Für die Leuna Polyamid GmbH hat sich kein Investor gefunden, seit Donnerstag ist das Insolvenzverfahren eröffnet. Mehr als 400 Beschäftigte fahren das Chemiewerk im Saalekreis herunter und sichern die Anlagen. Der Chemiepark Leuna verliert einen Großabnehmer für Ammoniak, Wasserstoff und Dampf.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenÜber die Leuna Polyamid GmbH hat das Amtsgericht Halle am 1. Oktober das Insolvenzverfahren eröffnet und den bisherigen Sachwalter Lucas Flöther zum Insolvenzverwalter berufen.[1] Die letzten Kunststoffe und Vorprodukte verlassen in den ersten Oktobertagen das frühere Domo-Werk.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Amtsgericht Halle hat am 1. Oktober das Insolvenzverfahren eröffnet, Verwalter ist Lucas Flöther.
- Eine letzte Investorenfrist verstrich Anfang September ohne verbindliches Angebot.
- Die mehr als 400 Beschäftigten sichern zunächst die Anlagen, ihre Zukunft danach ist offen.
- Sachsen-Anhalt hat den Notbetrieb mit knapp 80 Millionen Euro finanziert, die Stilllegung könnte weitere 30 Millionen Euro kosten.
Warum fand sich für das Chemiewerk kein Käufer?

Im Werk entstehen Caprolactam, Phenol, Cyclohexanon, Schwefelsäure und Polyamide für die Auto- und Elektronikindustrie.[2] Die Anlagen verbrauchen viel Gas, Strom und Dampf. Geschäftsführer Martin Naundorf nennt hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie den Konkurrenzdruck aus China als Gründe, warum kein Käufer zugriff.[3]
Nach der Insolvenz des Vorbesitzers Domo Caproleuna hielt Sachsen-Anhalt das Werk zu Jahresbeginn für knapp 80 Millionen Euro im Notbetrieb. Anfang April übernahm eine Auffanggesellschaft von InfraLeuna und Leuna-Harze den Betrieb mit mehr als 430 Arbeitsplätzen.[2] Der Weiterbetrieb kostete jeden Monat Millionen Euro, schon am 20. Juni folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung.[4]
Was geschieht mit den Beschäftigten und den Anlagen?
Der Beschluss ist gefallen, die Umsetzung läuft: In den kommenden Wochen entleeren, reinigen und sichern die Beschäftigten die Anlagen unter Aufsicht des Landesverwaltungsamts.[1] Ein ungeordnetes Abschalten könnte Belegschaft, Anwohner und Umwelt gefährden, auf dem Gelände lagert auch Ammoniak.[2]
Das sichere Herunterfahren nach einer Nachsorgeanordnung des Landesverwaltungsamts könnte laut einer Behördensprecherin weitere 30 Millionen Euro kosten. Die Kostenfrage klärt das Insolvenzverfahren.[2] Neue Stellen für die Belegschaft sucht Leuna Polyamid mit der Arbeitsagentur und Firmen der Region, eine Transfergesellschaft nennt das Unternehmen bislang nicht.[1]
Sachsen-Anhalt hat mit knapp 80 Millionen Euro Zeit für die Investorensuche erkauft und am Ende kein einziges verbindliches Angebot bekommen. Für die übrigen Firmen im Park zählt nun, wer das Phenol liefert und den Wasserstoff abnimmt.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das Aus für den Chemiepark Leuna?
Leuna Polyamid war in den Stoff- und Energieverbund eines Parks eingebunden, in dem mehr als 100 Unternehmen produzieren.[5] Mit dem Produktionsende sinkt laut InfraLeuna die Abnahme von Ammoniak, Benzol, Propylen und Wasserstoff, zudem fällt die Phenol-Versorgung anderer Firmen weg. Der Standortbetreiber verliert einen seiner größeren Kunden für Dampf, Energie, Logistik und Werkfeuerwehr und schließt einen Stellenabbau nicht grundsätzlich aus.[4]
Bleiben die Fixkosten der gemeinsamen Infrastruktur gleich, verteilen sie sich auf weniger Abnehmer. Wie schwer diese Infrastruktur wiegt, zeigt auch Evonik, das seinen Chemiepark-Betreiber verkaufen will. Naundorf erwartet trotzdem keinen Dominoeffekt: „Ich würde zum jetzigen Zeitpunkt nicht erwarten, dass es Folgeinsolvenzen gibt.“[4]
Im mitteldeutschen Chemiedreieck steht Leuna nicht allein. Dow legt bis Ende 2027 den Cracker in Böhlen und die Chlor-Alkali- und Vinylanlagen in Schkopau still,[6] Evonik beendet die Produktion in Bitterfeld im April 2027. Der Industriestrompreis von rund 5 Cent je Kilowattstunde kommt für Betriebe wie Leuna Polyamid zu spät, das Antragsverfahren startet erst Anfang 2027.
Abnehmer von Phenol, Caprolactam und Polyamid aus Leuna sollten ihre Lieferverträge prüfen und Ersatzlieferanten freigeben, bevor die Restmengen aufgebraucht sind. Betriebe zwischen Halle und Leipzig können Chemikanten, Anlagenfahrer und Instandhalter aus Großanlagen ansprechen, solange die Belegschaft am Standort arbeitet.
Quellen
[1] MDR Sachsen-Anhalt: Chemiepark Leuna: Leuna Polyamid stellt Produktion ein (01.10.2026)
[2] MDR Sachsen-Anhalt: Chemie-Stilllegung könnte zusätzlich 30 Millionen Euro kosten (15.09.2026)
[3] MDR Sachsen-Anhalt: Polyamid-Pleite: 400 Beschäftigte in Leuna verlieren ihren Job (07.09.2026)
[4] MDR Sachsen-Anhalt: Gefährdet die Insolvenz von Leuna Polyamid den Chemiepark Leuna? (10.09.2026)
[5] InfraLeuna: Chemiestandort Leuna
[6] Dow: Dow schließt in Europa drei Upstream-Anlagen aufgrund struktureller Herausforderungen in der Region (07.07.2025)
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