Der Autozulieferer ZF verleiht Fachkräfte an den Rüstungskonzern Diehl Defence. Die Beschäftigten aus Friedrichshafen arbeiten in Überlingen an Verteidigungsprojekten mit, ihr Arbeitgeber bleibt ZF. Welche Systeme dort entstehen, halten beide Unternehmen geheim.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZwischen ZF und Diehl Defence liegen am Bodensee nur rund 30 Kilometer, und diese Nähe nutzen die beiden Konzerne seit dem 24. September für eine ungewöhnliche Arbeitsteilung.[1] ZF übernimmt Entwicklungsaufgaben von der Konzeptstudie bis zur Validierung, Diehl behält die Verantwortung für die Systemanforderungen und die Integration. Für ZF bringt das Modell Einnahmen für Fachkräfte, die der Konzern wegen einer Beschäftigungssicherung bis Mai 2028 ohnehin weiterbezahlt.
Das Wichtigste in Kürze
- ZF erbringt für Diehl Defence ab sofort Engineering-Dienstleistungen, von Konzeptstudien über Simulationen bis zu Tests auf Prüfständen.
- ZF-Fachkräfte arbeiten per Arbeitnehmerüberlassung direkt bei Diehl in Überlingen, rund 30 Kilometer vom ZF-Sitz Friedrichshafen entfernt.
- Diehl bleibt für Systemanforderungen und Integration verantwortlich, konkrete Projekte nennen beide Unternehmen nicht.
- ZF baut bis 2028 rund 14.000 Stellen in Deutschland ab, betriebsbedingte Kündigungen bleiben bis Mai 2028 ausgeschlossen.
Warum verleiht ZF seine Fachkräfte, statt sich von ihnen zu trennen?

Gehalt ohne Auftrag. ZF baut bis 2028 rund 14.000 Stellen in Deutschland ab, 4.500 davon in der Verwaltung. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Mai 2028 jedoch ausgeschlossen. Mit dem Umbau der Antriebssparte schrumpft das Pkw-Geschäft, die Gehälter der Entwicklungsteams zahlt der Konzern trotzdem weiter. In der Arbeitnehmerüberlassung bezahlt der Entleiher die geliehene Arbeitszeit, und das Wissen der Fachkräfte bleibt bei ZF.
Leihe mit Frist. Rechtlich bleibt ZF der Arbeitgeber, fachliche Weisungen erteilt Diehl als Entleiher. Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz begrenzt den Einsatz desselben Leiharbeitnehmers beim selben Entleiher grundsätzlich auf 18 aufeinanderfolgende Monate, Tarifverträge dürfen davon abweichen.[2] Für einzelne Projektphasen passt die Konstruktion gut, für einen dauerhaften Wechsel in die Wehrtechnik nur mit Umwegen.
Wie unterscheidet sich das Modell von früheren Personalwechseln?
Arbeitgeberwechsel. Rheinmetall und Continental unterzeichneten im Juni 2024 eine Absichtserklärung: Bis zu 100 Beschäftigte aus dem Continental-Werk Gifhorn sollten eine Stelle im rund 55 Kilometer entfernten Rheinmetall-Werk Unterlüß bekommen.[3] Rheinmetall war nach Stiebel Eltron und Siemens Mobility der dritte Partner in Continentals Programm „From Work to Work“. Bei diesem Modell verlassen die Beschäftigten ihren alten Arbeitgeber und nehmen ihr Wissen mit.
Zweites Standbein. An der Wehrtechnik verdient ZF schon heute: Der Konzern liefert Antriebs- und Lenktechnik für den Radpanzer Boxer und das Sekundärgetriebe des Leopard 2. Mit Diehl kommt Entwicklungszeit als eigenes Produkt hinzu. Andere Industriekonzerne suchen ebenfalls den Weg ins Wehrgeschäft. Deutz liefert den Hybridantrieb für einen Bodenroboter, Schaeffler plant mit Delair die Serienfertigung von Kampfdrohnen. Heidelberger Druckmaschinen finanziert den Umbau zur Rüstung mit einem Dividendenverzicht, Mercedes-Benz liefert die G-Klasse als Basis für Militärfahrzeuge der British Army.
ZF vermietet in Überlingen Entwicklerstunden, die im schrumpfenden Pkw-Geschäft schwer auszulasten sind. Bei einer Jobgarantie bis 2028 ist ein zahlender Entleiher die günstigere Antwort als ein teures Abfindungsprogramm.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Zulieferer im Mittelstand?
Prüfstände vermarkten. Kleinere Zulieferer mit Prüfständen und Entwicklungsteams, die das Verbrennergeschäft nicht mehr auslastet, können das Modell übernehmen. Rüstungshersteller suchen genau diese Fähigkeiten: Simulation, Validierung unter realen Bedingungen und dokumentierte Qualitätsprozesse. Die von Index Research ausgewerteten deutschen Rüstungsfirmen schrieben allein im ersten Halbjahr 2026 rund 4.700 neue Stellen aus.
Arbeitsrecht zuerst. Arbeitnehmerüberlassung braucht grundsätzlich eine Erlaubnis der Bundesagentur für Arbeit,[2] und Einsätze an Wehrtechnik können Sicherheitsüberprüfungen der Beschäftigten nach sich ziehen. Geschäftsführer und Personalverantwortliche klären deshalb vorab mit dem Betriebsrat, ob bestehende Vereinbarungen die Überlassung abdecken und wer für Geheimhaltung und Haftung einsteht. Beim Aktionstag der IG Metall protestierten am 21. September rund 175.000 Beschäftigte gegen Stellenabbau, und Leihmodelle wie am Bodensee liefern Betriebsräten ein Gegenangebot zur Kündigung.
Quellen
[1] ZF, Mitteilung via defence-network: ZF bringt Engineering-Kompetenz in Projekte von Diehl Defence ein (24.09.2026)
[2] Bundesministerium der Justiz: Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, § 1 Erlaubnispflicht
[3] Rheinmetall: Cooperation with Continental for job opportunities (14.06.2024)
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