Für vier Gesellschaften des Batterieherstellers Varta in Ellwangen und Nördlingen beginnt am 1. Oktober das Insolvenzverfahren. Die Löhne der rund 2.300 Beschäftigten kommen damit nicht mehr aus dem Insolvenzgeld der Arbeitsagentur, sondern aus der Insolvenzmasse. Wie viele Stellen bleiben, entscheidet ein Käufer, nach dem Insolvenzverwalter Tobias Wahl noch sucht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Varta-Insolvenz erreicht damit die nächste Stufe: Am Amtsgericht Stuttgart startet am Donnerstag das Verfahren für die Konzernmutter Varta AG, die Varta Microbattery GmbH in Ellwangen, die Varta Micro Production GmbH in Nördlingen und die Varta Storage GmbH, berichtet der SWR.[3] Die Sparte Varta Consumer Batteries mit den Haushaltsbatterien gehört nicht zum Verfahren.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Insolvenzverfahren für vier Varta-Gesellschaften beginnt am 1. Oktober 2026 am Amtsgericht Stuttgart, Insolvenzverwalter ist Tobias Wahl von der Kanzlei Anchor.
- Betroffen sind laut Schwäbischer Zeitung rund 2.300 Beschäftigte, der SWR zählt rund 2.600 Arbeitsplätze in Ellwangen und Nördlingen.
- Die Knopfzellen-Fertigung in Nördlingen mit 350 Beschäftigten soll laut SWR Ende Oktober schließen.
- Die IG Metall Ostalb sieht rund 800 Stellen bei Varta Microbattery in Ellwangen in der Schwebe.
Was ändert die Eröffnung für die Beschäftigten?

Ende des Insolvenzgelds. Nach dem Antrag vom 23. Juli und dem vorläufigen Verfahren folgt jetzt die Eröffnung, offen bleibt der letzte Schritt: der Verkauf. Bis Ende September liefen die Löhne über das vorfinanzierte Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit.[2] Diese Hilfe deckt höchstens die drei Monate vor der Eröffnung ab. Ab Oktober bezahlt der Insolvenzverwalter Löhne und Gehälter aus der Masse, also aus dem laufenden Geschäft.[4] Gerichte legen die Eröffnung deshalb meist auf den Zeitpunkt, an dem das Insolvenzgeld ausläuft.
Neue Spielregeln. Im eröffneten Verfahren gilt eine Kündigungsfrist von höchstens drei Monaten nach § 113 InsO, auch bei langer Betriebszugehörigkeit. Ein Sozialplan darf nach § 123 InsO insgesamt höchstens zweieinhalb Monatsverdienste je entlassenem Beschäftigten kosten. Laut einem Sprecher der Insolvenzverwaltung hat sich der Geschäftsbetrieb in allen vier Gesellschaften stabilisiert.[4]
Warum steckt Varta zum zweiten Mal in zwei Jahren fest?
Gescheiterte Rettung. Schon im Juli 2024 hatte Varta ein Restrukturierungsverfahren nach dem StaRUG beantragt. Die Altaktionäre gingen dabei leer aus, Porsche und der österreichische Investor Michael Tojner stiegen als neue Eigentümer ein, im Frühjahr 2025 verschwand die Aktie von der Börse. Gut ein Jahr später reichte das Geld nicht mehr. Varta nennt verschlechterte Marktbedingungen, eine schwächere Nachfrage, negative Währungseffekte und die Entscheidung eines Ankerkunden, die Zusammenarbeit zu beenden.[1] Zusammen rissen diese Faktoren eine Finanzierungslücke für die Zeit ab 2027.
Ankerkunde verloren. Den Namen des Ankerkunden nennt Varta nicht. Laut SWR bestellt Apple nichts mehr bei Varta, deshalb soll in der Knopfzellen-Fertigung von Varta Micro Production in Nördlingen Ende Oktober Schluss sein.[3] Die Schließung war demnach schon im Mai beschlossen, betroffen sind 350 Beschäftigte. Varta beliefert mit seinen Mikrobatterien unter anderem Hersteller von Unterhaltungselektronik und Medizintechnik.[2] Einen Abnehmer dieser Größe findet ein Knopfzellen-Hersteller nicht über Nacht neu.
Was droht Ellwangen beim Verkauf?
Käufer gesucht. Wahl setzt auf einen Verkauf an Investoren und meldete schon Ende Juli zahlreiche Interessenten, ohne sie zu nennen.[5] Fabian Fink, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Ostalb, hofft, dass ein Investor Varta Microbattery „in ihrer jetzt bestehenden Form in Gänze auch übernimmt“. Die Gewerkschaft will das Verfahren „mit Argusaugen“ beobachten. Fink warnt: „In einem Insolvenzverfahren ist es ja auch möglich, Teile des Betriebes heraus zu kaufen, Arbeitsplätze abzubauen, Arbeitsplätze zu verlagern.“[3]
Rosinenpicken erlaubt. Bei einer übertragenden Sanierung übernimmt ein Investor meist nur Gebäude, Maschinen, Patente und Kundenverträge, die Schulden bleiben bei der alten Gesellschaft. Für die Beschäftigten eines übernommenen Betriebsteils gilt der Betriebsübergang nach § 613a BGB. Welche Teile das sind, legt aber der Käufer mit seinem Konzept fest. Im selben Landkreis saniert sich in Schwäbisch Gmünd der Autozulieferer Schüle Druckguss im Schutzschirmverfahren. Für 2026 erwartet die Restrukturierungsberatung Falkensteg mehr als 500 Großinsolvenzen in Deutschland.
Zwei Sanierungsverfahren in zwei Jahren zeigen, wie verwundbar Varta als Zulieferer weniger Großkunden geworden ist. Ein Käufer für Ellwangen muss deshalb neue Abnehmer mitbringen, frisches Kapital allein reicht nicht.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Forderungen anmelden. Lieferanten mit offenen Rechnungen aus der Zeit vor dem 1. Oktober melden diese beim Insolvenzverwalter zur Tabelle an (§ 174 InsO), die Frist dafür nennt der Eröffnungsbeschluss. Betriebe mit Heimspeichern von Varta Storage im Bestand prüfen ihre Garantiezusagen, denn Gewährleistungs- und Garantieansprüche aus der Zeit vor der Eröffnung zählen als Insolvenzforderungen. Wie schwer Käufer für deutsche Speicherhersteller zu finden sind, zeigte im Juli Senec: EnBW fand für die Tochter keinen Investor und stoppte das Neukundengeschäft. Arbeitgeber auf der Ostalb und im Nördlinger Ries können in den kommenden Monaten erfahrene Fachkräfte aus der Batteriefertigung gewinnen.
Quellen
[1] Varta AG: „VARTA AG stellt Antrag auf Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung“ (24.07.2026)
[2] Varta AG: „VARTA-Gruppe: Tobias Wahl zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt“ (28.07.2026)
[3] SWR: „Insolvenzverfahren beginnt bei Batteriehersteller Varta in Ellwangen“ (01.10.2026)
[4] Schwäbische Zeitung: „Varta vor nächster Insolvenzphase: IG Metall warnt vor falscher Sicherheit“ (29.09.2026)
[5] Stuttgarter Zeitung: „Vorläufiger Varta-Insolvenzverwalter: Viele Interessenten für Verkauf“ (31.07.2026)
Mehr Newshunger?
- Schüle Druckguss im Schutzschirmverfahren: 152 Stellen in Schwäbisch Gmünd auf dem Prüfstand
- MoldTecs plant in Sonneberg den Abbau von 124 der rund 330 Stellen
- Fensterbauer Höhbauer insolvent: 325 Beschäftigte in Luhe-Wildenau betroffen
- Prinz-Mayweg in Wickede: Wettbewerber prüfen den Kauf des insolventen Rohrherstellers mit 310 Stellen
- Bohai schließt sein Werk in Harzgerode: 550 Beschäftigte verlieren bis Januar ihre Arbeit
- Batterie-Engpass bei ACC: Stellantis stoppt die E-Auto-Produktion in Sochaux und Rennes
- 80 Prozent aus China: Daimler Truck drängt auf eine europäische Batterie-Allianz
