat keinen Sozialplan über die Einigungsstelle erzwingen.[3] Eine Abfederung für die Beschäftigten handelte der Betriebsrat trotzdem aus. Die NGG hält sie für unzureichend.
Eberswalder bleibt eine Ostmarke, nur Eberswalde hat kein Werk mehr. Eine Herkunftsmarke schützt den Namen, die Arbeitsplätze schützt sie nicht.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet die Verlagerung für Brandenburg und Sachsen-Anhalt?
Im Juni legten Eberswalder und die IHK Ostbrandenburg ihren Streit um den Herkunftsnamen bei. Die Kammer behält bis zum 30. November 2027 die Rechte an den Kollektivmarken, das Unternehmen nutzt seine eigenen Wort- und Bildmarken weiter. Zudem zahlt Eberswalder einmalig 100.000 Euro für Wirtschaftsförderung und soziale Einrichtungen in der Region. Für ein mögliches neues Werk will das Unternehmen Brandenburg als erste Option prüfen.[4]
Für Sachsen-Anhalt ist Zerbst in diesem Herbst eine Plusmeldung zwischen mehreren Werksschließungen. In Harzgerode schließt Bohai sein Werk mit 550 Beschäftigten, in Leuna hat Leuna Polyamid die Produktion beendet. In der Lebensmittelbranche stoppte McCain die Pommesfabrik in Mehrum, Arla dagegen investiert 35 Millionen Euro in Upahl.
Kommunen und Wirtschaftsförderer sollten bei der Übernahme eines Traditionsbetriebs Standortzusagen schriftlich und mit Frist vereinbaren. Der Markenname allein hält kein Werk am Ort. Brandenburger Zulieferer sollten ihre Lieferwege prüfen, weil die Gruppe Rohware künftig vor allem über Weißenfels bezieht. Welche Kosten solche Entscheidungen treiben, beleuchtet die Analyse „Standort Deutschland: Ist da noch was zu retten?“.
Quellen
[1] Bauernzeitung: „Eberswalder bleibt in Ostdeutschland: Zerbst wird neuer Hauptstandort der Traditionsmarke aus Brandenburg“ (03.10.2026)
[2] Nordkurier/dpa: „Zerbst neuer Haupt-Produktionsstandort für Eberswalder“ (03.10.2026)
[3] Bundesministerium der Justiz: § 112a BetrVG, Erzwingbarer Sozialplan bei Personalabbau, Neugründungen
[4] Lebensmittel Praxis: „Eberswalder Wurst darf Marke nach Werksschließung weiternutzen“ (08.06.2026)
Mehr Newshunger?
- Breyden will die Eisengießerei in Ueckermünde schließen: 320 Stellen fallen weg
- Arla investiert 35 Millionen Euro in die Skyr-Produktion in Upahl
- Leuna Polyamid beendet die Produktion: Über 400 Beschäftigte sichern noch die Anlagen
- McCain stoppt Pommesfabrik in Mehrum trotz 60 Millionen Euro Fördergeld
- Bohai schließt sein Werk in Harzgerode: 550 Beschäftigte verlieren bis Januar ihre Arbeit
- Wolters schließt nach 399 Jahren: Braunschweiger Brauerei streicht 90 Stellen zum Jahresende
