Wacker Chemie verabschiedet sich auf seinem Kapitalmarkttag in London von den Wachstumszielen für 2030. Statt zehn Milliarden Euro Umsatz und einer Marge von über 20 Prozent peilt Konzernchef Christian Hartel eine Kapitalrendite über zehn Prozent an. Hinter der Kehrtwende steht der Preisverfall beim Polysilizium, den Chinas Überkapazität seit Jahren treibt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAuf der Bühne des Kapitalmarkttags in London rechnete Wacker Chemie am 17. September mit den eigenen Vorgaben ab. Das 2022 ausgerufene Ziel von rund zehn Milliarden Euro Umsatz bis 2030 ist gestrichen, die angepeilte Marge von über 20 Prozent gleich mit. An ihre Stelle tritt eine nüchterne Kennziffer: die Rendite auf das eingesetzte Kapital.
Das Wichtigste in Kürze
- Wacker Chemie streicht das 2030-Ziel von rund zehn Milliarden Euro Umsatz und einer EBITDA-Marge über 20 Prozent.
- Neue Leitgröße ist die Kapitalrendite (ROCE), die auf über zehn Prozent steigen soll.
- Ein Sparprogramm senkt die Kosten bis 2028 um mehr als 300 Millionen Euro pro Jahr.
- Auslöser ist der Preisverfall beim Solar-Polysilizium durch Chinas Überkapazität.
Was Wacker Chemie an den 2030-Zielen ändert

Klarer Bruch: Das 2022 formulierte Wachstumsziel von rund zehn Milliarden Euro Umsatz bis 2030 nimmt der Vorstand vom Tisch, ebenso die angepeilte EBITDA-Marge von über 20 Prozent.[1] Künftig soll das Geschäft nur noch etwas schneller wachsen als die Weltwirtschaft, die Marge beziffert Wacker auf rund 15 Prozent, ohne festes Zieljahr.
Rendite als Maßstab: Zur neuen Leitgröße macht Christian Hartel die Rendite auf das eingesetzte Kapital, die auf über zehn Prozent klettern soll. Ein bereits vor gut einem Jahr gestartetes Sparprogramm soll die Kosten bis 2028 um mehr als 300 Millionen Euro im Jahr drücken und diese Rendite absichern.
Warum der Preisverfall beim Polysilizium den Konzern zwingt
Rohstoffmarkt im Ungleichgewicht: Hinter der Zielkorrektur steckt kein Managementfehler, sondern ein aus der Balance geratener Markt. Wacker ist Weltmarktführer für hochreines Polysilizium, den Grundstoff für Solarmodule und Halbleiter. China stellt rund 90 Prozent des solartauglichen Polysiliziums her und drückt mit jahrelanger Überkapazität den Weltmarktpreis unter die Kostenlinie westlicher Hersteller.
Strom als Kostenfalle: Die Produktion von hochreinem Polysilizium ist extrem energieintensiv, und der deutsche Industriestrompreis dominiert die Kalkulation. Am Standort Burghausen strich Wacker deshalb bereits 1.300 Stellen. Der Schwenk zur Kapitalrendite folgt daraus: Wo der Mengenmarkt keine Marge mehr hergibt, zählt jeder investierte Euro.
Ein Weltmarktführer, der sein Umsatzziel kassiert und die Kapitalrendite zur Leitgröße macht, gesteht damit eine Niederlage im Mengenwettlauf ein. Gegen Chinas subventionierte Solarkette verdient Wacker sein Geld künftig mit Reinheit und Halbleiterqualität, nicht mit Tonnage.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was das für den Standort Deutschland heißt
Kein Einzelfall: Wacker reiht sich in einen breiten Umbau der deutschen Chemie ein. BASF drückte die Belegschaft in Ludwigshafen erstmals seit 1954 unter 30.000 und spart Milliarden, Evonik schließt Werke in Bitterfeld und Hamburg. Schon 2025 trennte sich Wacker vom Anteil am Waferhersteller Siltronic und stützte damit die Bilanz.
Strategisches Material: Für Europa ist die Kehrtwende heikel. Polysilizium ist der Grundstoff sowohl für die Energiewende als auch für die Chipfertigung, und Wacker gehört zu den letzten westlichen Produzenten. Unternehmen, die auf europäische Solar- oder Halbleiterlieferketten setzen, sollten die Abhängigkeit von chinesischem Material einkalkulieren; ein renditegetriebener Konzern baut Mengen ab, statt sie subventioniert zu halten. Auch für den Standort Deutschland ist der Rückzug ein Signal.
Quelle
[1] Wacker Chemie AG: „Capital Markets Day 2026“ (London, 17. September 2026)
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