BASF verdient wieder Milliarden und baut trotzdem so schnell Stellen ab wie seit Jahren nicht. Im Stammwerk Ludwigshafen arbeiten erstmals seit 1954 weniger als 30.000 Menschen in Vollzeit. Dieser Widerspruch hat einen Grund, den kein gutes Quartal auflöst.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenBASF hat sein Stammwerk Ludwigshafen unter eine historische Marke gedrückt: Erstmals seit 1954 liegt die Zahl der Vollzeitstellen dort unter 30.000. Weltweit hat der Konzern seit Anfang 2024 rund 7.000 Stellen abgebaut, allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als in den beiden Jahren zuvor zusammen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ludwigshafen fällt erstmals seit 1954 unter 30.000 Vollzeitstellen.
- Weltweit rund 7.000 Stellen weniger seit Anfang 2024.
- Zugleich hebt BASF die Gewinnprognose für 2026 an und kauft eigene Aktien zurück.
- Der Kern des Problems sind die Energie- und Standortkosten, nicht ein schwaches Quartal.
Warum trifft der Abbau ausgerechnet Ludwigshafen?

Ludwigshafen ist mit über 200 Anlagen der größte zusammenhängende Chemiestandort der Welt, ein sogenannter Verbund. Das Verbundprinzip rechnet sich nur bei hoher, gleichmäßiger Auslastung, weil die Abwärme und die Nebenprodukte einer Anlage die nächste speisen. Sinkt die Auslastung, kippt genau dieser Effizienzvorteil ins Gegenteil.
Hohe Strom- und Gaspreise sowie CO2-Kosten machen den Standort im Vergleich zu China und den USA teuer. Deshalb schrumpft BASF vor allem die zentrale Verwaltung und einzelne Produktionslinien, nicht das Auslandsgeschäft. Schon 2024 hatte der Konzern in Ludwigshafen ein Sparprogramm über mehrere Milliarden Euro aufgesetzt, das jetzt in der Belegschaft sichtbar wird.
Wie passt der Abbau zum Milliardengewinn?
Zahlen und Abbau wirken auf den ersten Blick paradox: Der Umsatz ist im zweiten Quartal auf 17,2 Milliarden Euro gestiegen, das EBITDA vor Sondereinflüssen um 854 Millionen auf 2,4 Milliarden Euro geklettert, und der Nettogewinn auf 4,1 Milliarden Euro gesprungen.[1]
Der Gewinnsprung täuscht allerdings, denn getragen wird er vor allem von Portfoliomaßnahmen, also von Verkäufen und Umgliederungen, nicht vom laufenden Geschäft. Genau diesen Konzernumbau treibt BASF seit Monaten voran, vom Verkauf der Lacksparte bis zur Verselbstständigung der Agrarsparte.
Für 2026 hebt der Vorstand die Prognose an, das EBITDA vor Sondereinflüssen soll nun 6,9 bis 7,7 Milliarden Euro erreichen. Parallel kauft BASF eigene Aktien für bis zu einer Milliarde Euro zurück, Teil eines Programms über vier Milliarden bis Ende 2028.
BASF liefert das Lehrstück der deutschen Industrie: Ein starker Abschluss kaschiert nicht, dass die Wettbewerbsfähigkeit am Energiepreis hängt und nicht am Fleiß der Belegschaft.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für den Standort Deutschland?
BASF steht nicht allein. Ein Muster zieht sich durch die deutsche Industrie: Thyssenkrupp prüft den Börsengang seiner Stahlsparte, Evonik stößt ganze Chemieparks ab. Und mit Boehringer friert bereits ein weiterer Konzern seine Investitionen ein.
Für Entscheider im Mittelstand ist das mehr als eine Konzernbilanz. Vorprodukte aus Ludwigshafen stecken in Lacken, Kunststoffen und Dämmstoffen ganzer Lieferketten. Betriebe, die auf Chemie-Vorprodukte angewiesen sind, sollten Zweitlieferanten prüfen und Energiekostenklauseln in ihren Verträgen offenlegen.
Ob das milliardenschwere Sondervermögen für Infrastruktur die Energiekosten spürbar senkt, ist offen. Bis dahin bleibt der Kostendruck der eigentliche Treiber, und Standortentscheidungen fallen zunehmend gegen Deutschland.
Für die Praxis heißt das, Standort- und Lieferkettenrisiken jetzt zu bewerten. Der Umbau von BASF zeigt, dass selbst ein profitabler Weltkonzern die deutschen Kosten nicht mehr mitträgt.
Quelle
[1] BASF SE: „BASF hebt die Ergebnisprognose für 2026 nach starkem zweiten Quartal an“ (Quartalsmitteilung, 29. Juli 2026)
Mehr Newshunger?
- BASF nach 100 Tagen in China profitabel, während Ludwigshafen 2,3 Milliarden spart
- Erst die Lacke, dann die Agrarsparte: Wie BASF seinen Konzern neu ordnet
- Evonik trennt sich von Syneqt: Warum deutsche Konzerne ihre Chemieparks abstoßen
- Nach dem geplatzten Jindal-Deal: Thyssenkrupp prüft den Börsengang der Stahlsparte
- „Die nächste Innovation geht nicht nach Deutschland“: Boehringer friert 900 Millionen Euro ein
- EU-Emissionshandel: Warum die ETS-Reform Wacker weniger entlastet als der Kurssprung nahelegt