In Stuttgart, Heilbronn und Reutlingen registrierte die Polizei von 2022 bis 2024 insgesamt 791 Unfälle mit Getöteten oder Schwerverletzten, 36 % weniger als von 2016 bis 2018. Die sechs übrigen Großstädte des Landes kamen auf 24 %. Für den Streit um eine Rückkehr zu Tempo 50 liefert der amtliche Unfallatlas damit ein starkes Argument für Tempo 40, aber keinen Beweis.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenDie Stuttgarter Nachrichten haben für eine Datenanalyse alle Unfälle in Stuttgart, Heilbronn und Reutlingen ausgewertet. Ihr Befund: In den drei Städten mit Tempo 40 auf Hauptstraßen ist der Verkehr heute sicherer als in Städten mit Tempo 50.[1] Dr. Web hat die amtlichen Daten für das ganze Land nachgerechnet.
Das Wichtigste in Kürze
- In den drei Städten mit Tempo 40 sank die Zahl schwerer Unfälle um 36 %.
- In den sechs übrigen Großstädten betrug der Rückgang 24 %, im restlichen Land 22 %.
- Alle Unfälle mit Verletzten sanken in den drei Städten nur um 12 %.
- Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper will zurück zu Tempo 50.
Wie stark sind die schweren Unfälle zurückgegangen?

Der Unfallatlas der Statistischen Ämter verzeichnet jeden Unfall mit Personenschaden samt Ort und Schwere. Dr. Web hat 2016 bis 2018 mit 2022 bis 2024 verglichen, ohne die Corona-Jahre.[2] Tempo 40 kam für saubere Luft auf die Hauptstraßen: in Heilbronn 2019 und 2020,[3] in Stuttgart im Talkessel,[4] in Reutlingen bis Dezember 2020.[5]
In Stuttgart sank die Zahl schwerer Unfälle von 796 auf 517, ein Minus von 35 %. Heilbronn kam auf 31 %, Reutlingen auf 48 %. Im Land ohne seine neun Großstädte betrug der Rückgang 22 %.[2]
Warum wirken zehn Kilometer pro Stunde so stark?
Der Anteil schwerer Fälle an allen Unfällen mit Verletzten fiel in den drei Städten von 14,5 auf 10,5 %.[2] Zusammenstöße passieren also weiterhin, nur enden sie seltener mit schweren Folgen. Rechnerisch hat ein Auto mit 50 km/h beim Aufprall gut die Hälfte mehr Bewegungsenergie als mit 40 km/h.
Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) stellte im September an Tempo-30-Abschnitten auf 42 Hauptstraßen ein ähnliches Bild fest: weniger als halb so viele Unfälle mit Schwerverletzten oder Getöteten, obwohl nur jeder Vierte Tempo 30 einhielt. Laut UDV-Leiterin Kirstin Zeidler fahren die Menschen dort kaum langsamer, aber aufmerksamer.[6] Das Landesverkehrsministerium nennt zudem einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss,[4] wie ihn Städte sonst mit verkehrsabhängig geschalteten Ampeln anstreben.
Über Tempo 40 sollten nicht mehr die Luftwerte entscheiden, sondern die Zahl der Schwerverletzten.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Unfälle mit Getöteten oder Schwerverletzten
Was folgt daraus für den Streit um Tempo 50?
Oberbürgermeister Nopper verlangte im Mai, Tempo 40 auf großen Straßen aufzuheben: Die Luftgrenzwerte würden seit fünf Jahren eingehalten, die neue Straßenverkehrsordnung sehe Tempo 40 nur in Ausnahmefällen vor.[7] Das Umweltministerium lehnte die Forderung im Juli ab.[8] Am Neckartor stieg der Stickstoffdioxid-Wert im ersten Halbjahr 2025 auf 36 Mikrogramm je Kubikmeter Luft, ab 2030 gilt ein EU-Grenzwert von 20 Mikrogramm.[4]
Die Daten haben ihre Grenzen: Auch für Mannheim (−39 %) und Pforzheim (−46 %) zeigt der Unfallatlas starke Rückgänge, für Freiburg ein Plus von 5 %. Ein Städtevergleich kann die Wirkung von Tempo 40 nicht von der neuer Radwege, Kontrollen oder Baustellen unterscheiden. In Reutlingen entfielen die Tempo-40-Strecken des Luftreinhalteplans Ende 2024,[5] 2025 zählte der Unfallatlas dort 42 schwere Unfälle nach 28 im Vorjahr.[2] Für ein Urteil reicht ein Jahr nicht.
Für Betriebe mit Fuhrpark heißt das:
- Erwarten Sie von Tempo 50 keine flüssigeren Touren: Kreuzungen, Ampeln und Parkvorgänge bestimmen laut Verkehrsministerium stärker als das Tempolimit, wie viel Verkehr eine Stadtstraße bewältigt.[9]
- Rechnen Sie in Stuttgart vorerst weiter mit Tempo 40, das Land hält daran fest.[8]
Quellen
9 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Stuttgarter NachrichtenAlle Unfälle analysiert: Deutlich weniger schwere Unfälle mit Tempo 40, Datenanalyse von Jan Georg Plavec und Simon Koenigsdorff (hinter Bezahlschranke)
- Statistische Ämter des Bundes und der LänderUnfallatlas, Datensätze Unfallorte 2016 bis 2019 und 2022 bis 2025, Auswertung von Dr. Web (abgerufen am 28. Oktober 2026)
- Stadt HeilbronnLuftreinhalteplan, Maßnahme 1
- Landtag von Baden-WürttembergDrucksache 17/9575, Antwort des Ministeriums für Verkehr vom 29. Oktober 2025 (PDF)
- Regierungspräsidium TübingenLuftreinhalteplan für die Stadt Reutlingen, 5. und 6. Fortschreibung
- Unfallforschung der VersichererGezielte Tempo 30-Abschnitte senken Unfallzahlen, obwohl viele schneller fahren
- Landeshauptstadt StuttgartOB Nopper fordert von neuer Landesregierung Aufhebung von flächendeckendem Tempo 40 in Stuttgart
- Stuttgarter ZeitungTempolimit in Stuttgart: Zurück zu Tempo 50? Warum Frank Noppers Forderung beim Land durchfällt (hinter Bezahlschranke)
- Landtag von Baden-WürttembergDrucksache 17/10342, Antwort des Ministeriums für Verkehr vom 21. April 2026 (PDF)
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