Verbio hat im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen eine Anlage in Betrieb genommen, die aus Rapsbiodiesel Grundstoffe für Schmierstoffe, Waschmittel und Kunststoffe herstellt. Der Biokraftstoffhersteller investierte knapp 100 Millionen Euro und schafft rund 50 Arbeitsplätze. Wie viel die Anlage produziert, entscheiden erst die Chemiekunden.

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„Es ist etwas ganz Besonderes, heute zu sehen, wie unsere Forschung in die industrielle Anwendung überführt wird“, sagte Chemie-Nobelpreisträger Richard R. Schrock am 6. Oktober bei der Inbetriebnahme der Verbio-Anlage in Bitterfeld-Wolfen.[1] Schrock gründete die Verbio-Tochter XiMo mit, deren Katalysatoren das Verfahren möglich machen.[2] Für Sachsen-Anhalt zählt vor allem: Ein Chemiestandort wächst, während in der Nachbarschaft Werke schließen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die neue Anlage in Bitterfeld-Wolfen kann bis zu 60.000 Tonnen biobasierte Chemikalien im Jahr herstellen.
  • Verbio investierte knapp 100 Millionen Euro, die GRW-Förderung beziffert das Unternehmen nicht.
  • Mit rund 50 neuen Stellen wächst die Belegschaft am Standort auf etwa 130.
  • Die Menge steigt erst, sobald Kunden die Stoffe für ihre Rezepturen freigeben.

Was stellt Verbio in Bitterfeld-Wolfen her?

Erlenmeyerkolben mit gelber Flüssigkeit und Rapsblüten auf weißem Hintergrund
Verbio wandelt Biodiesel durch Ethenolyse in 1-Decen und 9-DAME um. Die Anlage produziert jährlich 32.000 Tonnen 9-DAME für Waschmittel und Schmierstoffe sowie 17.000 Tonnen 1-Decen

Ausgangsstoff ist Rapsmethylester, also Biodiesel, den Verbio am selben Standort ohnehin aus europäischem Raps herstellt. Per Ethenolyse, einer Form der Olefin-Metathese, entstehen daraus 1-Decen und 9-DAME.[1] Ausgelegt ist die Anlage auf 32.000 Tonnen 9-DAME und 17.000 Tonnen 1-Decen im Jahr. 9-DAME geht in Waschmittel, Schmierstoffe und Polymere, 1-Decen in Hochleistungsschmierstoffe für Getriebe und Windräder.[2]

Das Projekt hat die letzte Stufe erreicht: Die Produktion läuft, und zwar in dem Jahr, das Verbio im Januar 2025 angekündigt hatte.[2] Kunden müssen die Bausteine allerdings erst für ihre Anwendungen qualifizieren, deshalb wächst die Menge schrittweise. Verbio nennt keine Abnehmerverträge, nur Anfragen aus Europa, Amerika und Asien.[1]

Verbio-Chef Claus Sauter spricht von einer Vorleistung und sieht die Kunden am Zug: „Jetzt ist es an der Chemieindustrie, diese neue Option zu nutzen.“[1]

Warum macht ein Biodieselhersteller jetzt Chemie?

Verbios Kerngeschäft hängt an der THG-Quote, über die Mineralölkonzerne ihre Klimapflichten erfüllen. Billige Importe aus China drückten den Quotenpreis zwei Jahre lang, erst die EU-Zölle auf chinesischen Biodiesel brachten die Erholung im Geschäftsjahr 2025/26. Der Erlös aus 1-Decen und 9-DAME hängt dagegen nicht an dieser Quote.

Hinzu kommt der Kostennachteil der europäischen Petrochemie: 1-Decen entsteht üblicherweise aus Ethylen; Anlagen in Asien und im Nahen Osten kommen günstiger an Öl und Gas. Michael Carus vom nova-Institut sagte bei der Inbetriebnahme: „Europa wird auf Dauer nicht über günstige fossile Rohstoffe mit anderen Weltregionen konkurrieren können.“[1] Biobasierte Bausteine weichen diesem Preiskampf aus, rechnen sich aber nur bei Kunden, denen die Klimabilanz ihrer Rohstoffe Geld wert ist.

Verbio macht in Bitterfeld-Wolfen Chemie aus Raps
Investition, Stellen und Kapazität der neuen Ethenolyse-Anlage
knapp 100 Mio. €
investierte Verbio, gefördert über die GRW, der Förderbetrag bleibt offen
50 neue Stellen
bringen den Verbio-Standort Bitterfeld auf rund 130 Beschäftigte
bis zu 60.000 t
biobasierte Chemikalien pro Jahr, ausgelegt auf 32.000 t 9-DAME und 17.000 t 1-Decen
Vom Rohbau zum Markthochlauf
November 2024
Die erste Destillationskolonne der Anlage steht.
Januar 2025
Verbio kündigt die Inbetriebnahme für 2026 an.
6. Oktober 2026
Die Anlage geht offiziell in Betrieb.
Ab jetzt
Kunden qualifizieren die Stoffe, die Menge steigt schrittweise.

Was bedeutet die Anlage für die Chemie in Mitteldeutschland?

Im selben Chemiepark schließt Evonik bis Ende April 2027 eine Produktion für hochreines Siliziumtetrachlorid mit rund 40 Stellen. In Leuna legen mehr als 400 Beschäftigte das insolvente Werk von Leuna Polyamid still. Beiden Werken setzte der Preisdruck aus Asien zu, Leuna Polyamid zusätzlich die hohen Energiekosten.

Wie lange Biochemie im großen Maßstab dauern kann, zeigt UPM. Der finnische Konzern kündigte 2020 für seine Bioraffinerie in Leuna 550 Millionen Euro und einen Start Ende 2022 an. Laut Land Sachsen-Anhalt kostet das Werk inzwischen 1,3 Milliarden Euro, die volle Kapazität soll 2027 erreicht sein.[3]

50 Stellen ersetzen kein Polyamidwerk, zeigen aber, wo ostdeutsche Chemie wachsen kann: bei Stoffen, deren Rohstoff vom Acker nebenan kommt.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Einkäufer bei Herstellern von Schmierstoffen und Waschmitteln bekommen mit Bitterfeld eine europäische Bezugsquelle für biobasierte Bausteine. Für die Freigabe in eigenen Rezepturen lohnt ein früher Start, solange Verbio die Mengen noch am Bedarf der ersten Kunden ausrichtet. Personalverantwortliche in der Region konkurrieren mit Verbio um Chemikanten und Elektrofachkräfte.[2] Ob sich Projekte wie Verbios Anlage oder die geplante Solarkerosin-Anlage von Synhelion in Hürth rechnen, hängt an denselben Energie- und Rohstoffkosten, die auch die Debatte über den Standort Deutschland bestimmen.

Quellen

[1] Verbio: „Verbio startet industrielle Produktion erneuerbarer Chemikalien“ (06.10.2026)

[2] Verbio: „Verbio in Bitterfeld: Baufortschritte bei der neuen Ethenolyse-Anlage“ (23.01.2025)

[3] Land Sachsen-Anhalt, Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt: „Schneider und Willingmann besuchen Bioraffinerie von UPM in Leuna“ (13.05.2026)

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