Der TikTok-Eigentümer ByteDance verkauft künftig nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Moleküle. Die KI-Wirkstoffsparte Anew Labs sammelt in ihrer ersten externen Runde rund zwei Milliarden Yuan ein und wird dabei mit etwa 1,3 Milliarden Euro bewertet. Für Bayer, Boehringer und Evotec wächst damit ein Rivale heran, der Rechenzentren statt Labore als Startkapital mitbringt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKI-Wirkstoffforschung galt lange als teures Forschungshobby der großen Tech-Konzerne. Mit der Ausgliederung von Anew Labs stellt ByteDance diese Sparte erstmals auf eigene Beine und lässt sie extern finanzieren. Der Schritt zeigt, dass die sogenannte AI for Science den Sprung vom Fachaufsatz zur Firma mit Umsatzdruck schafft.
Das Wichtigste in Kürze
- Anew Labs, seit 2021 ByteDances Team für KI-Wirkstoffforschung, wird ausgegliedert und schließt laut 36Kr eine erste externe Runde über rund zwei Milliarden Yuan (etwa 260 Millionen Euro) ab.
- Investoren wie HSG, IDG Capital und Hillhouse bewerten die Firma mit rund 1,3 Milliarden Euro; ByteDance behält gut die Hälfte der Anteile.
- Kern der Technik ist das offene Modell Protenix zur Vorhersage von Proteinstrukturen, ein Gegenstück zu Googles AlphaFold.
- Europas Pharmakonzerne bekommen einen Wettbewerber mit Hyperscale-Rechenleistung.
Warum baut ein Kurzvideo-Konzern Medikamente?

Moderne Wirkstoffforschung ist im Kern zu einem Rechenproblem geworden. Ein Algorithmus faltet Proteine und entwirft Moleküle, deren Bindungsenergie er zugleich abschätzt, lange bevor ein Labor die erste Substanz mischt. Genau diese Aufgaben liegen näher an ByteDances Stärke mit riesigen GPU-Flotten und maschinellem Lernen als am klassischen Pharmalabor.
Das Team um Kai Liu, seit 2021 rund 50 Fachleute aus KI und Pharmazie, hat dafür eigene Modelle entwickelt. Das offen zugängliche Protenix sagt Proteinstrukturen voraus, ähnlich wie das AlphaFold, mit dem die DeepMind-Forscher einen Nobelpreis gewannen.
Vom Fachaufsatz zum Geschäftsmodell?
Die erste externe Runde bringt laut einem Exklusivbericht des Portals 36Kr rund zwei Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 260 Millionen Euro (Stichtag 17. September 2026).[1] Die Kapitalgeber HSG, IDG Capital und Hillhouse führen die Runde an und bewerten Anew Labs mit rund 1,3 Milliarden Euro. ByteDance hält weiterhin gut die Hälfte der Anteile.
ByteDance folgt damit einem vertrauten Muster. Der Google-Mutterkonzern Alphabet verselbstständigte seine AlphaFold-Forschung als Isomorphic Labs und finanziert diese KI-Pharmatochter mit Milliardensummen. AI for Science rückt damit aus der Grundlagenforschung in die angewandte Medikamentenentwicklung. Anew Labs nennt als konkretes Ziel bereits ein im April vorgestelltes Programm gegen den Botenstoff Interleukin-17.
Ein Konzern mit den größten Rechenzentren des Landes wird im Wirkstoffdesign zum ernsten Gegner, ganz ohne Laborkittel. Europas Pharmabranche verkauft ihren Vorsprung noch als Erfahrung und muss ihn bald gegen reine Rechenleistung verteidigen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Bayer und Boehringer?
Für deutschsprachige Pharmakonzerne verschiebt sich die Konkurrenzlage. Bayer entwickelt neue Wirkstoffe zunehmend am Rechner, Boehringer lizenziert dafür den KI-Forscher K Pro von Owkin, und Evotec vermietet seine KI-Wirkstoffsuche an Partner.
Einen Vorsprung behalten europäische Anbieter dennoch. Der EU AI Act und die Zulassung durch die Arzneimittelbehörde EMA regeln die klinische Prüfung streng, und über eine Marktzulassung entscheidet weiter die Laborarbeit am echten Molekül, nicht allein das Modell. Entscheider in Forschung und Strategie sollten KI-Partnerschaften jetzt vertraglich festzurren, statt auf einen einzelnen Anbieter zu warten.
ByteDance verselbstständigt seine KI-Wirkstoffforschung
Quelle
[1] 36Kr: „ByteDance’s AI drug discovery unit spins off for financing, AI4S enters industrialization phase“
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