80,7 Milliarden Dollar Nettoverlust in sechs Monaten, umgerechnet 70,2 Milliarden Euro, nennt Anthropics Prospektentwurf laut Wall Street Journal. 62,6 Milliarden Euro davon sind Buchungseffekte ohne Geldabfluss. Echtes Geld binden dagegen Cloud-Verträge über rund 390 Milliarden Euro, die sich größtenteils nicht kündigen lassen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZugleich wächst der Umsatz schnell: Im ersten Halbjahr 2026 setzte der Claude-Entwickler 14,2 Milliarden Euro um, fast fünfzehnmal so viel wie ein Jahr zuvor. Das Wall Street Journal konnte den Entwurf des Börsenprospekts einsehen,[1] bei der US-Börsenaufsicht SEC lag am Dienstagabend noch keine öffentliche Fassung vor.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr auf 14,2 Milliarden Euro, nach knapp 1 Milliarde im Vorjahreszeitraum.
- Die Cloud-Verträge summieren sich auf rund 390 Milliarden Euro, knapp 97 Milliarden davon bei Google, knapp 96 bei Amazon Web Services.
- Rund 20 % des Halbjahresumsatzes kamen von nur zwei Kunden.
- Vom Nettoverlust über 70,2 Milliarden Euro sind 62,6 Milliarden Buchungseffekte ohne Geldabfluss.
Was steht im neuen Prospektentwurf?

Die Ausgaben für Rechenleistung stiegen laut WSJ im Jahresvergleich von 2 auf knapp 7,8 Milliarden Euro, umgerechnet zum Kurs von 0,87 Euro je Dollar. Im September hatten Reuters und die Financial Times aus einer früheren Fassung berichtet, damals vor allem über die Warnungen vor KI-Risiken.
Vom Nettoverlust über 70,2 Milliarden Euro sind laut WSJ 62,6 Milliarden Buchungseffekte aus Wandelanleihen und ähnlichen Papieren. Die Papiere stehen zum Marktwert in der Bilanz. Steigt Anthropics Bewertung, steigt auch ihr Wert, und die Differenz erscheint als Aufwand. Allein für das dritte Quartal nannte Anthropic Anlegern zuletzt einen Umsatz von 14,6 Milliarden Euro.
Warum sind die Cloud-Verträge das größere Risiko?
Die rund 390 Milliarden Euro verteilen sich auf sieben bis zehn Jahre, der Großteil ist laut WSJ unkündbar. Anthropic zahlt also auch dann, wenn die Nachfrage nachlässt. Rechnet man Verträge hinzu, über die noch verhandelt wird, könnten bis zu 650 Milliarden Euro zusammenkommen. Den Microsoft-Teil hatte Anthropic im November 2025 selbst angekündigt: Azure-Rechenleistung für 30 Milliarden Dollar.[2]
Auf der Einnahmenseite steht ein schmaler Kundenkreis. Zwei Kunden brachten rund ein Fünftel des Halbjahresumsatzes, viele Großkunden hatten laut der früheren Fassung keine langfristigen Verträge. Feste Kosten über Jahre, Einnahmen mit kurzer Bindung: Dieselbe Schere stand 2025 im Prospekt des Cloud-Anbieters CoreWeave. Von zwei Kunden kamen dort 77 % des Umsatzes von 2024, allein von Microsoft 62 %.[3]
Dazu kommt ein Engpass: Anthropic wollte laut dem vom WSJ zitierten Entwurf mehr Kapazität, als die großen Cloud-Anbieter liefern wollten, und prüft deshalb Rechenzentren anderer Betreiber. Als Risiko nennt der Entwurf auch den Widerstand gegen neue Rechenzentren, der sich zunehmend überregional organisiere. Wie lange Anlagen auf Strom warten, zeigte zuletzt ein Projekt in Essex.
Wohin die Cloud-Milliarden fließen
Was heißt das für Unternehmen, die Claude einsetzen?
Für Kunden in Deutschland zählen die Ausweichwege. Claude läuft neben Anthropics eigener Schnittstelle auch bei Amazon, Google und Microsoft.[2] Mehrere Bezugswege mildern Engpässe, ersetzen aber keinen zweiten Modellanbieter. Otto verteilt seine Anwendungen deshalb bewusst auf viele KI-Modelle.
Banken und Versicherer müssen die Abwägung sogar dokumentieren. Seit dem 17. Januar 2025 verlangt die EU-Verordnung DORA, vor Verträgen für kritische Funktionen das Konzentrationsrisiko zu bewerten, etwa bei Anbietern, die nicht ohne Weiteres ersetzbar sind.[4]
- Halten Sie für KI-Anwendungen im laufenden Betrieb ein zweites, getestetes Modell bereit, etwa aus dem Vergleich der KI-Textgeneratoren. Wie kurz die Vorwarnzeit ausfallen kann, zeigte der fast fünfstündige Ausfall von DeepSeek.
- Lesen Sie nach dem Börsengang die Quartalsberichte von Anthropic: Kundenkonzentration und Zahlungsverpflichtungen stehen dann regelmäßig darin.
Quellen
4 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- The Wall Street JournalBericht über den Entwurf des Börsenprospekts von Anthropic (20. Oktober 2026, englisch, hinter Bezahlschranke)
- AnthropicMicrosoft, NVIDIA, and Anthropic announce strategic partnerships (18. November 2025, englisch)
- CoreWeaveRegistrierungsformular S-1 bei der US-Börsenaufsicht SEC (3. März 2025, englisch)
- EUR-LexVerordnung (EU) 2022/2554 über die digitale operationale Resilienz im Finanzsektor (DORA), Artikel 29
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