Bohai schließt sein Aluminium-Gusswerk in Harzgerode zum 31. Januar 2027, rund 550 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit. Nach anderthalb Jahren Insolvenzverfahren fand der Insolvenzverwalter weder einen Investor noch neue Aufträge. Am selben Tag stellen auch die Schlote-Werke in Harzgerode und Wernigerode die Produktion ein, weil ihnen mit Bohai der Abnehmer fehlt. Dort arbeiten weitere rund 180 Menschen.

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„Das ist für die Stadt, die Beschäftigten und die gesamte Region die größtmögliche Katastrophe, die eintreten konnte“, sagte Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise (CDU) zur Werksschließung bei Bohai.[3] Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann hatte die Belegschaft am Montag auf einer Betriebsversammlung informiert. Im Juni galt Harzgerode noch als der Bohai-Standort, der erhalten bleiben sollte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann stellt den Betrieb im Bohai-Stammwerk Harzgerode zum 31. Januar 2027 ein, rund 550 Beschäftigte verlieren ihre Stelle.
  • Die Schlote-Werke in Harzgerode und Wernigerode beliefern Bohai und schließen am selben Tag, dort fallen rund 180 Stellen weg.
  • Als Grund nennt der Verwalter seit Jahren sinkende Aufträge, vor allem von Volkswagen. Das Werk gießt überwiegend Teile für Verbrennungsmotoren.
  • Stadt und Landkreis wollen die Gebäude kaufen, über Sozialplan und Interessenausgleich wird erst verhandelt.

Was hat der Insolvenzverwalter in Harzgerode entschieden?

Metallenes Gussteil mit orangem Anhänger „»Letzter Guss 31.01.«“ auf weißem Sockel
Harzgerode: Produktion läuft bis Ende Januar aus. Verwalter verhandelt mit Betriebsrat und IG Metall über Interessenausgleich und Sozialplan

Endgültiger Beschluss. Anders als bei vielen Abbauplänen der Branche steht in Harzgerode nur noch das Wie zur Verhandlung: Spiekermann hat die Einstellung verkündet, die Produktion läuft bis Ende Januar schrittweise aus. Über Interessenausgleich und Sozialplan will der Verwalter in Kürze mit Betriebsrat und IG Metall verhandeln.[1] Die Löhne bis zum letzten Arbeitstag haben laut MDR die Auftraggeber abgesichert.[3]

Letzter Interessent abgesprungen. Seit dem Insolvenzantrag im April 2025 lief ein internationaler Investorenprozess. „Bis zuletzt gab es einen Interessenten mit Sanierungserfahrung in der Automobilindustrie“, sagte Spiekermann. Eine tragfähige Gesamtlösung kam trotzdem nicht zustande. Parallel sprach eine Arbeitsgruppe aus dem Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, dem VW-Vorstand, dem Landrat und dem Verwalter mit Rüstungsfirmen und anderen Industrien über neue Aufträge, ohne Ergebnis. Nur mit Zahlungen der großen Auftraggeber „in Höhe zahlreicher Millionen Euro“ lief die defizitäre Produktion bis zuletzt weiter.[1]

Warum findet ein Gusswerk für Verbrennerteile keinen Käufer?

Fixkosten ohne Stückzahl. Druckguss rechnet sich nur bei hoher Auslastung, denn Schmelzöfen und Gießzellen kosten Geld, auch wenn weniger Teile vom Band laufen. Seit Jahren gingen in Harzgerode weniger Aufträge ein, vor allem vom Hauptkunden Volkswagen. Mit jeder Kürzung stiegen die Stückkosten.[1] Laut Spiekermann gießt Bohai überwiegend Teile für Verbrennungsmotoren,[3] also für das Segment, das mit jedem verkauften Elektroauto kleiner wird. Vor demselben Problem steht gerade das Bosch-Werk in Nürnberg, das vor allem Pumpen für Benzinmotoren fertigt.

Schrumpfende Belegschaft. Im August 2018 übernahm der in Shanghai börsennotierte Zulieferer Bohai Automotive Systems, zu dessen größten Aktionären der Pekinger Autokonzern BAIC zählt, 75 % an der früheren Trimet Automotive. In Harzgerode und im thüringischen Sömmerda fertigten damals mehr als 1.000 Beschäftigte rund 13 Millionen Druckgussteile im Jahr.[4] 2022 gab Trimet auch die übrigen Anteile ab. Das Werk in Sömmerda mit knapp 100 Beschäftigten schließt bereits im November 2026.

Bohai und Schlote: rund 730 Stellen im Harz fallen weg
Betroffene Beschäftigte, Stichtag und der Weg vom Verkauf 2018 bis zur Schließung
rund 550
Beschäftigte im Bohai-Stammwerk Harzgerode verlieren ihre Stelle
rund 180
weitere Stellen in den Schlote-Werken Harzgerode und Wernigerode, die für Bohai fertigen
31.01.2027
letzter Produktionstag für Bohai und Schlote im Landkreis Harz
über 1.000
Beschäftigte zählten Harzgerode und Sömmerda noch 2018 beim Einstieg von Bohai
Aug. 2018
Bohai übernimmt 75 % an Trimet Automotive
April 2025
Insolvenzantrag, Kunden stützen die Produktion mit Millionen
Juni 2026
Sömmerda soll schließen, Harzgerode erhalten bleiben
28.09.2026
Verwalter verkündet die Einstellung, der letzte Interessent ist abgesprungen
31.01.2027
Produktionsende in Harzgerode und Wernigerode

Mit anderthalb Jahren Millionenhilfe haben Volkswagen und die übrigen Kunden bei Bohai Zeit für ihre Lieferketten gekauft, keine Zukunft für das Werk. In Harzgerode bleibt eine Gießerei ohne Aufträge, für die jetzt die Stadt einen Plan braucht.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet die Schließung für den Harz und die Zulieferbranche?

Doppelter Verlust. Die Schlote-Gruppe arbeitet auf dem Harzgeröder Gelände als Zulieferer für Bohai und hat über den 31. Januar 2027 hinaus keine Aufträge mehr. Insolvenzverwalter Manuel Sack beendet deshalb am selben Tag die Produktion der Schlote Harzgerode GmbH und der Getriebe- und Antriebstechnik Wernigerode, betroffen sind rund 180 Beschäftigte.[2] Zusammen fallen im Landkreis Harz damit rund 730 Industriearbeitsplätze weg. Janek Tomaschefski von der IG Metall sprach von einem „schwarzen Tag für die Region Harz“ und bezweifelte, dass sich für alle Bohai-Beschäftigten neue Stellen finden lassen.[3]

Branchenwelle Aluguss. Harzgerode reiht sich in eine Serie von Gießereien ein, denen die Verbrenner-Stückzahlen fehlen. Schüle Druckguss in Schwäbisch Gmünd saniert sich im Schutzschirmverfahren, Ford fand für Druckguss, Werkzeugbau und Schmiede in Köln keinen Käufer. In Neckarsulm verlief der Rückzug eines chinesischen Eigentümers glimpflicher: Bei KS Alutech übernahm Porsche die Hälfte von Hasco, dort entstehen auch Teile für Elektroantriebe. Für das Werk in Harzgerode mit seinem Schwerpunkt auf Verbrennerteilen fand sich kein solcher Käufer.

Nachnutzung offen. Stadt und Landkreis wollen die Bohai-Immobilien kaufen und laut Spiekermann „ein Zukunftskonzept entwickeln“.[3] Die Arbeitsagentur plant nach dpa-Angaben Anlaufstellen direkt auf dem Werksgelände. Für Unternehmen im Harz und im nördlichen Sachsen-Anhalt kommen bis Februar Gießer und Instandhalter mit langer Serienerfahrung auf den Arbeitsmarkt. Rüstungszulieferer, mit denen die Arbeitsgruppe schon über Aufträge für Bohai sprach, finden hier eingespielte Fachleute für Aluminiumguss.

Quellen

[1] Brinkmann & Partner, Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann: Harzgerode: Bohai-Werk und Schwestergesellschaften müssen Geschäftsbetrieb einstellen (28.09.2026)

[2] Brinkmann & Partner, Insolvenzverwalter Manuel Sack: Schlote-Werke in Harzgerode und Wernigerode beenden Ende Januar ihre Produktion (28.09.2026)

[3] MDR Sachsen-Anhalt: Bohai schließt Werk: „Schwarzer Tag für Region Harz“ (28.09.2026, mit Stellungnahmen von Insolvenzverwalter, Bürgermeister und IG Metall)

[4] Aluminium-Journal: Bohai übernimmt Mehrheit von Trimet Automotive (13.08.2018)

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