Vier Wochen nach seinem Nein sitzt Finanzminister Lars Klingbeil mit UniCredit-Chef Andrea Orcel am Tisch und redet nicht mehr über ein Verbot, sondern über Auflagen. Die Mailänder Großbank kommt seit Juli an bis zu 49,65 Prozent der Commerzbank-Stimmen. Berlin verlegt sich deshalb aufs Aushandeln von Grenzen und pocht vor allem auf den Frankfurter Sitz und die Kredite für den Mittelstand.

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Bei der Commerzbank-Übernahme hat Berlin die Front gewechselt. Noch im Frühjahr wollten Kanzler und Minister den Zugriff der Italiener verhindern, jetzt zählen nur noch die Konditionen. Am 14. September legte Klingbeil dem UniCredit-Chef in Berlin vier Kernforderungen vor.

Das Wichtigste in Kürze

  • UniCredit sichert sich seit Juli den Zugriff auf bis zu 49,65 Prozent der Stimmrechte, genug für jede Hauptversammlung.
  • Klingbeil fordert einen Frankfurter Sitz, die Börsennotierung, zwei Aufsichtsratssitze und den Verzicht auf Stellenabbau.
  • Der Bund hält nur noch rund 12 Prozent und kann die Fusion nicht mehr blockieren.
  • Für den deutschen Mittelstand steht die Rolle seiner wichtigsten Firmenkundenbank auf dem Spiel.

Warum verhandelt Berlin plötzlich statt zu blockieren?

Tresor mit oranger Schleife und Notiz, auf der ein Wurzelzeichen und ein Fragezeichen zu sehen sind
UniCredit erwarb knapp die Hälfte der Commerzbank-Stimmrechte durch Finanzderivate, Aktientausch und Übernahmeangebot, ohne operative Kontrolle zu übernehmen

Zugriff ohne Kauf. UniCredit baute die Position größtenteils über Finanzderivate auf und tauschte diese in Aktien, ergänzt um ein Übernahmeangebot, das bis Anfang Juli weitere 17,6 Prozent einbrachte. Nach Freigabe der Aufsichtsbehörden verfügt die Bank über Zugriff auf knapp die Hälfte der Stimmrechte, ohne die Commerzbank operativ zu kontrollieren.[1] Die Führung liegt weiter beim Vorstand in Frankfurt.

Geschrumpfter Hebel. Der Bund kam über die Rettung von 2008 an gut 15 Prozent und ist inzwischen auf etwa 12 Prozent gefallen. Eine Sperrminorität ergibt das nicht mehr. Auf einer Hauptversammlung setzt UniCredit mit knapp 50 Prozent praktisch jeden Beschluss durch, also verlegt sich die Regierung vom Verbot auf Auflagen.

Ist eine europäische Bankenfusion ein Einzelfall?

Muster mit Vorlauf. Grenzüberschreitende Bankenzusammenschlüsse scheitern in Europa seit Jahren am nationalen Widerstand. In Spanien zog die BBVA lange erfolglos hinter der kleineren Banco Sabadell her, weil Madrid eine volle Verschmelzung mit Auflagen ausbremste. Die Bankenunion sollte genau das erleichtern, greift bei der Aufsicht, aber nicht bei der Politik.

Berlins Kalkül. Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit fordert größere, paneuropäische Banken. Auch die EZB wirbt offen für solche Zusammenschlüsse. Eine deutsche Totalblockade lässt sich gegen solche Appelle kaum halten. Die Deutsche Bank nutzt die Hängepartie bereits und wirbt in der Schweiz um die Firmenkunden der Credit Suisse.

Berlin hat die Übernahme nicht mehr verhindern können und macht aus der Not eine Verhandlung. Über den Preis entscheidet jetzt, ob Frankfurt Sitz und Mittelstandsgeschäft behält, nicht ob UniCredit die Mehrheit bekommt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für den deutschen Mittelstand?

Kredite im Blick. Die Commerzbank finanziert nach eigenen Angaben rund 30 Prozent des deutschen Außenhandels und zählt einen Großteil des Mittelstands zu ihren Firmenkunden. Klingbeils Forderung nach fortgeführter Mittelstandsfinanzierung zielt genau darauf: Ein italienischer Eigentümer soll die Kreditlinien für deutsche Betriebe nicht kappen.

Was Entscheider tun. Firmenkunden der Commerzbank prüfen jetzt ihre Kreditverträge auf Kontrollwechsel-Klauseln und streuen ihre Bankverbindungen breiter, bevor eine neue Eigentümerstruktur greift. Eine zweite feste Kreditlinie dämpft die Abhängigkeit von einer einzelnen Hausbank.

Commerzbank-Übernahme: die neuen Kräfteverhältnisse
Berlin verhandelt Auflagen, statt die Mehrheit zu verhindern.
49,65 %
Zugriff von UniCredit auf die Commerzbank-Stimmrechte, seit Juli 2026
rund 12 %
Restanteil des Bundes, gefallen von einst gut 15 Prozent
30 %
des deutschen Außenhandels finanziert die Commerzbank nach eigenen Angaben

Berlins vier Bedingungen an UniCredit

  • Sitz der Bank bleibt in Frankfurt
  • Börsennotierung bleibt bestehen
  • Zwei Aufsichtsratssitze für den Bund
  • Kein Stellenabbau, Mittelstandskredite gesichert

Nächster Termin offen. Klingbeil und Orcel wollen rasch weiterverhandeln, ein Abschluss steht nicht fest. Bis dahin bleibt die Commerzbank börsennotiert und eigenständig geführt. Deutsche Firmenkunden gewinnen so Zeit, ihre Finanzierung zu ordnen.

Quelle

[1] Commerzbank: „UniCredit – the position of Commerzbank“

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