Das nächste Abnehmmedikament aus deutscher Forschung heißt BI 3034701 und steckt seit Mitte Juli in der zweiten von drei klinischen Phasen. Boehringer Ingelheim setzt dabei auf einen Wirkstoff, der drei Andockstellen im Körper zugleich anspricht. Für Entscheider im Gesundheitsmarkt zählt weniger die Studiennummer als die Frage, womit ein Nachzügler die etablierten Abnehmspritzen noch schlagen will.

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Das Wichtigste in Kürze

  • BI 3034701 ist ein Triple-Agonist an den Rezeptoren GLP-1, GIP und NPY2.
  • Die Phase II läuft seit dem 16. Juli 2026, zunächst zur Dosisfindung.
  • Neben BI 3034701 hält Boehringer mit Survodutide ein zweites Adipositas-Mittel, das in Phase III 16,6 Prozent Gewichtsverlust erreicht hat.
  • Weltweit leben über eine Milliarde Menschen mit Adipositas, rund jeder Achte.

Was ist an BI 3034701 neu?

Apfel mit Brille und drei Schlössern, geöffnet von Spezialschlüssel mit „3 in 1“-Anhänger
Boehringers Abnehm-Kandidat wirkt auf drei Rezeptoren: GLP-1, GIP und NPY2, während Konkurrenzprodukte maximal zwei Angriffspunkte haben

Die meisten Abnehmspritzen kennen nur einen oder zwei Angriffspunkte. Semaglutid, der Wirkstoff hinter Wegovy, ahmt allein das Sättigungshormon GLP-1 nach und sorgt inzwischen sogar für Schlagzeilen, weil er messbar das Altern bremsen soll. Zepbound von Eli Lilly bedient zusätzlich den GIP-Rezeptor.

Boehringers Kandidat kombiniert drei Rezeptoren: GLP-1, GIP und NPY2. Der dritte Andockpunkt macht den Unterschied. Während GLP-1 und GIP das Sättigungsgefühl steuern, greift der NPY2-Rezeptor zentral in das Hungersignal des Gehirns ein.[1] Die genaue Wirkung untersucht der Konzern noch, entwickelt hat den Wirkstoff der dänische Partner Gubra.

Warum jagen alle denselben Markt?

Der Grund steht in einer einzigen Zahl: Über eine Milliarde Menschen leben mit Adipositas, rund jeder Achte weltweit. Aus dieser Masse ist binnen weniger Jahre einer der größten Arzneimittelmärkte überhaupt geworden.

Das Rennen läuft über die Zahl der Wirkorte. Aus dem GLP-1-Einzelagonisten wurde der Doppelagonist, jetzt kommt die dreifache Variante. Eli Lilly prüft mit Retatrutide bereits ein Triple-Mittel, und Boehringer selbst hält mit Survodutide ein zweites Eisen im Feuer, das in Phase III 16,6 Prozent Gewichtsverlust erreicht hat. Zwei Kandidaten parallel im Rennen zu halten, streut das Risiko: Fällt einer in den Studien durch, bleibt der andere im Spiel.

„Wir arbeiten auf eine Zukunft hin, in der ein frühes Eingreifen über mehrere Signalwege den Verlauf verknüpfter Herz-Stoffwechsel-Erkrankungen aufhält“, sagt Shashank Deshpande, Vorstandsvorsitzender von Boehringer Ingelheim.

Der Wettlauf um das Abnehmmedikament
Von einem Rezeptor zu dreien

Wie viele Wirkorte ein Mittel bedient

1
Ein Rezeptor
GLP-1
Semaglutid (Wegovy)
2
Zwei Rezeptoren
GLP-1 + GIP
Tirzepatid (Zepbound)
3
Drei Rezeptoren
GLP-1 + GIP + NPY2
BI 3034701 (Boehringer)

Der Markt in Zahlen

>1 Mrd.
Menschen leben mit Adipositas, rund jeder Achte
16,6 %
Gewichtsverlust mit Survodutide in Phase III
Phase II
BI 3034701 seit Juli 2026 in der Prüfung

Der dritte Rezeptor entscheidet, ob Boehringer im Abnehmmarkt nur mitläuft oder aufholt. Ein zweiter Kandidat in der Pipeline zeigt, wie ernst der Konzern die Sache nimmt.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was heißt das für den DACH-Raum?

Für gesetzlich Versicherte in Deutschland hat der Wettlauf einen Haken. Abnehmspritzen bezahlen die Kassen bisher nicht, weil das Sozialgesetzbuch Mittel zur reinen Gewichtsreduktion als Lifestyle-Arznei von der Erstattung ausschließt. Ein besseres Medikament ändert daran zunächst nichts.

Zugleich zeigt der Fall die Zwickmühle des Standorts Deutschland. Erst vor Kurzem hat Boehringer 900 Millionen Euro an Investitionen in Deutschland eingefroren und zugleich Milliarden in den US-Standort gelenkt. Ein in Europa erdachtes Abnehmmittel dürfte seinen größten Umsatz also jenseits des Atlantiks machen.

Der Innovationsdruck treibt die ganze Branche. Konkurrent Novo Nordisk lässt inzwischen eine KI von OpenAI neue Therapien beschleunigen, während Merck seine Arzneimittelprüfung in Darmstadt bündelt.

Den Durchbruch belegt erst die Wirksamkeit in Phase III, und die steht frühestens in zwei bis drei Jahren fest. Bis dahin bleibt BI 3034701 ein vielversprechender Kandidat unter mehreren, und Krankenkassen, Arbeitgeber und Kliniken beobachten besser die Pipeline als die Schlagzeile.

Quelle

[1] Boehringer Ingelheim: „Boehringer Ingelheim strengthens obesity pipeline as potential first-in-class triple receptor agonist BI 3034701 enters Phase II development“

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