Mai 2024 zog Leipzig nach einem einjährigen Verkehrsversuch positive Bilanz, im April 2024 beschloss der Stadtrat das Gesamtkonzept. Der Bund fördert über das BMWSB 14 Pilotprojekte mit 3,89 Millionen Euro. Was Leipzig richtig macht und warum andere deutsche Städte nachziehen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenStellen Sie sich eine Wohnstraße vor, die plötzlich keine Durchgangsstraße mehr ist. Statt Pendlerverkehr stehen Pflanzkübel und Sitzgelegenheiten, Kinder spielen wieder auf der Straße, Anwohner halten lange Tafeln zum gemeinsamen Essen ab. Das ist die Hildegardstraße in Leipzig-Volkmarsdorf seit Mai 2023, das deutsche Vorzeige-Beispiel eines Superblocks.
Das Wichtigste in Kürze
- Mai 2023: Beginn des Verkehrsversuchs in der Hildegardstraße zwischen Eisenbahn- und Ludwigstraße
- April 2024: Stadtrat beschließt Gesamtkonzept für Quartier nördlich der Eisenbahnstraße
- Mai 2024: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zieht positive Bilanz nach einem Jahr
- BMWSB-Förderung: 3,89 Millionen Euro für 14 Pilotprojekte zu Superblocks und 15-Minuten-Stadt
- Bottom-up-Modell: Projekt aus Bürgerinitiative, nicht aus Verwaltung
Wie der Verkehrsversuch lief

Im Oktober 2022 trat eine Bürgerinitiative bei einem Stadtteilrundgang an Oberbürgermeister Burkhard Jung heran. Im Mai 2023 startete der offizielle Verkehrsversuch: Diagonalsperren in der Hildegardstraße verhinderten Durchgangsverkehr, der freigewordene Raum wurde mit Sitzmöbeln, Pflanzen und Spielelementen gestaltet. Begleitet wurde das Projekt durch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.
Nach einem Jahr zog die Stadtverwaltung Bilanz, im April 2024 beschloss der Stadtrat das Gesamtkonzept für das Quartier nördlich der Eisenbahnstraße. Begrenzt wird das Gebiet östlich von der Torgauer Straße, westlich von der Rosa-Luxemburg-Straße und nördlich von der Bahnstrecke. Schrittweise sollen Diagonalsperren weitere Straßen verkehrsberuhigen, die Ludwigstraße ist als Fahrradstraße geplant.
Was die Wissenschaft sagt

Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung begleitet den Verkehrsversuch wissenschaftlich. Die Forschungsergebnisse zeigen drei Wirkungen: höhere Verkehrssicherheit für Rad- und Fußverkehr, mehr Grünflächen mit positiven Effekten auf Gesundheit und Artenvielfalt, geringere Luft- und Lärmbelastung.
Wichtig ist die Botschaft: Verkehrsberuhigung führt nicht zum prophezeiten Verkehrskollaps in den Hauptstraßen. Die Stadt Leipzig dokumentiert die Verkehrsverlagerungseffekte transparent. Diese Daten sind politisch wertvoll, weil sie das häufigste Gegen-Argument der Auto-Lobby empirisch entkräften.
Leipzigs Bottom-up-Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich von Barcelona. Dort entstanden Superblocks per Verwaltungsakt, in Leipzig haben Anwohner monatelang Beteiligungsformate organisiert. Das ist mühsamer, aber demokratisch belastbarer.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was die Bundesförderung bewirkt

Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen fördert von Januar 2024 bis Dezember 2026 insgesamt 14 Maßnahmen mit rund 3,89 Millionen Euro. Die Projekte verfolgen das Ziel der Förderung nachhaltiger Möglichkeiten für individuelle Mobilität und Logistik in städtischen Randgebieten. Verantwortlich sind unter anderem die Universität Leipzig, das Leibniz Institut für Ökologische Raumentwicklung und die Technische Universität München.
Die Förderung adressiert nicht nur Leipzig, sondern auch Köln, Stuttgart und Bremen. Bremen arbeitet bei der Verkehrsberuhigung mit Hochbeeten statt Pollern. Berlin verfolgt seit 2018 einen Bottom-up-Ansatz mit dem Verein Changing Cities und 13 bestehenden Kiezblocks, allerdings unter politischem Druck.
Wo das Modell exportiert wird

Drei Städte haben Leipzig konkret als Vorbild übernommen.
Köln
Köln plant Superblock-Elemente in mehreren Innenstadt-Quartieren. Die Stadt orientiert sich an der Leipziger Methodik der wissenschaftlichen Begleitung durch Hochschulen und der Bürgerbeteiligungs-Formate.
Stuttgart
Stuttgart nutzt Superblock-Konzepte als Bestandteil seiner Mobilitätsstrategie 2030. Die Stadt arbeitet eng mit der Universität Stuttgart zusammen, um Verkehrsverlagerungs-Effekte messbar zu dokumentieren.
Bremen
Bremen geht den niedrigschwelligen Weg mit Hochbeeten statt Pollern. Der Vorteil: rückbaubar, kostengünstig, schnell umsetzbar. Der Nachteil: weniger durchsetzungsstark als feste Diagonalsperren.
Was deutsche Städte daraus lernen können

Leipzig zeigt, dass Superblocks in Deutschland funktionieren, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Eine Bürgerinitiative als Treiber, eine wissenschaftliche Begleitung für die politische Legitimation und eine schrittweise Umsetzung mit transparenter Evaluation. Wer diese drei Hebel hat, kann auch in Großstädten mit autogerechter Bestandsstruktur Verkehrsberuhigung durchsetzen.
Internationaler Vergleich hilft beim Einordnen. Wien hat im Oktober 2024 den Spatenstich zur dauerhaften Umsetzung des Supergrätzels Favoriten gefeiert. Der Bezirk Mitte in Berlin hält trotz CDU-Senats an zwölf Kiezblocks bis 2026 fest. Die Pariser Niedrigemissionszone ZFE 2026 ist die radikalere Variante derselben Bewegung.
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