Evotec schickt mit seiner Tochter Just Biologics einen Antikörper-Cocktail gegen Pocken- und Mpox-Viren in die erste klinische Studie, finanziert vom US-Verteidigungsministerium. Entworfen hat den Wirkstoff eine Plattform, die Antikörper per künstlicher Intelligenz auslegt und ohne Chargenwechsel fertigt. Für Europas Biotech-Branche zeigt der Fall, wie schnell aus einer berechneten Sequenz ein klinischer Kandidat wird.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin Pocken-Antikörper, am Rechner entworfen und ohne klassische Produktionscharge gefertigt, hat am 9. September 2026 die erste Stufe der klinischen Erprobung erreicht.[1] Hinter dem Kandidaten JST-018 steht der Hamburger Wirkstoffkonzern Evotec, den Auftrag gab das amerikanische Verteidigungsministerium.
Das Wichtigste in Kürze
- JST-018, ein Cocktail monoklonaler Antikörper gegen Orthopockenviren (Pocken und Mpox), ist am 9. September 2026 in die klinische Phase 1 gestartet.
- Auftraggeber ist das US-Verteidigungsministerium; beide Antikörper-Programme von Just Biologics haben zusammen ein Volumen von bis zu 108 Millionen Euro.
- Gefertigt wird der Wirkstoff kontinuierlich in der Anlage J.POD im US-Bundesstaat Washington, ausgelegt auf der KI-gestützten Plattform J.DESIGN.
- Für europäische Biotechs zeigt der Kandidat, dass sich Wirkstoffdesign und Produktion zu einer durchgehenden digitalen Kette verbinden lassen.
Was ist JST-018, und wogegen schützt der Antikörper?

JST-018 ist ein Cocktail monoklonaler Antikörper, der vorbeugend gegen Orthopockenviren wirkt, also gegen die Erreger der echten Pocken und von Mpox. Der Wirkstoff imitiert keine aktive Impfung, sondern liefert die schützenden Antikörper direkt. Gedacht ist der Kandidat für Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko, im konkreten Auftrag für Soldaten. Die Studie läuft unter der Kennung NCT07595458.
Orthopockenviren gelten als unterschätzte Bedrohung, seit die weltweiten Impfkampagnen gegen die Pocken ausgelaufen sind. Die Mpox-Ausbrüche der vergangenen Jahre haben passive Schutzoptionen zurück auf die Agenda der Gesundheitsbehörden geholt, weil ein fertiger Antikörper im Ausbruchsfall sofort schützt und nicht erst nach Wochen wirkt.
Warum steckt hinter dem Wirkstoff eine Software-Plattform?
Just Biologics entwirft, optimiert und fertigt den Antikörper auf einer einzigen Plattform namens J.DESIGN, die künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen mit kontinuierlicher Bioproduktion verbindet.[2] Die Software wählt und verbessert die Antikörper-Sequenzen, eine hochexprimierende Zelllinie liefert die Menge, und die Anlage J.POD im US-Bundesstaat Washington produziert ohne den sonst üblichen Wechsel einzelner Chargen.
Linda Zuckerman, Global Head von Just Biologics, nennt das Programm einen Beleg dafür, „wie unsere integrierte Plattform für kontinuierliche Fertigung nahtlos von der Sequenz-Optimierung zur klinischen Prüfung führt“.[1] Solche KI-gestützten Ansätze bündeln inzwischen die ganze Branche, von Boehringers Lizenz für den KI-Wirkstoffforscher Owkin bis zu Googles Gemini in der Laborforschung.
Die eigentliche Neuigkeit ist nicht der Pockenschutz, sondern die Fabrik dahinter: Evotec verkürzt den Weg von der berechneten Sequenz zur ersten Ampulle auf eine durchgehende digitale Kette. Genau diese Fähigkeit reklamiert bislang das US-Militär für sich, während Europa noch über souveräne Wirkstoffproduktion diskutiert.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet der Fall für Europas Biotech-Branche?
Für europäische Biotechs ist JST-018 ein Beleg, dass sich Wirkstoffdesign und Produktion zu einer durchgehenden, digital steuerbaren Kette verbinden lassen. Evotec sitzt zwar in Hamburg, die entscheidende Fertigungsanlage und der Auftraggeber liegen aber in den USA. Für die europäische Biosicherheit, die unter der EU-Behörde HERA gebündelt wird, stellt sich die Frage nach eigener Plattform-Kapazität.
Wie sich mit dem Modell Geld verdienen lässt, führt Evotec parallel vor und vermietet den Zugang zur eigenen KI-Wirkstoffsuche an Partner wie Odyssey. Entscheider in Pharma und Zulieferindustrie sollten prüfen, welche Teile ihrer Wertschöpfung sich von der Sequenz bis zur Abfüllung digital verketten lassen, statt einzelne Schritte einzeln nach außen zu vergeben.
Von der Sequenz zur Klinik
FAQ: Evotec bringt einen Pocken-Antikörper in die klinische Erprobung
Was sind Orthopockenviren?
Orthopockenviren sind eine Virusgattung, zu der die Erreger der echten Pocken (Variola) und von Mpox gehören. Seit dem Ende der weltweiten Pocken-Impfkampagnen sinkt die Immunität in der Bevölkerung, weshalb die Mpox-Ausbrüche der vergangenen Jahre neue Schutzoptionen auf die Agenda gebracht haben.
Was ist ein Antikörper-Cocktail?
Ein Antikörper-Cocktail kombiniert mehrere monoklonale Antikörper in einem Präparat. Die Mischung greift ein Virus an mehreren Stellen an und senkt so das Risiko, dass eine einzelne Mutation den Schutz aushöhlt. JST-018 wirkt vorbeugend, liefert die Antikörper also direkt, statt wie eine Impfung erst eine Immunantwort auszulösen.
Was ist Just Biologics?
Just Biologics ist die vollständige Biologics-Tochter der Hamburger Evotec SE. Das Unternehmen entwickelt und fertigt Antikörper auf einer eigenen Plattform, die KI-gestütztes Molekül-Design mit kontinuierlicher Produktion in den J.POD-Anlagen verbindet, und arbeitet sowohl für eigene Programme als auch für Auftraggeber.
Was bedeutet kontinuierliche Fertigung bei Biologika?
Bei der kontinuierlichen Fertigung läuft die Produktion ohne den Wechsel einzelner Chargen durch. Zellkultur, Reinigung und Abfüllung greifen in einem durchgehenden Prozess ineinander, statt in getrennten Batch-Schritten. Das spart Zeit und Anlagenfläche und macht die Menge flexibel skalierbar, was gerade bei Wirkstoffen für den Ernstfall zählt.
Quellen
[1] Just Biologics: „Advances U.S. Department of War Antibodies Against Orthopoxvirus into Phase 1 Clinical Studies“ (Pressemitteilung, 9. September 2026)
[2] Evotec: „AI/ML-Driven Antibody Discovery“ (J.DESIGN-Plattform)
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