Die eigene KI-Souveränität sichert Otto über ein einfaches Prinzip: Der Konzern verteilt seine Anwendungen auf viele Modelle und bindet sich an keinen Anbieter allein. Im Interview mit der Lebensmittel Zeitung bringt IT-Chef Michael Müller-Wünsch das auf die Formel „Je mehr Modelle, desto besser“. Wie schnell ein einzelner Anbieter zum Risiko wird, zeigte kurz zuvor ein Fall aus den USA.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Das Wichtigste in Kürze

  • Otto verteilt seine KI-Anwendungen bewusst auf mehrere Anbieter statt auf ein einzelnes Modell.
  • Europäische Modelle plant der Konzern laut Lebensmittel Zeitung fest als Alternative ein.
  • Auslöser der Debatte ist die US-Exportsperre vom 12. Juni 2026 gegen die stärksten Anthropic-Modelle.
  • Bei KI-generierten Modebildern spart Otto mit Movex bis zu 60 Prozent der Kosten.

Warum streut Otto seine KI über so viele Modelle?

Schlüsselkasten mit 6 Haken. Haken 3 leer mit blauer Figur. 1, 2, 4, 5, 6 mit Schlüsseln
Otto nutzt einen Router, um Anfragen automatisch an das kostengünstigste KI-Modell weiterzuleiten, ob OpenAI, Google oder europäische Anbieter

Hinter Ottos Multi-Model-Ansatz steckt eine Abstraktionsschicht zwischen Anwendung und Modell. Ein Router leitet jede Anfrage an das Modell, das die Aufgabe am günstigsten löst, mal an OpenAI, mal an Google, mal an ein europäisches Haus. Die Austauschbarkeit ist der eigentliche Hebel: Wird ein Modell gesperrt, teuer oder rechtlich heikel, übernimmt das nächste, ohne dass eine Fachabteilung ihren Code neu schreibt. Genau diese Wahlfreiheit macht Otto unabhängig von einzelnen KI-Anbietern.

Das interne Assistenzsystem ogGPT bündelt bereits mehrere Modelle für die Belegschaft. Für Produktbilder ersetzt Movex von der Techniktochter One.O die klassische Modelfotografie. Bis zu 60 Prozent der Produktionskosten fallen dort weg.[1] Dieselbe Governance-Frage treibt andere Konzerne um, etwa Ant Group, das seinen KI-Büroagenten im eigenen Netz hält.

Welchen Weckruf lieferte Washington?

Die Dringlichkeit stammt aus einem realen Schock. Am 12. Juni 2026 ordnete die US-Regierung per Exportkontrolle an, die stärksten Modelle von Anthropic für ausländische Nutzer zu sperren. Weil sich Inländer technisch nicht sauber trennen ließen, kappte Anthropic den Zugang kurzerhand weltweit.[2] Claude Opus, Sonnet und Haiku blieben nutzbar, doch die Botschaft saß. Die Abschaltbarkeit aus der Ferne rückte über Nacht ins Zentrum: „KI-Modelle aus den USA können jederzeit und teils aus undurchsichtigen Gründen abgeschaltet oder im Zugang beschränkt werden“, warnt Gitta Kutyniok vom Lehrstuhl für Mathematik gegenüber dem Science Media Center.

Der Vorfall steht nicht allein. Brüssel prüft die Modelle von OpenAI und Anthropic inzwischen scharf. Selbst Mistral zielt mit Microsoft auf abgeschottete Rechenzentren für regulierte Branchen. Das Muster bleibt dasselbe: Eine Kernfunktion an genau einem fremden Modell kostet im Ernstfall Handlungsfähigkeit.

Ein zweites Modell ist keine Spielerei der IT, sondern die günstigste Versicherung gegen einen Anbieter, der aus politischen Gründen den Hahn zudreht. Otto zeigt dem Mittelstand, dass Souveränität bei der Architektur beginnt, nicht beim Lieferantenwechsel im Krisenfall.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Ottos KI zwischen vielen Modellen
Warum ein einziger Anbieter zum Risiko wird
bis 60 %
niedrigere Produktionskosten bei Modebildern durch das KI-Werkzeug Movex
12.06.2026
US-Exportsperre gegen die stärksten Anthropic-Modelle
weltweit
Die Sperre traf alle ausländischen Nutzer ohne Vorwarnung

Ein Anbieter

Eine einzige US-Quelle lässt sich aus der Ferne drosseln oder abschalten.

Viele Modelle

Fällt eines aus, übernimmt das nächste; europäische Häuser wachsen als Reserve.

Der EU AI Act verlangt von Betreibern Dokumentation und menschliche Aufsicht. Ein zweites Modell erfüllt das nicht, verteilt aber das Ausfallrisiko.

Was heißt das für Entscheider im DACH-Raum?

Für Unternehmen im DACH-Raum ist der Fall mehr als eine Anekdote. Der EU AI Act nimmt Betreiber von KI in sensiblen Prozessen ohnehin in die Pflicht. Ein zweites Modell erfüllt keine davon, verteilt aber das Ausfallrisiko. Hinzu kommt der CLOUD Act, der US-Behörden Zugriff auf Daten bei amerikanischen Anbietern erlaubt, selbst wenn die Server in Frankfurt stehen und der Speicher dort wie bei IONOS bis in den Arbeitsspeicher verschlüsselt ist.

Drei Schritte lohnen sich schon jetzt:

  • Jede KI-Anwendung über eine Abstraktionsschicht anbinden statt fest gegen eine einzige Schnittstelle.
  • Für jedes Modell eine Ausweichoption benennen und einmal im Testbetrieb durchspielen.
  • Europäische Anbieter wie Mistral prüfen, deren Daten in der EU liegen und nicht unter den CLOUD Act fallen.

Der Bann vom Juni war ein Vorbote. Prüfen Sie, an welchem einzelnen Modell Ihre wichtigsten KI-Prozesse hängen, und bauen Sie die zweite Spur ein, bevor der nächste Zugang aus der Ferne endet.

Was bedeutet eine Multi-Model-Strategie bei KI?

Eine Multi-Model-Strategie bindet Anwendungen nicht an ein einzelnes KI-Modell, sondern verteilt Anfragen über eine Abstraktionsschicht auf mehrere Anbieter. Ein Router wählt je Aufgabe das passende und günstigste Modell. Fällt eines aus, wird gesperrt oder teuer, übernimmt ein anderes, ohne dass die Fachabteilung ihren Code neu schreiben muss.

Warum sind europäische KI-Modelle für die Souveränität wichtig?

US-Anbieter unterliegen dem CLOUD Act und US-Exportkontrollen, so wie im Juni 2026 bei den stärksten Anthropic-Modellen. Behörden können den Zugang beschränken oder auf Daten zugreifen, auch wenn Server in Frankfurt stehen. Europäische Modelle wie Mistral mit Datenhaltung in der EU senken diese Abhängigkeit und dienen als Ausweichoption.

Quellen

[1] Otto Group one.O: „OTTO setzt auf KI-generierte Modebilder mit MOVEX“

[2] Science Media Center: „Anordnung der US-Regierung: Anthropic schränkt Zugang zu neuen KI-Modellen ein“

Mehr Newshunger?

4,6 11 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?