Boehringer Ingelheim steigt wieder in die eigene Antibiotika-Forschung ein, obwohl neue Antibiotika kaum Erträge abwerfen. AstraZeneca, Novartis und Sanofi haben genau dieses Geschäft in den vergangenen Jahren aufgegeben. Konzernchef Shashank Deshpande erklärt in Biberach, warum das Ingelheimer Familienunternehmen die Rechnung trotzdem neu aufmacht.

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Bei einem Mediengespräch am Standort Biberach kündigte Boehringer-Chef Shashank Deshpande an, die Antibiotika-Forschung schon bald wieder in die eigenen Labore zu holen. Jahrelang überließ der Konzern dieses Feld strategischen Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmen. Der Kurswechsel fällt in eine Zeit, in der Fachleute vor einer stillen Pandemie durch resistente Keime warnen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Boehringer Ingelheim nimmt die Forschung an neuen Antibiotika wieder selbst auf, nach Jahren mit reinen Partnerschaften.
  • Kurzfristig erwartet Konzernchef Deshpande daraus keine nennenswerten Erträge.
  • Andere Großkonzerne hatten sich zuvor aus dem Feld zurückgezogen, weil neue Antibiotika die Entwicklungskosten nicht einspielen.
  • Ein neues EU-Anreizmodell soll die Forschung an Reserveantibiotika wieder lohnend machen.

Warum steigt Boehringer wieder selbst ein?

Petrischale mit Nährboden, Tablette, Keimen und Logo: „C KULTUR:NEUSTART“
Boehringer verlagert Forschung zu Antibiotika wieder intern und beendet Kooperation mit KI-Partner Owkin

Zurück ins eigene Labor: Boehringer holt die Suche nach Wirkstoffen gegen resistente Erreger wieder ins Unternehmen, statt sie wie zuletzt an strategische Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmen auszulagern. Über externe Partner lief bislang auch die KI-gestützte Wirkstoffsuche mit Owkin. Große Erträge verspricht sich Deshpande davon kurzfristig nicht. Dieses Eingeständnis benennt das eigentliche Problem: Der Markt allein finanziert diese Forschung nicht. Parallel kappte der Konzern zuletzt Investitionen am deutschen Standort, was den Schritt umso bemerkenswerter macht.

Warum rechnet sich das Geschäft mit Antibiotika nicht?

Das Reserve-Paradox: Ein wirksames neues Antibiotikum darf gerade nicht breit verordnet werden, weil jeder großflächige Einsatz neue Resistenzen züchtet. Ärzte halten das Mittel als letzte Reserve zurück. Kurze Behandlungen und billige Generika drücken den Umsatz zusätzlich. Im Kern steckt ein Widerspruch: Das wirksamste Mittel verkauft sich am seltensten. Milliardenschwere Dauertherapien wie Boehringers neues Abnehmmedikament bringen dagegen wiederkehrende Umsätze. Genau diese Rechnung trieb AstraZeneca 2016, Novartis 2018 und Sanofi aus der Antibiotika-Forschung, während sich Auftragsforscher wie Evotec auf besser zahlende Indikationen konzentrieren.

Ein neues Antibiotikum ist das einzige Medikament, dessen wirtschaftlicher Erfolg darin bestünde, möglichst selten verkauft zu werden. Solange die Politik diesen Widerspruch nicht mit festen Prämien auflöst, bleibt Boehringers Rückkehr ein kalkuliertes Zuschussgeschäft.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet die Kehrtwende für Europa?

Brüssel setzt auf Prämien: Mit der Reform des EU-Arzneimittelrechts liegt seit 2026 ein neues Anreizmodell auf dem Tisch, das Herstellern für ein dringend benötigtes Reserveantibiotikum einen übertragbaren Marktschutz-Gutschein zusichert. Solche Pull-Anreize sollen den fehlenden Absatz durch eine feste Prämie ersetzen. Rückenwind kommt zugleich aus der Digitalisierung der Wirkstoffsuche: KI-Modelle senken die Kosten des Screenings, ähnlich wie Evotec seine KI-gestützte Wirkstoffsuche vermietet. Ohne diese Kombination aus Prämie und günstigerer Forschung bliebe Antibiotika ein Verlustgeschäft.

Der Druck wächst: Bis 2050 könnten laut einer im Fachblatt The Lancet veröffentlichten Analyse weltweit mehr als 39 Millionen Menschen unmittelbar an resistenten Infektionen sterben.[1] Die Weltgesundheitsorganisation zählt Antibiotikaresistenzen zu den größten Gefahren für die globale Gesundheit.[2] Entwickler und Beschaffer von Reserveantibiotika sollten die Vergabekriterien der EU-Gutscheine früh in ihre Planung nehmen, denn über die Wirtschaftlichkeit entscheidet künftig die Prämie, nicht die verkaufte Menge.

Antibiotika: ein Markt, der sich nicht rechnet

Warum Boehringers Rückkehr in die Antibiotika-Forschung gegen den Branchentrend läuft.

39 Mio.
Menschen könnten bis 2050 an resistenten Infektionen sterben (IHME/GRAM)
3 Konzerne
große Pharmakonzerne verließen zuletzt die Antibiotika-Forschung
wenige Tage
dauert eine Antibiotika-Therapie, zu kurz für hohe Umsätze
2026
EU-Arzneimittelreform führt einen übertragbaren Anreiz-Gutschein ein

FAQ: Boehringer und die Antibiotika-Forschung

Warum steigt Boehringer wieder in die Antibiotika-Forschung ein?

Konzernchef Shashank Deshpande kündigte bei einem Mediengespräch in Biberach an, die Forschung an Mitteln gegen resistente Erreger schon bald wieder selbst zu betreiben. Zuvor hatte Boehringer dieses Feld vor allem strategischen Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmen überlassen.

Warum haben viele Pharmakonzerne die Antibiotika-Forschung aufgegeben?

Neue Antibiotika werden als letzte Reserve zurückgehalten und nur kurz verordnet, billige Generika drücken zusätzlich den Preis. Die Umsätze decken die hohen Entwicklungskosten nicht, weshalb sich mehrere Großkonzerne aus dem Feld zurückgezogen haben.

Was ist ein Pull-Anreiz für Antibiotika?

Ein Pull-Anreiz belohnt die erfolgreiche Entwicklung eines Reserveantibiotikums mit einer festen Prämie oder einem übertragbaren Marktschutz-Gutschein, unabhängig von der verkauften Menge. Die EU-Arzneimittelreform 2026 sieht ein solches Modell vor.

Wie viele Menschen sterben an Antibiotikaresistenzen?

Laut einer im Fachblatt The Lancet veröffentlichten Analyse könnten bis 2050 weltweit mehr als 39 Millionen Menschen unmittelbar an resistenten Infektionen sterben. Die WHO zählt Antibiotikaresistenzen zu den größten globalen Gesundheitsgefahren.

Quellen

[1] Institute for Health Metrics and Evaluation (GRAM-Studie, The Lancet): „More than 39 million deaths from antibiotic-resistant infections estimated between now and 2050“

[2] Weltgesundheitsorganisation: „Antimicrobial resistance“ (Fact sheet)

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