Der Spezialchemiekonzern Evonik verschärft seinen Konzernumbau und streicht bis Ende 2029 weltweit 3.200 zusätzliche Stellen, rund 2.150 davon in Deutschland. Der Essener Konzern zündet damit die zweite Phase seines Sparprogramms „Evonik Tailor Made“ und beendet zugleich sein globales Polyestergeschäft.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenHinter dem Einschnitt steht kein einzelnes schwaches Quartal, sondern eine strukturelle Krise der deutschen Spezialchemie. Interims-CEO Claus Rettig spricht von einer „strukturellen und ökonomischen Krise“, hinter der Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter gemeinsam stehen.[1] Den Chefposten übernahm Rettig Anfang September, als sich der langjährige Vorstandschef Christian Kullmann von einer schweren Operation erholte.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Bis Ende 2029 fallen 3.200 zusätzliche Stellen weg, rund 2.150 davon in Deutschland; der Abbau soll sozialverträglich laufen.
- Evonik beendet sein globales Polyestergeschäft und prüft den Verkauf der C4-Chemie rund um die Tochter Oxeno sowie der Infrastrukturtochter Syneqt.
- 2025 kam der Konzern auf 14,1 Milliarden Euro Umsatz und 1,9 Milliarden Euro bereinigtes EBITDA.
Warum streicht Evonik schon wieder Stellen?

Energiekosten und Nachfrageschwäche setzen die energieintensive Chemie doppelt unter Druck. Hohe Strom- und Gaspreise verteuern die Produktion in Deutschland, während chinesische Anbieter mit staatlich gestützten Kapazitäten selbst in die margenstarke Spezialchemie drängen. Beide Kräfte drücken auf die Preise, und die schwache Konjunktur lässt bei Evonik zusätzlich das Volumen schrumpfen.
Neu ist der Abbau nicht. Die erste Phase des Programms „Evonik Tailor Made“ streicht bereits bis Ende 2026 rund 2.800 Stellen, vor allem in Verwaltung und Konzernfunktionen. Die 3.200 Stellen kommen nun obendrauf und weiten den Umbau auf alle Geschäfts- und Verwaltungsbereiche weltweit aus. Dieselbe Not zeigt sich dort, wo Evonik Bitterfeld und Hamburg unter dem Preisdruck aus Asien schließt.
Ein Muster, das die ganze Branche erfasst
Evonik steht nicht allein. BASF streicht in Ludwigshafen Tausende Stellen und verlagert Investitionen nach Asien, Wacker Chemie kappt 1.300 Jobs am Standort Burghausen, auch Lanxess und Salzgitter schrumpfen ihre deutschen Werke. Die Spezialchemie erlebt, was Ökonomen längst als schleichende Deindustrialisierung beschreiben.
Auch die Bewertung schwenkt um. Statt auf Volumen und alte Zehn-Milliarden-Ziele setzt die Branche heute auf Kapitalrendite, wie das neue Zielbild von Wacker Chemie zeigt. Evonik folgt derselben Logik und trennt sich von kapitalintensiven Massengeschäften, um die Mittel in margenstarke Spezialitäten zu lenken. Das Polyestergeschäft mit rund 150 Millionen Euro Jahresumsatz passt nicht mehr ins Raster, der Standort Witten mit 266 Beschäftigten schließt bis 2027.
Evonik saniert nicht in eine Delle hinein, sondern gegen einen Standortnachteil, der bleibt. Ohne billigere Energie und weniger Bürokratie verliert Deutschland die margenstarke Chemie zuerst.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was der Umbau für den Standort bedeutet
Für Zulieferer und Beschäftigte zählt vor allem, wie der Abbau abläuft. Personalvorstand Thomas Wessel verspricht einen sozialverträglichen Weg über Altersteilzeit, Abfindungen und natürliche Fluktuation statt betriebsbedingter Kündigungen. Für die Regionen rund um die großen Werke bleibt der Umbau dennoch spürbar, weil an jedem Chemiearbeitsplatz weitere Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern hängen.
Auch strategisch berührt der Rückzug mehr als eine Bilanz. Molekulare Spezialchemie aus Deutschland steckt in Batterien, Medikamenten und Halbleitern, also in genau den Lieferketten, die Europa als souverän absichern will. Verkauft Evonik die C4-Chemie und die Infrastrukturtochter Syneqt, verschiebt sich ein Stück dieser Wertschöpfung zu neuen Eigentümern.
Welche Standorte Evonik im Zuge der zweiten Phase konkret benennt, steht noch aus, ebenso der Zeitplan für die geplanten Verkäufe. Geschäftspartner und Investoren verfolgen am besten die Pflichtmitteilungen und die Quartalszahlen, statt sich auf die grobe Gesamtzahl zu verlassen.
FAQ: Evonik-Stellenabbau und Konzernumbau
Wie viele Stellen baut Evonik ab?
Evonik streicht von 2027 bis Ende 2029 weltweit 3.200 zusätzliche Stellen, rund 2.150 davon in Deutschland. Bereits die erste Phase des Programms „Evonik Tailor Made“ kostet bis Ende 2026 etwa 2.800 Stellen, vor allem in Verwaltung und Konzernfunktionen.
Warum streicht Evonik Stellen?
Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage und der Preisdruck durch subventionierte Anbieter aus China setzen die deutsche Spezialchemie unter Druck. Interims-CEO Claus Rettig spricht von einer strukturellen und ökonomischen Krise, auf die der Konzern mit einem harten Umbau reagiert.
Welche Geschäfte gibt Evonik auf?
Evonik beendet bis 2027 sein globales Polyestergeschäft und schließt den Standort Witten mit 266 Beschäftigten. Zusätzlich prüft der Konzern den Verkauf der C4-Chemie rund um die Tochter Oxeno sowie der Infrastrukturtochter Syneqt.
Wer führt Evonik derzeit?
Seit dem 1. September 2026 leitet Claus Rettig den Konzern als Interims-CEO. Er vertritt den langjährigen Vorstandschef Christian Kullmann, der sich von einer schweren Operation erholt. Rettig verantwortet zugleich weiter das Asiengeschäft von Evonik.
Quellen
[1] Evonik: „Evonik schärft Wachstumsstrategie“ (2026)
[2] Evonik: „Claus Rettig übernimmt Interims-Führung von Evonik“ (2026)
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